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Wenn der Tag geht, kommt schon die Nacht
Wenn der Tag geht, kommt schon die Nacht.
Wenn der Tag geht – (U. Sch.)
I.
Der Literaturwissenschaftler, Lyriker, Romancier und Essayist Ulrich Schödlbauer ist am 24. November, knapp acht Wochen nach dem jähen Tod seiner Ehefrau Renate Solbach, verstorben. Geschwächt von schwerem Herzleiden, hatte er mir bei einem der letzten Treffen mitgeteilt, dass er soeben sein vielbändiges Werk „Die versiegelte Welt“ vollendet habe. Er starb eine Woche später nach zwei – wegen einer noch unversehens eingetretenen Sepsis im Atembereich unvermeidlichen – Operationen in der Charité.
Die aus Feuilleton-Nachrufen bekannte Phrase, „er ist zu früh von uns gegangen“, hätte Ulrich Schödlbauer selbst mit leichtem Lächeln quittiert. Doch für uns, die ihn als Freund kannten und schätzten, klingt der Satz nicht hohl. Immerhin hat Schödlbauer, im Bewusstsein des nahenden Endes, die Redaktion der von ihm und Renate Solbach geleiteten Internet-Zeitschrift Globkult an Jobst Landgrebe übergeben, so dass ein wichtiger Teil seines Lebenswerkes erhalten bleibt und fortgesetzt wird.
II.
Der Beginn meiner Verbundenheit mit Ulrich Schödlbauer ist auf 2007 zu datieren. Ich verdanke sie meiner sehr viel älteren Freundschaft zu Peter Brandt. Ihm sandte ich eine Kritik der anno 2006 eröffneten Dauerausstellung zur Deutschen Geschichte im Schlüterschen Zeughaus Unter den Linden, wo bis zum Mauerfall die DDR ihr deutsches Geschichtsmuseum eingerichtet hatte.
Zeughaus des Deutschen Historischen Museums Unter den Linden
© Shotshop/imago
Ein Rundgang durch die mit historischen Originalexponaten ausgestatteten Räume hatten an einigen Stellen meinen Unmut über faktische Fehler, Unterlassungen sowie interpretatorische Fragwürdigkeiten erregt. Peter Brandt gab meinen Text zur Lektüre an Schödlbauer, der ihn für wert befand, in dem 2002 begründeten Iablis-Jahrbuch für europäische Prozesse zu publizieren.
Einige Monate später bat mich Schödlbauer für den 6. Jahrgang 2007 von Iablis eine Besprechung des von seinem Philosophielehrer Manfred Riedel (1936–2009) verfassten Buches „Geheimes Deutschland. Stefan George und die Brüder Stauffenberg“, 2006 zu übernehmen. Danach kam es zu einer ersten persönlichen Begegnung mit Schödlbauer und Renate Solbach, und zwar auf dem damals noch nicht gänzlich restaurierten Schinkelplatz gegenüber dem im demokratischen Asbest-Abriss begriffenen Palast der Republik.
Alsbald wurde ich in das von Schödlbauer und akademischen Kollegen gegründete Kondylis-Institut für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf) kooptiert, wo über viele Jahre hin anregende Tagungen stattfanden, deren Erträge in Iablis publiziert wurden. Schödlbauer: „Politisch gesehen, deckt Iablis die Zeit zwischen 9/11 und dem Wuhan-Event ab.“
Zur gleichen Zeit begann ich auf Einladung Peter Brandts in der von ihm zusammen mit Schödlbauer gegründeten Internet-Zeitschrift Globkult zu publizieren. Von Schödlbauer kamen fortan Anregungen zu Themen und fruchtbare Kritik an deren Ausarbeitung.
Eine verbindliche Definition von „Kultur“ hat Schödlbauer nicht unternommen. Der nach einer Synthese klingende Name von Globkult enthält die Antithese von global (oder universalistisch) ausgreifender „westlicher“ Kultur – mit deren Wesenszug der Kritik an allem Bestehenden – und dem „ethnologischen Begriff von Kultur, der stets eine Pluralität von ‚Kulturen‘ umschließt, ...energisch widersteht.“
Übergreifend verstand Schödlbauer „Kultur“ als historisch vermittelten Kontext menschlicher Existenz – im Gegensatz zu dem ahistorischen Begriff von Natur bei Rousseau. Anders als in der Abstraktion Rousseaus bedeutet der Naturzustand seit Thomas Hobbes nichts anderes als Barbarei. Außer Frage stand für Schödlbauer der Rückfall in die Barbarei – unter den ideologischen Auspizien eines pervertierten Darwinismus – in Gestalt des Nationalsozialismus.
