Der früheren Botschafterin der Ukraine in den USA, Olha Stefanishyna, wird Korruption vorgeworfen. Wie ein Staatsanwalt bei einer Anhörung des Hohen Anti-Korruptions-Gerichts der Ukraine (HACC) am Mittwoch erklärte, wird Stefanishyna beschuldigt, sich illegal bereichert zu haben. Das berichtet der Kyiv Independent.
Nur zwei Tage zuvor hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj sie per Dekret von ihrem Posten abberufen. Das sensible Thema Korruptionsbekämpfung ist für die EU-Auszahlungen an Kiew entscheidend.
Was Stefanishyna konkret vorgeworfen wird
Laut dem Staatsanwalt soll Stefanishyna mehrere Vermögenswerte nicht deklariert haben. Konkret geht es um zwei Wohnungen sowie Geld, das sie für deren Renovierung ausgab. Das berichtete der Kyiv Independent von der Gerichtsanhörung.
Hinzu sollen weitere nicht angegebene Ausgaben kommen: die medizinische Behandlung ihrer Mutter, Flugtickets und die Miete für eine weitere Wohnung. Auch die Nutzung eines Mercedes soll sie verschwiegen haben – das Fahrzeug war laut Staatsanwalt auf einen ihrer Untergebenen zugelassen.
Stefanishyna weist die Vorwürfe zurück. Es gehe lediglich um die Art und Weise, wie sie ihr Eigentum deklariert habe. Diesen Vorgang bezeichnete sie als „absolut normalen Prozess“, wie das ukrainische Portal Vilni Media unter Berufung auf Beschlüsse des Anti-Korruptions-Gerichts und Insider berichtete.
Stefanishyna durch Selenskyj entlassen
Präsident Selenskyj entließ Stefanishyna laut Reuters am 3. August nach knapp einem Jahr im Amt offiziell per Dekret. Das auf der Website des Präsidialamtes veröffentlichte Dokument nannte keine Begründung für den Schritt, wie aus einem Bericht von Ukrinform hervorgeht.
Auf Facebook stellte Stefanishyna ihr Ausscheiden als eigene Entscheidung dar, die durch „persönliche Umstände“ motiviert gewesen sei. Sie betonte ihre Erfolge im Amt: „Wir haben die Lieferungen von US-Waffen erhöht und die amerikanische Unterstützung in einer Zeit gesichert, in der sich das politische Klima in Washington gegen uns wendete.“
Diese Unterstützung habe sie in einer Gesetzgebung verankert, „die jeden Regierungswechsel überdauern wird“.
Ein Widerspruch nur wenige Tage zuvor
Bemerkenswert ist jedoch ein plötzlicher Umschwung. Noch am 30. Juli 2026 wies Stefanishyna bei einer Pressekonferenz in Washington Rücktrittsgerüchte zurück.
Der Präsident habe sie nicht um ihren Rücktritt gebeten, im Gegenteil: „Er möchte, dass ich im Amt bleibe.“ Das zitierten der öffentlich-rechtliche Sender Suspilne und das Portal Liga.net. Nur wenige Tage später folgten Entlassung und Anklage.
Selenskyj nimmt diplomatischen Umbau vor
Stefanishynas Abberufung fiel in eine breitere diplomatische Rotation. Laut dem offiziellen Dekretverzeichnis des Präsidenten wurden am selben Tag auch Vertreter in mehreren anderen Ländern abberufen, darunter in Österreich, Kirgisistan, Tadschikistan und bei der Unesco.
Der Personalumbau begann bereits Mitte Juli. Am 14. Juli 2026 nahm die Werchowna Rada die Entlassung von Premierministerin Julija Swyrydenko an.
Selenskyj hatte Swyrydenko den Botschafterposten in Washington angeboten, um Stefanishyna zu ersetzen. Doch Swyrydenko stimmte dem bislang nicht zu, wie der Kyiv Independent unter Berufung auf eine Quelle mit direkter Kenntnis berichtete. Das erklärt, warum im Dekret kein Nachfolger benannt wurde.
Antikorruptionspolitik ist für die EU-Auszahlungen an Kiew unmittelbar relevant. So beschloss der Rat der Europäischen Union am 30. Juli 2026 eine Änderung seines Finanzierungsrahmens für die Ukraine und stellte für 2026 zusätzliche Mittel von mehr als acht Milliarden Euro bereit. Daran geknüpft sind weitere geforderte Reformschritte bei Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung.
Von oben herab: Mit diesem Botschafter macht sich die Ukraine keine Freunde
Oligarchen-Staat oder Demokratie? Wie Selenskyj während des Krieges die Ukraine umbaut
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