Der Machthaber der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, rechnet nach den jüngsten Niederlagen der russischen Armee in der Ukraine mit dem Kreml ab. Der Tschetschenen-Führer, der einige brutale Eliteeinheiten im Kampfgebiet befehligt, ruft dazu auf, den Einsatz von Atomwaffen in der Ukraine zu prüfen. Insbesondere der Rückzug aus der strategisch wichtigen Stadt Lyman in der Region Donezk mache ihn wütend. Wegen der Gefahr einer Einkesselung durch ukrainische Truppen mussten Moskaus Streitkräfte angeblich abgezogen werden.
Auf russischer Seite sorgt die erneute Niederlage für erbitterte Kommentare und Kritik in den eigenen Reihen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, kritisiert Kadyrow auf Telegram (2,7 Millionen Abonnenten) die russischen Kommandeure für den Abzug aus Lyman. Er fordert stattdessen mehr Kampfbereitschaft – und, wenn nötig, auch den Einsatz von Atomwaffen.
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Kadyrow, der vielfach als brutaler „Bluthund“ von Russlands Präsident Wladimir Putin bewertet wird, forderte den für den Frontabschnitt verantwortlichen Generaloberst Alexander Lapin abzusetzen, zu degradieren und als einfachen Gefreiten mit Maschinengewehr an die Front zu schicken, „um seine Schande mit Blut reinzuwaschen“. Selbst Putin und Verteidigungsminister Sergei Schoigu greift er an.
Demnach kann der Tschetschenen-Führer nicht nachvollziehen, was das russische Verteidigungsministerium dem Oberbefehlshaber berichtet, „aber meiner persönlichen Meinung nach sollten drastischere Maßnahmen ergriffen werden“. Und zwar „bis hin zur Verhängung des Kriegsrechts in den Grenzgebieten und dem Einsatz von Atomwaffen mit geringer Sprengkraft“.
Die Probleme in Lyman seien schon vor zwei Wochen gemeldet worden. „Eine Woche später verlegt Lapin seinen Stab nach Starobilsk, mehr als 100 Kilometer von seinen Untergebenen entfernt, und verdrückt sich selbst nach Luhansk. Wie kann man operativ seine Einheiten befehligen, wenn man sich 150 Kilometer entfernt befindet?“, echauffierte sich Kadyrow. Er prangerte außerdem die „Vetternwirtschaft“ in der russischen Armee an. Diese werde „zu nichts Gutem führen“.
Mit der Rückeroberung von Lyman öffnen sich für die Ukraine neue Wege
Mit dem Fall von Lyman öffnet sich für die ukrainischen Truppen der Weg Richtung Kreminna und Swatowe. Beide Städte liegen im Gebiet Luhansk und gelten – speziell Swatowe – als wichtige Verkehrsknotenpunkte. Für den Kreml wäre dies ein verheerendes Signal. Anfang des Sommers hatte die russische Armee das Gebiet Luhansk für „befreit“ erklärt.
Der kremlkritische russische Politologe Abbas Galljamow hingegen erklärte süffisant: „Gestern haben sie Lyman ‚für immer‘ an Russland angeschlossen, um heute (die Stadt) zu räumen.“
Ukrainische Truppen kesselten 5000 russische Soldaten ein
Die ukrainischen Truppen hatten nach eigenen Angaben zeitweise etwa 5000 russische Soldaten eingekesselt. Das sei der Stand am Samstagmorgen, teilte der ukrainische Verwaltungschef für Luhansk, Serhij Hajdaj, mit. „Die Okkupanten haben ihre Führung gebeten, nach Möglichkeit herauszukommen, woraufhin sie eine Abfuhr erhielten“, sagte er. „Sie haben jetzt drei Handlungsmöglichkeiten: Entweder können sie versuchen auszubrechen oder sie ergeben sich. Oder sie sterben alle zusammen. Da sind von ihnen etwa 5000, eine genaue Zahl gibt es nicht.“
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Eine solche Zahl an eingekesselten Russen habe es überhaupt noch nicht gegeben in dem Krieg, sagte Hajdaj. Lyman galt nach der russischen Schlappe in Charkiw als so wichtig, dass die russische Führung die Stadt möglichst lange halten wollte, zumindest aber bis zur Erklärung der Annexion der vier ukrainischen Gebiete Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja. (mit dpa)
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