Umfrage der Freien Universität: Vor allem Wendeverlierer und Ältere trauern alten Zeiten nach

Jeder Neunte wünscht sich die Mauer zurück

Peter Brock
4 Min

Ein Schlagbaum am Checkpoint Charlie, Grenzer am Kontrollpunkt Dreilinden - jeder neunte Berliner und Brandenburger träumt von einem solchen Schreckensszenario. Denn elf Prozent der Bürger stimmen der Aussage zu "es wäre besser, wenn die Mauer zwischen Ost und West noch stehen würde". Das ergab eine repräsentative Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der Freien Universität (FU), finanziert von der Paul Lazarsfeld-Gesellschaft.Projektleiter Oskar Niedermayer, 56, Politik-Professor an der FU, nennt dieses Ergebnis aber "keineswegs dramatisch". Aus mehreren Gründen: Erstens haben sich die Zahlen seit der letzten Umfrage 2004 nur bei Ost-Berlinern signifikant verändert (statt sieben, wollen dort nun zwölf Prozent die Mauer wiederhaben, in West-Berlin sind es elf Prozent). Zudem gab es schon weitaus höhere Werte: 2004 ermittelte Forsa bundesweit, dass 21 Prozent (Ost: zwölf, West: 24 Prozent) die Mauer vermissen und 2007 lag diese bundesweit ermittelte Zahl nach einer Emnid-Umfrage noch bei 19 Prozent. Zudem wollen vor allem diejenigen die Mauer wiederhaben, die in der DDR sozialisiert, also vor 1973 im Osten geboren wurden. "Es ist eine Generationenfrage", so Niedermayer. Noch deutlicher ist es eine Frage des eigenen wirtschaftlichen Erfolgs. Von denjenigen, die sich als Verlierer der Vereinigung sehen (groß ist deren Zahl mit 19 Prozent in den Randregionen Brandenburgs) möchten 37 Prozent wieder die Grenze errichten, von den Vereinigungsgewinnern fänden das gerade mal drei Prozent gut. Allerdings erkundigten sich die Wissenschaftler bei den 2 000 Befragten nicht explizit, weshalb sie für oder gegen einen neuen Mauerbau sind.In Berlin-fernen Gebieten, wo viele Junge wegzogen, liegt der Anteil der Mauerfreunde bei 14 Prozent. 19 Prozent sehen sich dort als Wendeverlierer. Im Speckgürtel liegt deren Zahl bei zehn, in Ost-Berlin bei 14 und in West-Berlin bei 13 Prozent. Die Mehrheit (zwischen 55 und 58 Prozent) schätzt sich selbst in allen Regionen weder als Gewinner noch als Verlierer ein.In den Berlin-fernen Gebieten Brandenburgs ist eine Gruppe, die Niedermayer als problematisch bezeichnet, am stärksten vertreten - die sogenannten "Externalisierer". So bezeichnet er Menschen, die von Selbstkritik wenig halten und die Schuld an den persönlich erlebten, wenig erfreulichen Errungenschaften der Wiedervereinigung den anderen in die Schuhe schieben. Um derartige Einstellungen sichtbar machen zu können, haben die Wissenschaftler nach vier typischen Vorurteilen von "Jammerossis" und "Besserwessis" gefragt. Heraus kam, dass 40 Prozent der Bewohner des Brandenburg-Randes mit ihren Vorurteilen gegenüber Wessis "zur Aufrechterhaltung der Ost-West-Gegensätze beitragen". Im Speckgürtel leben 30 Prozent solcher Externalisierer, in Ost-Berlin 29 Prozent, und von den West-Berlinern pflegen 23 Prozent ihre Vorurteile gegenüber den Ossis, ohne Selbstkritik zu üben.Ändern, so meint Niedermayer, kann die Politik daran nicht allzu viel. Freilich wäre es sinnvoll, für mehr Arbeit zu sorgen. Das ließe die Zahl der Wendeverlierer sinken. Wichtiger aber sei es, dass sich die beiden Gruppen annäherten. "Sich gegenseitig öfter besuchen und heiraten", schlägt Niedermayer vor, der sich sicher ist, dass die Entwicklung in eine positive Richtung zeigt. Denn bei den "gesamtdeutsch sozialisierten", also den jüngeren, nach 1973 geborenen Befragten, ist die Zahl der Externalisierer schon deutlich geringer.In eine ganz andere Richtung weist die Entwicklung jedoch bei der Frage nach der Länderfusion von Berlin und Brandenburg. Während im Jahr 2000 noch 50 Prozent der Berliner "möglichst schnell" ein vereintes Bundesland wollten, sind es nun nur noch 29 Prozent. 37 Prozent wollen in den nächsten zehn Jahren eine Fusion und 30 Prozent möchten dauerhaft getrennt bleiben. Bei den Brandenburgern liegt die Zahl der Fusionsverweigerer bei 43 Prozent. 17 Prozent wollen eine schnelle Vereinigung (im Jahr 2000 waren es noch 32 Prozent) und 38 Prozent wollen eine gemächliche.------------------------------"Es gibt Leute, die mit der Wiedervereinigung nicht einverstanden waren und sind."Politologe Oskar Niedermayer------------------------------Foto : Die deutsch-deutsche Grenze, die für viele Flüchtende eine tödliche war, ist heute nur noch eine Touristenattraktion - wie hier am Checkpoint Charlie. Dass das so ist, begrüßen knapp 90 Prozent der Berliner und Brandenburger. Einige aber bedauern, dass die Teilung überwunden ist.

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