Es war einer der schwersten Angriffe seit Monaten. In der Nacht zum Mittwoch feuerte Russland mehr als 190 Raketen und Drohnen auf die Ukraine ab. Die Angriffe richteten sich vor allem gegen die Energieinfrastruktur, in Kiew fiel der Strom aus. Ministerpräsident Serhij Korezkyj sprach von einer neuen Dimension. „Seit dem Sommer gab es praktisch keinen einzigen Tag, an dem der Feind die Energieinfrastruktur nicht angegriffen hat. Aber einen Angriff dieses Ausmaßes und dieser Intensität hat es seit dem Ende der letzten Heizperiode nicht gegeben.“
Präsident Wolodymyr Selenskyj rief die Verbündeten erneut auf, mehr Flugabwehr zu liefern. „Jede Abfangrakete rettet tatsächlich Leben“, sagte der ukrainische Staatschef. „Und je näher der Winter rückt, desto mehr von diesem Schutz brauchen wir.“
Die Angriffe treffen das kriegsgebeutelte Land in einem denkbar ungünstigen Moment. Der Militärführung in Kiew gehen die Abfangraketen aus, besonders gegen Russlands wachsende Zahl strahlgetriebener Drohnen. Zugleich wird das Geld für die ukrainische Staatskasse knapp. Wie das Nachrichtenportal Politico berichtet, sprach Korezkyj gegenüber Journalisten von einer Finanzierungslücke von 27 Milliarden Dollar im Verteidigungshaushalt für dieses Jahr. Etwa sieben Milliarden wolle die Regierung selbst aufbringen, den Rest müssten die westlichen Partner stemmen.
Mehr als ein Winterfeldzug?
In der Ukraine wie auch im Westen hat sich eine neue Lesart der russischen Kriegsführung in den vergangenen Wochen durchgesetzt. Putin wolle im Winter das Energienetz zerstören, die frontnahen Großstädte wie Charkiw oder Dnipro ohne Wasser und Heizung lassen, Panik säen und die Verantwortlichen in der Hauptstadt Kiew so zu Zugeständnissen zwingen. Daraus folgt oft der Schluss, die Ukraine und Europa müssten nur bis zum Frühjahr durchhalten. Dann sei der Kreml angesichts eigener Schäden zu einem Waffenstillstand gezwungen.
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Das ukrainische Nachrichtenportal Strana bezweifelt diese Rechnung. Sie gehe nur auf, „wenn Putin seine Strategie tatsächlich mit einem Zeithorizont bis zum Frühjahr ausrichtet“. Das müsse aber keineswegs so sein. Das Vorgehen des Kremls sei womöglich auf einen deutlich längeren Zeitraum angelegt. Das Ziel: Die ukrainische Wirtschaft solle zerstört werden, auch wenn das die russische Wirtschaft ebenfalls belaste, für Russland aber nicht existenzbedrohend sei.
Als Beispiel nennt das Portal die Landwirtschaft. Nach ukrainischen Angriffen auf russische Schiffe im Schwarzen und Asowschen Meer habe die russische Armee ihre Angriffe auf Schiffe verstärkt, die ukrainische Häfen anlaufen, und den Verkehr nahezu zum Erliegen gebracht. Ein von Selenskyj vorgeschlagener Waffenstillstand auf See werde vom Kreml kategorisch abgelehnt. Zwar träfe der Seekrieg auch russische Bauern, denn in den vergangenen Jahren seien rund 80 Prozent der russischen Getreideexporte über diese Häfen gelaufen. Russland könne seine Lieferungen jedoch, wenn auch teuer und mühsam, über andere Häfen umleiten. Ukrainische Landwirte seien dagegen „physisch nicht in der Lage“, ihre gesamte Ernte über die Landgrenze oder die Donau zu exportieren, zumal auch die Donauhäfen beschossen würden.
