Die Ukraine muss nach Einschätzung ihres Präsidialamtschefs Kyrylo Budanow jeden Monat mindestens 30.000 Menschen mobilisieren, um ihre derzeitige Position im Krieg gegen Russland zu halten. Präsident Wolodymyr Selenskyj gab zugleich ein weiteres Ziel aus: Die ukrainischen Streitkräfte sollen täglich 1000 Drohnen für Langstreckenangriffe gegen Russland einsetzen.
„Wir können nicht weniger als 30.000 Menschen pro Monat mobilisieren. Das ist die Mindestzahl, die wir benötigen, um das zu halten, was wir haben“, sagte Budanow in einem ukrainischen Fernsehinterview. Über seine Aussagen berichteten der Kyiv Independent und die Ukrainska Pravda.
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 gilt in der Ukraine das Kriegsrecht. Weil sich immer weniger Menschen freiwillig melden, ist die Mobilisierung zu einem der politisch heikelsten Themen des Landes geworden. Berichte über Zwang bei Einberufungen und Übergriffe durch Mitarbeiter der Rekrutierungszentren sorgen für wachsende Kritik.
Budanow räumte ein, dass solche Fälle vorkämen. Der Umgang damit müsse geändert werden. Am grundsätzlichen Personalbedarf der Streitkräfte ändere das jedoch nichts.
Widerstand gegen die Einberufung: Ukrainer wollen nicht an die Front
Ukraine: Budanow hält schnelles Kriegsende für unrealistisch
Der frühere Militärgeheimdienstchef warnte vor der Erwartung, die Kämpfe könnten bald beendet werden. „Wir werden den Krieg jetzt nicht stoppen. Nicht, weil wir das nicht wollen, sondern weil es schlicht unrealistisch ist“, sagte Budanow nach der Übersetzung des Kyiv Independent.
In naher Zukunft könne es zwar neue Verhandlungen geben. Dabei werde es zunächst jedoch um technische Fragen und die Vorbereitung umfassenderer Gespräche gehen. Auch gegenüber Reuters stellte Budanow klar, dass er keine schnelle Einigung erwarte.
Die letzten trilateralen Gespräche zwischen der Ukraine, Russland und den USA fanden im Februar statt. Zu den größten Hindernissen gehört die Forderung der russischen Regierung, dass sich die Ukraine auch aus den noch von ihr kontrollierten Teilen des Donbass zurückzieht. Die ukrainische Regierung lehnt eine Abtretung dieser Gebiete ab.
Selenskyj fordert 1000 Drohnen pro Tag
Selenskyj kündigte unterdessen eine erhebliche Ausweitung der ukrainischen Langstreckenangriffe an. „Die Aufgabe lautet: täglich 1000 Drohnen für Langstreckenangriffe gegen Russland“, sagte er in seiner abendlichen Videobotschaft. Derzeit setze die Ukraine durchschnittlich mehr als 300 Drohnen für solche Angriffe ein. „Das muss mehr werden.“
Damit soll die bisherige Zahl mehr als verdreifacht werden. Ob die Ukraine bereits über die dafür erforderlichen Produktionskapazitäten verfügt, ist nicht bekannt. Selenskyj forderte außerdem, die Herstellung von Abfangdrohnen gegen die neuen, schnelleren russischen Angriffsdrohnen deutlich zu beschleunigen.
Ukrainische Drohnen treffen seit Wochen russische Raffinerien, Treibstofflager und Logistikzentren. Nach Angaben aus der Ölbranche, die Reuters vorliegen, deckte die russische Benzinproduktion Ende August nur noch etwa 70 Prozent des inländischen Bedarfs. Russland versucht, die Ausfälle unter anderem durch höhere Importe auszugleichen.
Ukraine droht mit Blockade weiterer russischer Häfen
Selenskyj erklärte außerdem, ukrainische Angriffe hätten den Schiffsverkehr im russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk vorerst zum Erliegen gebracht. „Kein einziges Schiff fährt derzeit nach Noworossijsk hinein oder aus dem Hafen heraus“, sagte er unter Berufung auf Berichte des ukrainischen Militärs. Eine unabhängige Bestätigung dafür lag zunächst nicht vor.
„Wir werden mit Sicherheit Wege finden, auch ihre anderen Häfen zu blockieren“, kündigte Selenskyj an. Jeder Tag ohne Schiffsverkehr in Noworossijsk schwäche das russische Kriegspotenzial.
Der Hafen gehört zu den wichtigsten russischen Umschlagplätzen für Erdöl und Getreide. Nach ukrainischen Angriffen mussten dort im August zwei große Getreideterminals und zeitweise auch die Verladung von Rohöl den Betrieb einstellen. Am 17. August wurden die Ölverladungen nach Angaben von Reuters wieder aufgenommen. Die Reederei MSC setzte nach einem weiteren Drohnenangriff in dieser Woche jedoch neue Buchungen von und nach Noworossijsk aus.
Bei einem massiven ukrainischen Angriff auf die Hafenstadt am 12. August wurden nach Angaben der russischen Regionalverwaltung mindestens zwei Menschen getötet, darunter ein achtjähriges Kind. Ukrainische Stellen meldeten Schäden an mehreren Kriegsschiffen. Das ließ sich nicht vollständig unabhängig bestätigen.
Auch Russland greift regelmäßig ukrainische Häfen, Handelsschiffe und Lagerhäuser in der Region Odessa an. Ein ukrainisches Angebot für eine Waffenruhe im Schwarzen Meer lehnte die russische Regierung zuletzt ab.
Selenskyj dankt USA für Informationen über CIA-Besuch
Selenskyj bestätigte zudem, dass die US-Regierung ihn über Gespräche von CIA-Direktor John Ratcliffe in Moskau informiert habe. Er dankte den USA für die Informationen und für den „notwendigen Ton“ gegenüber der russischen Führung, nannte jedoch keine Einzelheiten.
Das Wall Street Journal hatte berichtet, Ratcliffe habe vor einem möglichen russischen Angriff auf einen Nato-Staat gewarnt. Die russische Regierung wies den Bericht zurück. Zwei mit dem Vorgang vertraute Personen bestätigten Reuters, dass die Möglichkeit einer russischen Operation gegen einen Nato-Staat angesprochen worden sei. Ob dies der Hauptgrund für Ratcliffes Reise war, blieb offen. Auch die russische Unterstützung für den Iran sei Thema der Gespräche gewesen.
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