Die seit alters berüchtigte Berliner Abrisswut geht munter weiter und trifft die DDR-Nachkriegsmoderne mit besonderer Härte. Die nächsten Kandidaten sind das Ahornblatt auf der Fischerinsel und das ehemalige Palasthotel neben dem Berliner Dom. Der bizarre Schalenbau des Ahornblattes, das auf dem erst 1965 abgerissenen Fischerkiez entstand, wird derzeit zur "Kathedrale Ostberlins" hoch stilisiert. Die ehemalige Politiker-Kantine, die der Architekt Ulrich Müther 1973 entworfen hat, reckt ihre fünf Blattspitzen zu einer Straßenkreuzung, im Stengel steckt ein Küchentrakt. Die in zwei Richtungen gekrümmten Dachflächen, in der Sprache der Geometrie "hyperbolische Paraboloide" genannt, gelten zwar als Meisterleistung des ostdeutschen Ingenieurbaus. Doch ein urbanes Gebäude bekrönen sie freilich nicht. Der autistische innerstädtische Solitär, dessen Glasfassaden nicht zuletzt durch ihre horizontalen Sonnenschutzlamellen einen eigenen Charme bekamen, war zu den "X. Weltfestspielen" eröffnet worden. Doch seit sechs Jahren steht der Betonbau leer, nachdem der Diskobetrieb in dem mittlerweile denkmalgeschützten Haus eingestellt worden war. Der Abriss fiele leichter, wenn die Neubauplanung für das Grundstück vom Berliner Architekturbüro Nalbach und Nalbach Erfreulicheres verspräche. Bis Ende 2001 will eine Immobilienfirma aus Donaueschingen Büros, Wohnungen, ein Hotel und einen Supermarkt anstelle des Ahornblatts errichten. Die brutalen sechs Wohnhochhäuser, die ringsum in den sechziger Jahren auf der Fischerinsel entstanden, bleiben hingegen auf unabsehbare Zeit stehen. Protest gegen den Abriss des Ahornblattes kam von der Berliner Architektenkammer und einer Bürgerinitiative, die das Haus als Kulturkaufhaus retten will. Theater, Tanztees, Kino, Konzerte sollen nach Willen der Künstlergruppe im Ahornblatt stattfinden und Cafés, Werkstätten, Ateliers, Galerien und Proben- und Gewerberäume darin Platz finden. Solche Vorschläge sind stets populär. Die Initiative will den Erhalt des Ahornblattes jedoch durch die Reaktivierung der dort zuvor genehmigten Hochhausplanung für das Grundstück erkaufen. Ein zusätzliches Hochhaus sei "das kleinere Übel, da die Gegend ohnehin bereits voller Hochhäuser" ist. So zeigt sich, dass nicht allein das "Planwerk Innenstadt" für den Abriss verantwortlich ist, sondern auch der Bezirk Mitte. Anfangs war noch die Erhaltung des Ahornblattes hinter einer Umbauung vorgesehen, dann opponierte die damalige Bezirksbaustadträtin Baumert gegen die vom Senatsbaudirektor Stimmann vorgeschlagenen Planwerks-Blockränder mit einer Hochhausgenehmigung, und auf der Basis der überhöhten Geschossfläche entstand nun der Kompromiss von Nalbachs Blockrandboulette, die das Ahornblatt zwangsläufig plattmacht. Dass die Schließung des Blockrands ein städtebaulicher Gewinn ist, tröstet die Anhänger der Siebziger-Jahre-Architektur nicht. Ausgerechnet das wichtigste städtebauliche Ziel, die Verengung der Gertraudenstraße, erzwingt der triste, an eine Justizvollzugsanstalt erinnernde achtgeschossige Bauklotz von Nalbach jedoch unverständlicher Weise nicht. Diese Unterlassungssünde beging bereits das Architekturbüro Hentrich Petschnigg, als es das benachbarte Hochhaus des Sparkassenverbandes entwarf, das die Leipziger Straße unangetastet ließ und die zu Mauerzeiten ehemals ideologisch motivierte Abriegelung der südlichen Friedrichstadt fortführt. Ebenso wie dem Ahornblatt wird es dem ehemaligen Palasthotel am