Angriffswelle

Ukraine meldet: Russland hat 90 Prozent der Lebensmittellogistik zerstört

Supermarktketten weichen auf direkte Lieferungen vom Lkw aus. Die Regierung warnt vor weniger Auswahl, sieht aber keine Gefahr eines landesweiten Mangels.

4 Min
Feuerwehrleute bekämpfen im April 2026 den Brand in einem Lager in Kiew nach einem russischen Angriff.

Feuerwehrleute bekämpfen im April 2026 den Brand in einem Lager in Kiew nach einem russischen Angriff.

© Maxym Marusenko/imago

Russische Angriffe haben nach Angaben des ukrainischen Landwirtschaftsministers Taras Wyssozkyj rund 90 Prozent der Lebensmittellogistik großer Handelsketten zerstört. Die Zahl nannte der Minister am Freitag bei einem Gespräch mit Journalisten in Kiew.

Wyssozkyj sprach von „grob gesagt“ 90 Prozent. Seine Angaben wurden von der staatlichen Nachrichtenagentur Ukrinform und von Reuters verbreitet. Eine Berechnungsgrundlage wurde in den veröffentlichten Berichten nicht genannt. Unabhängig überprüfen lässt sich die Schätzung deshalb nicht.

Die Zahl bezieht sich nicht auf sämtliche Lagerhallen der Ukraine. Gemeint sind Lager und Verteilzentren, mit denen Supermarktketten Lebensmittel an ihre Filialen liefern. In einigen Geschäften in Kiew fehlten zuletzt zeitweise Obst, Gemüse, Zucker und Milchprodukte.

Russische Angriffe treffen Lager und Verteilzentren

Russland hat seine Angriffe auf ukrainische Lagerhäuser und andere wirtschaftlich wichtige Anlagen in den vergangenen Wochen verstärkt. Nach Angaben von Innenminister Iwan Wyhiwskyj setzte Russland innerhalb von zwei Tagen nahezu ununterbrochen schnelle Angriffsdrohnen ein. Besonders schwer betroffen waren Kiew und das Umland.

Am Freitag wurden in der Region Kiew mehr als ein Dutzend Lagerhallen beschädigt. Ein Mensch kam ums Leben. Der Paketdienst Nova Poshta teilte mit, dass Sortierzentren nahe Kiew und in der nordukrainischen Stadt Sumy zerstört worden seien.

In Saporischschja schlug eine russische Drohne in einen Baumarkt der Kette Epicentr ein. Mindestens vier Menschen wurden nach Angaben der regionalen Behörden verletzt. Auch ein Einkaufszentrum in Charkiw und das Lager eines großen Buchhändlers in der Region Kiew wurden getroffen.

Feuerwehrfahrzeuge vor einem beschädigten Lagerhaus in der Region Kiew nach den russischen Angriffen vom 27. August.

Feuerwehrfahrzeuge vor einem beschädigten Lagerhaus in der Region Kiew nach den russischen Angriffen vom 27. August.

© Danylo Antoniuk/imago

Bereits am Donnerstag waren Verteilzentren des Elektronikhändlers Comfy, eines Spielwarenunternehmens und des Schokoladenherstellers Roshen zerstört worden. Die stundenlange Angriffswelle traf außerdem Häfen, Industrieanlagen und die Energieversorgung. Züge verspäteten sich in mehreren Regionen. Das ukrainische Militär meldete den Einsatz von 258 Drohnen und einer nicht genannten Zahl ballistischer Raketen. Reuters berichtete, dass sieben der Raketen abgefangen worden seien.

Anfang August waren zwei Verteilzentren der Fozzy Group in Brand geraten, zu der die Supermarktketten Silpo und Fora gehören. Sechs Beschäftigte starben. Auch zwei Logistikanlagen und eine Fabrik von Epicentr sowie das Verteilzentrum des Onlinehändlers Rozetka wurden zerstört.

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Direkte Lieferungen sollen leere Regale verhindern

Trotz der Schäden sieht die ukrainische Regierung keine Gefahr einer landesweiten Lebensmittelknappheit. Produzenten sollen ihre Waren verstärkt direkt an die Geschäfte liefern. Große Verteilzentren würden damit teilweise umgangen.

Diese Lieferungen seien komplizierter, dauerten länger und verursachten höhere Kosten, erklärte Wyssozkyj. Das Sortiment einzelner Geschäfte könne kleiner werden. Bei Grundnahrungsmitteln werde es nach Einschätzung des Ministers aber keinen systemweiten Mangel geben.

Offen ist, wer die Verluste trägt, wenn Waren bei einem Angriff zerstört werden. Wyssozkyj sprach sich dafür aus, das Risiko zwischen Herstellern, Lieferanten und Handelsketten aufzuteilen. Der Staat sei an diesen Verträgen nicht beteiligt.

Was die Zahl von 90 Prozent bedeutet

Andere Erhebungen erfassen einen größeren Teil des ukrainischen Lagermarktes und kommen deshalb zu niedrigeren Anteilen. Das ukrainische Büro für Investitionsprogramme schätzte im Juli, dass innerhalb eines Jahres mehr als 500.000 Quadratmeter Logistikfläche beschädigt oder zerstört worden seien. Darunter seien trockene Lager, Kühlhäuser und Terminals von Paketdiensten.

Vor Beginn der russischen Invasion verfügte die Ukraine nach dieser Schätzung über rund 3,2 Millionen Quadratmeter moderner Lagerflächen der Klassen A und B. Allein 2022 gingen davon 600.000 bis 700.000 Quadratmeter verloren. Die Branchenzahlen und die aktuelle Ministerangabe erfassen unterschiedliche Bereiche und lassen sich nicht direkt miteinander vergleichen.

Aus Wyssozkyjs Aussage kann daher nicht geschlossen werden, dass 90 Prozent aller modernen Lagerhäuser der Ukraine zerstört sind. Sie beschreibt nach seinem Wortlaut die besonders stark getroffene Lebensmittellogistik der Handelsketten.

Russlands Begründung für die Lagerangriffe

Das russische Verteidigungsministerium erklärte nach der Angriffswelle vom Donnerstag, Logistikzentren rund um Kiew sowie Industrieanlagen und Häfen getroffen zu haben. Nach einer früheren Angriffswelle am 5. August behauptete Moskau, sieben angegriffene Logistikzentren seien zur Lagerung oder Verteilung von Drohnenteilen und Gütern mit ziviler wie militärischer Verwendung genutzt worden. Reuters konnte diese Angaben nicht unabhängig bestätigen.

Auch die Ukraine greift wirtschaftlich wichtige Ziele in Russland an. Dazu gehören Lager der Onlinehändler Wildberries und Ozon sowie Ölraffinerien. Kiew erklärt, diese Infrastruktur stütze die russische Kriegsführung. Beide Seiten bestreiten, Zivilisten gezielt anzugreifen.

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