Und das hat schon jetzt dramatische Folgen. Einige ukrainische Landwirte hätten auf die Aussaat von Winterkulturen verzichtet. Manche gäben hinter vorgehaltener Hand zu, gar nicht mehr anbauen zu wollen, falls die Häfen bis zum Frühjahr geschlossen blieben. Damit könnte der gesamte Agrarsektor innerhalb eines Jahres vor dem Zusammenbruch stehen, heißt es aus Kiew. Ähnlich ergehe es der Metallindustrie, und auch Einzelhandel und Lagerhäuser gerieten zunehmend unter Beschuss.
Entscheidend sei eine militär-technische Verschiebung in der Kriegsführung. Früher seien die meisten russischen Geran-Drohnen abgeschossen worden, gezielte Angriffe auf einzelne Werke seien teuer gewesen. Nun verfüge Russland über billige Langstreckenwaffen in Form strahlgetriebener Drohnen, gegen die die Ukraine noch kein wirksames Mittel gefunden habe. Eine Drohne könne inzwischen jedes Unternehmen in jeder Branche und jeder Region treffen.
Kiew muss sparen
Die ukrainische Regierung hat lange darauf gesetzt, dass Schäden an der eigenen Wirtschaft die Kriegsfähigkeit nicht entscheidend schwächen, weil Europa einen Großteil der Kosten trägt. Doch immer mehr Analysen, auch in der Ukraine, halten das für trügerisch. Selbst wenn die Finanzierung für ein, zwei Jahre gesichert wäre, könne ein Land ohne funktionierende Wirtschaft einen Abnutzungskrieg auf Dauer nicht durchhalten. Abwanderung nehme zu, und am Ende breche die Versorgung der Armee zusammen. Innerhalb von ein bis zwei Jahren drohe ein „vollständiger Zusammenbruch des sozioökonomischen Lebens“. Genau darauf spekuliere der Kreml vermutlich.
Wie angespannt die Lage schon jetzt ist, zeigen Korezkyjs Worte. Kiew müsse Ausgaben umschichten, um weiterkämpfen und den Staat am Laufen halten zu können. „Das bedeutet ein striktes Sparregime bei den öffentlichen Finanzen und die Verschiebung bestimmter nicht vorrangiger Ausgaben“, sagte er. „In erster Linie finanzieren wir: Verteidigung, Renten und Sozialleistungen sowie die Gehälter von Lehrern, Ärzten und anderen Staatsbediensteten.“ Die Regierung erwägt zudem Steuererhöhungen.
Geld werde vor allem jetzt gebraucht, um Waffen und Munition für das kommende Jahr vorzubestellen, so Korezkyj. „Das gilt insbesondere für Langstreckendrohnen, unsere Fähigkeit, den Krieg dorthin zurückzutragen, wo er hergekommen ist.“
Brüssel knüpft Geld an Reformen
Der Druck richtet sich vor allem auf Europa, das seit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus den Großteil der Waffen und Finanzhilfen stellt. Die EU zahlt derzeit Tranchen ihres auf zwei Jahre angelegten Kredits über 90 Milliarden Euro aus. Die Ukraine will das Geld jedoch schneller haben. „Die Mittel werden in diesem Herbst gebraucht“, mahnte Verteidigungsminister Jewhen Chmara, besonders angesichts der Mobilisierung, die der Feind gerade plane.
Brüssel verlangt jedoch zuerst Reformen im Parlament, der Werchowna Rada. „Mit Fortschritten bei den Reformen in der Rada auch mehr Budgethilfe. Wir haben in diesem Kalenderjahr noch 37 Milliarden Euro zur Verfügung“, schrieb Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach einem Treffen mit Selenskyj am Rande der UN-Generalversammlung. Finanzminister Serhij Martschenko drängt derweil auf einen Zugriff auf die mehr als 200 Milliarden Euro an eingefrorenen russischen Zentralbankgeldern in der EU: „Unsere Freunde, die europäischen Politiker, müssen mutig genug sein, kühne Schritte zu unternehmen.“
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Das kommende Jahr dürfte noch schwieriger werden. Martschenko bezifferte den Hilfsbedarf für 2027 gegenüber Gebern in Brüssel auf 52,6 Milliarden Dollar. Davon seien rund 32,6 Milliarden noch nicht gedeckt. „Wenn wir das Geld nicht tatsächlich auf unseren Konten haben, können wir weder Soldaten noch Renten bezahlen. Wenn es also keine internationale Hilfe gibt, wird alles sehr schlecht“, sagt etwa die Ökonomin Oleksandra Myronenko vom Kiewer Zentrum für Wirtschaftsstrategie.
Auch Russland zahlt einen hohen Preis
Spurlos geht der Krieg auch an Russland nicht vorbei. Laut westlichen Medienberichten erreichte das Haushaltsdefizit im ersten Halbjahr 5,8 Billionen Rubel, umgerechnet gut 60 Milliarden Euro. Für 2027 plane Moskau Reuters zufolge Verteidigungsausgaben von 17,1 Billionen Rubel, 27 Prozent mehr als zuvor veranschlagt und mehr als ein Drittel aller Haushaltsausgaben. Ukrainische Angriffe auf Raffinerien hätten die Ölproduktion schwer getroffen, der Kreml habe seine Prognosen für die Öl- und Gaseinnahmen gesenkt. Putin hat zudem die Sollstärke der Armee auf etwa 2,4 Millionen erhöht, zum vierten Mal seit Beginn der Vollinvasion.
Der Kreml scheint diese Probleme nach Informationen dieser Zeitung jedoch nicht als kritisch zu betrachten. Die Treibstoffkrise im Sommer habe keine nennenswerten Proteste ausgelöst. Die Haushaltslücken wolle Moskau offenbar über neue Schulden schließen, und dafür sei noch Spielraum vorhanden. Russlands Staatsverschuldung liege bei rund 20 Prozent der Wirtschaftsleistung, etwa 145 Milliarden Dollar, davon nur 57 Milliarden im Ausland.
Die Ukraine stehe dagegen trotz deutlich kleinerer Wirtschaft mit 215,5 Milliarden Dollar in der Kreide, fast 170 Milliarden davon im Ausland. Zwar sei Kreditaufnahme für Moskau teuer. Die letzte Anleiheemission am 23. September lag bei 16 Prozent, eine Auktion am Mittwoch wurde mangels annehmbarer Gebote abgesagt. Ein bis zwei Jahre steigender Schulden würden den Haushalt aber nicht ernsthaft gefährden. Zudem bleibe die Abwertung des Rubels als Instrument.
Ein Selbstläufer ist die mutmaßliche Kreml-Strategie für die kommenden Wochen und Monate dennoch nicht. Die Ukraine könnte – wie in den vergangenen Kriegsjahren immer wieder geschehen – eine wirksame Abwehr gegen die neuen Drohnen finden. Die ukrainische Armee könnte mit eigenen ballistischen Raketen und strahlgetriebenen Drohnen der russischen Wirtschaft schwer zusetzen.
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Und die Lage an der Front ist für Moskau uneindeutig. Ohne Mobilmachung ist fraglich, ob Russland seine langsamen Fortschritte im Donbass halten könne. Erst vergangene Woche meldete die ukrainische Armee, sie habe im Zuge der Operation Vivaldi russische Truppen an Teilen der Ostfront zurückgedrängt und mehr als 250 Gefangene gemacht. Hinzu kämen die wachsende Kriegsmüdigkeit in der russischen Gesellschaft und die unbekannten Grenzen der wirtschaftlichen Belastbarkeit, sollten die Energiepreise fallen.
Ein Waffenstillstand ist aktuell nur in zwei Fällen denkbar: wenn Russland an der Front oder im Hinterland in extreme Schwierigkeiten gerät, oder wenn Moskau im Gegenzug etwas Bedeutendes angeboten bekommt, etwa eine massive Lockerung der Sanktionen oder die Aussicht auf normalisierte Beziehungen zu Europa. Solche Signale gibt es bislang nicht.
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