Berliner Dom ergehen. Es war 1979 von Ferenc Kiss entworfen und von einem schwedischen Konsortium gebaut worden. Über einem zweigeschossigen Sockel mit Läden erhebt sich dort ein sechsgeschossiger Zimmertrakt mit tausend Betten. Die Wabenfassade aus braunem Thermoglas und Sandsteinplatten nimmt zwar Bezug auf den Dom, für Ostalgie eignet sich das Gebäude jedoch kaum. Dementsprechend hat das Hotel auch deutlich weniger Fürsprecher als das Ahornblatt. Als Devisenhotel schräg gegenüber dem Palast der Republik galt das Hotel damals als erstes Haus in der "Hauptstadt der DDR".Nach der Wende wurde es in SAS-Hotel umbenannt und für rund 100 Millionen Mark renoviert. Der Kongresstrakt war bereits vor Jahren abgerissen worden. Die Lebenserwartung der pseudo-westlichen Architektur des ehemaligen Palasthotels ist mit nur 21 Jahren äußerst gering gewesen. Der Architekt Sergei Tschoban hat an seiner Stelle ein Geviert aus Quadranten entworfen. Das Hamburger Büro Nietzsch, Pratsch und Siegel, dessen Berliner Filiale Tschoban leitet, hat seine Erfahrung mit Shopping-Malls beim Bau des Stern-Centers in Potsdam bewiesen.Architektonisch ähnelt der Neubau der Austreibung des Teufels mit dem Beelzebub. Den Mangel an architektonischen Ideen versuchen Bauherr und Entwerfer durch ein neckisches Aquarium zu kompensieren. Das Schwimmbad auf dem Dach mit Blick durch ein gläsernes Walmdach auf den Dom erreicht man durch ein dreißig Meter hohes Riesenaquarium mit lebenden Fischen in einer Unterwasserlandschaft im Foyer. Durch die Mitte des Bassins führt in einem Schacht aus Acrylplatten ein gläserner Aufzug, aus dem man im Vorbeifahren den Fischen in die Augen sehen kann.Diese Art von "Themen-Immobilien" ist spätestens seit der Voliere am Kranzler-Eck, die der gleiche Immobilienfonds in Auftrag gab, der neueste Schrei unter Projektentwicklern. Hier wie dort gelingt es den Accessoires jedoch nicht, über das geringe gestalterische Niveau und die gnadenlose Verfüllung mit Baumasse hinwegzutäuschen. Die übrigen Bürogebäude werden durch ein Passagenkreuz mit Geschäften und Restaurants erschlossen. Nur kleine Innenhöfe bringen Licht in die Tiefe des Hauses, in dem ein Luxushotel, Büros und teure Eigentumswohnungen untergebracht werden und das fast so viel Fläche wie das KaDeWe fasst. Dass die Dichte des Neubaus "einen Bruch mit dem Maßstab der zurückgesetzten Nachbarbebauung darstellt", mag für den Baustadtrat von Mitte, Thomas Flierl, ein Argument gegen die Pläne sein. Doch im Sinne einer lebendigen Innenstadt ist sie ein Argument für den Neubau. Das Grundstück wird 15 Meter dichter an die Liebknecht-Straße und 20 Meter näher an die Spree heran bebaut. Diese städtebauliche Randverdichtung könnte zumindest mittelfristig dazu beitragen, dass der Platz um den Fernsehturm eine Grünanlage bleibt und im Kontrast zur dann dichteren Umbauung an Charakter gewinnt. Doch bei aller begrüßenswerten Rückeroberung der überbreiten Verkehrsschneisen in der Ostberliner Innenstadt im Namen einer neuen Bürgerstadt haben beide Neubauprojekte den Nachteil, dass sie die Realität der Stadt als Palimpsest nicht akzeptieren und anstelle von Überschreibungen die Ausradierung bevorzugen. Im Rathaus Mitte findet heute um 10 Uhr eine Diskussion zum Abriss des Ahornblattes statt.NALBACH+NALBACH Keine Justizvollzugsanstalt, sondern der Hotelneubau des Architekten Nalbach an der Stelle des Ahornblattes.
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