Ukraine-Krieg

Rasches Kriegsende: Deutsche Experten fordern besondere Rolle der USA

Der Westen soll die Ukraine „verantwortungsbewusst“ unterstützen, so die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler. USA und Nato müssten die atomare Gefahr reduzieren.

BLZ
5 Min
Ukrainischer Soldat feuert einen Mörser auf russische Positionen nahe Charkiw.

Ukrainischer Soldat feuert einen Mörser auf russische Positionen nahe Charkiw.

© AP/Andrii Marienko

Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig, den Einsatz einer „schmutzigen Bombe“ mit radioaktivem Material vorzuhaben. Zuerst hatte Moskau den Vorwurf erhoben. Das wäre laut Militärexperten wie Oberst a.D. Wolfgang Richter zwar noch keine Atombombe, weil bei ihrem Einsatz zwar lebensgefährliche Strahlung, aber keine nuklearen Kettenreaktionen ausgelöst werden. Die Sicherheitsexperten der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW), zu der viele ehemalige deutsche Diplomaten und Militärs gehören, sehen jedoch das Potenzial eines echten Atomkrieges damit nicht erschöpft. In einem Schreiben an die Berliner Zeitung warnen sie die Politik vor „unbegrenzten“ Waffenlieferungen an die Ukraine und sehen die Nato und besonders die USA in der Verantwortung, dass Russland seinen Krieg schnellstmöglich beendet. Hier der komplette Text:

VDW-Studiengruppe „Europäische Sicherheit und Frieden“: Ein Nuklearwaffeneinsatz ist seit 77 Jahren ein Tabu, das jetzt wieder infrage gestellt wird. Wie bei der Kuba-Krise von 1962 stehen wir erneut vor einem gefährlichen Risiko eines Atomwaffeneinsatzes. Heute ist Europa sogar unmittelbar betroffen. In der Kuba-Krise konnte die nukleare Katastrophe durch eine Kombination von öffentlich kommunizierter Standfestigkeit auf der einen Seite, der Nutzung persönlicher Gesprächskanäle bei gleichzeitig signalisierter Verhandlungsbereitschaft der Parteien auf der anderen abgewendet werden. Auch heute ist beides notwendig.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat seit Kriegsbeginn mehrfach und zuletzt eindringlich mit dem Einsatz russischer Atomwaffen gedroht. Diese russische Rhetorik bezweckt vermutlich, den Westen von einer wirkungsvollen Unterstützung der Ukraine abzuschrecken, die Ukraine von entschiedener militärischer Gegenwehr abzuhalten und nationalistische Extremisten in Russland zu beschwichtigen. Mittlerweile hat sich die wechselseitige Drohrhetorik nach oben geschraubt. US-Präsident Biden warnt Russland massiv vor einem „Armageddon“, und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bringt Präventivschläge ins Spiel, um einen Atomwaffeneinsatz Russlands unmöglich zu machen.

Putin könnte immer noch nukleare Eskalation wählen

Militärisch mussten die russischen Streitkräfte zuletzt Rückschläge in den von ihnen besetzten Gebieten hinnehmen. Die reale Gefahr besteht, dass aufgrund von Fehlkalkulationen oder absichtlich Nuklearwaffen von Russland eingesetzt werden, um kriegsentscheidende militärische Rückschläge zu verhindern.
Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch die gefährliche Lage um das von russischen Streitkräften besetzte größte ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja, dessen Areal wiederholt von Raketen beschossen wurde. Die kämpfenden Seiten tragen hier die Verantwortung für die Verhinderung eines Nuklearunfalls.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Ein Abrücken des Westens von einer verantwortungsbewussten Unterstützung der Ukraine als dem Opfer eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges verbietet sich, weil das nuklearer Erpressung weiteren Aufwind geben würde. Die unbekümmerte Auffassung einiger Befürworter unbegrenzter Waffenlieferungen, Putins Rhetorik sei „ein Bluff“, ist gefährlich. Es ist nicht auszuschließen, dass Putin (auch unter dem Druck seiner politisch-militärischen Umgebung) taktische Nuklearwaffen als letzte Zuflucht vor einer Niederlage der russischen Streitkräfte in der Ukraine oder als Stoppsignal an den Westen einsetzen könnte, um diesen von seiner militärischen Unterstützung der Ukraine abzubringen.