Porträt von Jean-Jacques Rousseau
© opale.photo/imago
III.
In Schödlbauers Biografie und in seinem Werk verdichtete sich das Erleben, Erleiden und Reflektieren von europäischer Kultur (oder Geisteswelt) und deutscher Geschichte. Seine Lebenserfahrungen und seine Weltwahrnehmung brachte er u.a. in dem über Jahre geschriebenen, 2001 als Buch veröffentlichten Gedicht „Ionas“ zum Ausdruck. Da heißt es im 6. Canto „Die Utopie ist gestorben“, gewidmet dem Freund Steffen Dietzsch:
[…]
Unser Vorrecht
ist das Entsetzen. Ein Teil der Schuld,
mitgeboren zu sein. Gewusst, nicht gewusst. Das gleiche Spiel,
die gleiche Scham. Während wir unsere Väter befragten,
düngten die mit uns Geborenen Felder,
über die andere trotteten, stumm, mit herausgeschnittener Zunge.
Unsere Parolen: welche Lust
denen, die wir verleumdeten
weil wir nicht wahrhaben wollten.
Unser Gelächter: welcher Genuss
denen, die wir besudelten
durch einen fröhlichen Aufstand.
Unser Bescheidwissen: welches Vergnügen
denen, die wir zurückließen
auf freier Fahrt in der Zeit.
Das unfassbare Grauen fasste Schödlbauer im 8. Canto, übertitelt mit „Die zerstörte Stadt“ in Verse:
[...]
Du hast die Namen gelesen
Schnitte in schwarzen Basalt
BELZEC … MAJDANEK … SOBIBÓR …
Wohin du dich wendest: dasselbe.
Dasselbe, dasselb-. Über diese Stufe
hebt dich kein Schritt. Ohne Körper
verlässt du den Raum. Den schwarzen Ring
nimmst du mit, die Schwerkraft
lässt dich nicht aus.
Vorgetragen auf einem Festival in der Provence, beeindruckte er mit dem Gedicht „Ionas“ das französische Publikum. In Deutschland hingegen fand das tiefgründige Poem über seinen Freundeskreis hinaus nur schwachen Widerhall.
Über die in den Tiefenschichten der europäischen Geschichte, in der menschlichen Psychologie und in den ideologischen Fallgruben der Moderne auffindbaren Wurzeln des Bösen hat Schödlbauer – frei von jeglichem Zynismus – immer wieder nachgedacht. Ihn verstörte und erregte der Umgang der Nachgeborenen mit dem Grauen des Holocaust. Das überzeugendste Werk zur Durchdringung der deutschen Geschichtskatastrophe sah er in Syberbergs Film „Hitler – ein Film aus Deutschland“. Als ideologischer Bruchpunkt bei ethisch gebotener Wahrheitssuche – id est Erhellung des geschichtlichen Abgrunds der Schoa – erschien ihm der anno 1985 von Habermas gegen Ernst Nolte – unzweideutig bezüglich der Singularität des NS-Verbrechens, eröffnete „Historikerstreit“.
Deportierte Juden bei ihrer Ankunft im Vernichtigungslager Auschwitz
© United Archives International/imago
Auf der Kondiaf-Jahrestagung 2016 unterzog Ulrich Schödlbauer das unter politisch gesitteten Zeitgenossen unzweifelhafte Bekenntnis zur Demokratie einer Art Selbstbefragung. Beginnend mit der Frage „Warum bin ich Demokrat?“ gestaltete er seinen Vortrag nach Art eines Beichtspiegels. Dies nicht von ungefähr: Wie sich katholische Christen ihrer Glaubenstreue vergewissern, indem sie sich zur Selbstprüfung einen Katalog vorlegen, um sich sündhafte Verfehlungen einzugestehen oder um Zweifel abzuwehren, so verlangt die „gelebte“ Demokratie von ihrem Bürger mehr als die schlichte Hinnahme der gegebenen Staatsform, sondern das von Zweifeln unangekränkelte Bekenntnis zu den „Werten“ des Staates.
Entsprechend schrieb ich für die Festschrift anlässlich Schödlbauers Emeritierung 2017 einen Aufsatz „Zur Begriffsgeschichte von Zivilreligion“. Es geht um die innere Bindung – im ursprünglichen Wortsinn von „religio“ – des Bürgers an die zuerst von Rousseau proklamierte Zivilreligion, an die metaphysische Substanz eines sich als „Demokratie“ verstehenden Staatswesens. Heuchelei bezüglich der Dogmen der Zivilreligion ist erlaubt, Religionskritik, das Palladium der Aufklärung, ist untersagt.
Von „herrschaftsfreien Diskursen“ in Universität, Politik und Gesellschaft konnte schon in der alten Bundesrepublik keine Rede sein. In fast allen Bereichen menschlicher Existenz geht es um vorrangig um Macht und Machtgewinn, nicht um ein menschliches Miteinander.
Von vielen seiner „linken“, genauer linksliberalen Zeitgenossen unterschied sich Schödlbauer dadurch, dass er in den Jahren, als sich entgegen den Zielsetzungen der Bahr-Brandtschen „Ostpolitik“ die Idee der historischen Notwendigkeit der Teilung in den Köpfen festsetzte, am Gedanken der deutschen Einheit festhielt.
Seine Bewahrung des deutschen Einheitsgedankens erwuchs nicht zuletzt aus seinem Verständnis von historisch gewachsener, ins Politische wirkender Kulturnation. Die Wurzeln deutscher Kultur, deren Dahinschwinden er in den Jahren forcierter „Zuwanderung“ registrierte, sah er in Lessingscher Aufklärung, in Idealismus, Romantik sowie – auf spezifische Weise – bei Nietzsche. Dass die deutsche Kultur stets ein Unvermögen für die politische Gegenwart in sich trug – ein sich von Thomas Manns „Unpolitischem“ unterscheidendes Bewusstsein – führte er bis auf die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges zurück. Die Bedeutung des deutschen Luthertums spielte mines Erachtens – ungeachtet seines an Kant und Hegel geschulten philosophischen Wissens – in seinem Verständnis der deutschen Kultur und Geschichte nur eine untergeordnete Rolle.
Gemälde einer Schlacht in Belgien 1622 während des Dreißigjährigen Krieges
© United Archives International/imago
IV.
Mit einer Mischung aus Wehmut und Unmut verfolgte er – nach einigen Jahren der Hoffnung nach dem Mauerfall – den selbstverschuldeten Niedergang der SPD. Fortan verstand sich der Sozialdemokrat Schödlbauer als politisch ungebundener Liberaler.
In den vielen Gesprächen, die ich mit Schödlbauer in der Wohnung am Einsteinufer, im Café und per Telefon führen durfte, war ein wiederkehrendes Thema seine Wahrnehmung, zur falschen Zeit geboren und unter widrigen Umständen in die akademische Welt der Bundesrepublik gelangt zu sein. Immerhin gewann an der Fernuniversität Hagen eine Position, von wo aus er seine Erlebnisse auf dem akademischen Jahrmarkt der Eitelkeiten in anspruchsvollen Romanen verarbeitete.
Sein stupendes Wissen auf den Gebieten der europäischen Literatur, Philosophie und Kunst vermittelte Schödlbauer als Lehrer und Förderer einer großen Zahl von Studierenden, Magistranden und Doktoranden. Dass er darüber hinaus – und trotz aller gesundheitlichen Belastungen – immer noch Kraft zur Produktion eines umfangreichen Oeuvres fand, ist erstaunenswert.
Schödlbauer präsentierte seine Weltsicht in einer Vielzahl von Gedichten, Essays und Romanen. Seine zusehends resignative Grundhaltung offenbart der Titel seiner – erst kaum zwei Wochen vor seinem Tod – vollendeten Trilogie „Die versiegelte Welt“. Eine beliebte Ausdrucksform – als Romanautor, als Essayist, als Zeichner (unter dem Pseudonym Garganelli) und Aphoristiker – war die Ironie, wodurch er seine Weltwahrnehmung für sich selbst erträglich, für seine Freunde und für seine Leser – wenngleich in kunstvoll verschlüsselter Form – erkenntlich machte. Bei einem der letzten Gespräche, wo es um die Schwierigkeit ging, angesichts der betrüblichen Weltlage, last but least der deutschen Zustände – noch erhellende Themen zu finden, sagte er: „Es gibt nichts Neues. Es ist alles schon gesagt.“
Für seine Freunde war Ulrich als hochgebildeter „uomo universale“ ein unschätzbarer Gesprächspartner und Ideengeber. Ich erinnere mich mit Dankbarkeit an den langjährigen Weggefährten. Wäre ich katholisch, würde ich für den schon zu Gymnasialzeiten seiner Kirche entfremdeten Ulrich Schödlbauer eine Seelenmesse bestellen. So bleibt nur der Dank für die mir erwiesene Freundschaft und die Trauer um einen abgeschiedenen Freund. Seine Asche wird am 19. Dezember neben den sterblichen Überresten seiner Frau Renate auf dem Luisenfriedhof III in Berlin-Charlottenburg bestattet.
Herbert Ammon ist ein deutscher Publizist und Historiker.
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