Ukraine

„Ressourcen des Krieges gehen zur Neige“: Ukrainischer Ökonom sieht baldiges Kriegsende

Laut Oleksij Kuschtsch fehlen der Ukraine Geld und Menschen für einen langen Krieg. Die Führung in Kiew müsse einen Ausweg suchen, sonst drohe der Kollaps.

4 Min
Der Ökonom Oleksij Kuschtsch glaubt, Kiew gehe das Geld für den Krieg aus.

Der Ökonom Oleksij Kuschtsch glaubt, Kiew gehe das Geld für den Krieg aus.

© Ukraine Presidency/imago

Der Krieg in der Ukraine nähert sich nach Einschätzung des ukrainischen Wirtschaftswissenschaftlers Oleksij Kuschtsch seinem Ende. Der Grund sei jedoch kein militärischer Durchbruch und kein diplomatischer Erfolg. Der Ukraine gingen schlicht die Mittel aus, um den Krieg fortzusetzen. Das gelte auch für die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland, die sich inzwischen um zwei Drittel verringert habe. Kuschtsch äußerte sich im YouTube-Kanal des Kiewer Politologen Jurij Romanenko.

„Das lässt sich schon bei näherer Betrachtung beobachten“, sagte Kuschtsch. „Ich sehe, wie sich systemische Schäden anhäufen. Das zeigt sich an einer ganzen Reihe von Faktoren, darunter wirtschaftlichen und außenpolitischen.“ Der Ökonom beschreibt eine Erschöpfung, die weit über den Staatshaushalt hinausreiche. „Offensichtlich gehen die Ressourcen des Krieges über die gesamte Bandbreite der Potenziale zur Neige. Das betrifft nicht nur Geld oder finanzielle Mittel. Es betrifft auch die Belastungsreserven der Infrastruktur, das demografische Potenzial und sogar das mentale Potenzial.“

Ukraine-Experte: „Unter den Trümmern“

Nach Kuschtschs Darstellung ist sich die Führung in Kiew dieser Lage bewusst. Früher oder später werde die Regierung von Präsident Wolodymyr Selenskyj deshalb nach Wegen suchen, den Krieg zu beenden. Er formuliert das als Alternative mit drastischen Folgen. „Sie müssen verstehen, dass sie entweder beginnen, bestimmte Schritte zu unternehmen, die auf die Suche nach Lösungen für einen Ausstieg aus dem Krieg abzielen. Oder alle könnten schlicht unter den Trümmern dieser Konstruktion landen, auch die politischen Eliten.“

Auch die wirtschaftliche Lage in der Ukraine sei angespannt. „Die Wirtschaft wird jeden Moment in eine Rezession übergehen, also in einen Rückgang über mehr als zwei Quartale in Folge“, sagte Kuschtsch. „Wir sehen, dass die Auslandshilfe schrumpft. Es ist also ein ganzes Puzzle aus Faktoren, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen.“

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Besonders deutlich zeige sich die Entwicklung bei direkten Finanzhilfen westlicher Staaten. Diese seien nach Kuschtschs Rechnung etwa um den Faktor drei gesunken. Früher habe Kiew jährlich 40 bis 50 Milliarden US-Dollar erhalten. Nun seien es 30 Milliarden Dollar für zwei Jahre, also rund 15 Milliarden pro Jahr.

Daraus ergebe sich das Haushaltsloch von 27 Milliarden Dollar, das die ukrainische Regierung jüngst bekannt gegeben hat. Kuschtsch zufolge war dieses Defizit allerdings schon Anfang 2026 absehbar. Für das kommende Jahr rechnet er mit einer Lücke in ähnlicher Größenordnung. Zusammen summiere sich der Fehlbetrag damit auf rund 50 Milliarden Dollar.

Mit dieser Warnung ist Kuschtsch nicht zum ersten Mal an die Öffentlichkeit gegangen. Bereits zuvor hatte der Wirtschaftswissenschaftler erklärt, dem ukrainischen Staatshaushalt werde im vierten Quartal, also ab Oktober, das Geld ausgehen.

Dankbares Echo in Russland

Seine Aussagen wurden zunächst von regierungskritischen ukrainischen Portalen verbreitet. In Russland griffen sie kurz darauf unter anderem das Regionalportal URA.ru und der kremlnahe, nationalistische Sender Zargrad auf. Dort erschienen sie unter Überschriften wie: „In der Ukraine erklärte man, der Konflikt nähere sich dem Ende“. Für die russische Seite ist eine solche Stimme aus der Ukraine willkommen. Diese stützt die in Moskau gepflegte Erzählung, wonach Kiew der Atem ausgehe und die Zeit für Russland arbeite.

Kuschtschs Diagnose ist jedoch zunächst eine ökonomische, keine politische Prognose. Einen Zeitpunkt für ein Kriegsende nennt er nicht. Offen lässt er auch, wie ein möglicher Ausstieg aus dem Krieg aussehen könnte und zu welchen Bedingungen er zustande käme. Sein Argument läuft auf eine Rechnung hinaus: Ein Staat, dem Geld, Menschen und Belastbarkeit gleichzeitig ausgingen, könne einen Abnutzungskrieg auf Dauer nicht durchhalten, gleich wie der politische Wille aussehe.

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