Der Westen könnte sich genötigt sehen, in irgendeiner Weise auf einen russischen Atomwaffeneinsatz zu reagieren. Ein Atomwaffeneinsatz der Nato würde aber eine unkontrollierbare Eskalation nach sich ziehen. Die Administration von US-Präsident Joe Biden scheint ihre Überlegungen auf massive konventionelle Gegenschläge gegen russische Streitkräfte zu konzentrieren, die länger andauern würden. Dadurch würde die Nato allerdings unmittelbar in den Krieg mit hineingezogen. Putin bliebe dann angesichts der westlichen konventionellen Überlegenheit möglicherweise nur noch die Wahl zwischen Niederlage und weiterer nuklearer Eskalation. Ein möglicher Atomkrieg in Europa würde nicht nur Millionen Tote kosten, sondern auch große Teile Europas langfristig unbewohnbar machen. Atomwaffeneinsätze hätten zudem unkalkulierbare Wirkungen auf das weltweite Wetter-, Öko- und Klimasystem.

„Hierzu kommt den USA eine besondere Rolle und Verantwortung zu ...“

Beginn und Verlauf des russischen Einmarschs in die Ukraine lassen erkennen, dass solche Zusammenhänge in der russischen Entscheidungsfindung bisher offenbar eine geringe Rolle spielen. Umso mehr müssen sie in der westlichen Politik zur Geltung kommen. Das Vorsichtsprinzip gebietet, eine Eskalation des Ukraine-Krieges hin zum Nuklearkrieg unbedingt zu verhindern. Das Eskalationsrisiko muss Anstoß sein, die Kampfhandlungen schnellstmöglich zu beenden und diplomatische Lösungen für die Wiederherstellung der territorialen Integrität der Ukraine auf den Weg zu bringen.

Dies wird Zeit in Anspruch nehmen. Ohne die Grenzen der Vergleichbarkeit der Kuba-Krise mit der gegenwärtigen Situation zu ignorieren, lässt sich festhalten, dass es in der Kuba-Krise, also in einer an Gefährlichkeit kaum zu überbietenden Konfrontation, möglich war, nicht nur eine weitere Eskalation des Konflikts zu verhindern, sondern auch ein Instrumentarium für eine über die unmittelbare Krise hinausgehende Vertrauensbildung und Verständigung der Konfliktparteien zu entwickeln. Die Kuba-Krise beförderte in erheblichem Maße die Bemühungen um Stabilität mittels nuklearer Rüstungskontrolle. Ein zentrales Element ist die Begrenzung des Risikos eines Atomkrieges auch aufgrund von Fehlwahrnehmungen und Fehlkalkulationen.

Unter dieser Perspektive ergeben sich die folgenden Anforderungen an einen verantwortbaren Umgang mit der gegenwärtigen Konfrontation:

  • [object Object]
  • [object Object]
  • [object Object]
  • [object Object]
  • [object Object]

Mitglieder der VDW-Studiengruppe „Europäische Sicherheit und Frieden“:

Prof. Dr. Lothar Brock, Frankfurt
Prof. Dr. Michael Brzoska, Hamburg
Dr. Hans-Georg Ehrhart, Bonn
Dr. Miriam Engel, Darmstadt
Dr. Ute Finckh-Krämer, Berlin
Brigadegeneral a. D. Helmut W. Ganser, Hamburg
Prof. Dr. rer. nat. Hartmut Graßl, Hamburg
Botschafter a. D. Rüdiger Lüdeking, Tangermünde
Dr. rer. pol. Hans-Jochen Luhmann, Wuppertal
Parl. Staatssekretär a. D. Dr. Hans Misselwitz, Berlin
Prof. Dr. rer. nat. Götz Neuneck, Wuppertal
Prof. Dr. Konrad Raiser, Berlin
Prof. Dr. Michael Staack, Hamburg
Prof. Dr. Jürgen Scheffran, Hamburg

Haben Sie Feedback oder eine eigene Geschichte? Schreiben Sie uns! [email protected]

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner