Während in Deutschland über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan debattiert wird, scheint in die Lage vor Ort Bewegung zu kommen. Der UN-Sonderbeauftragte Tom Koenigs ist optimistisch.Die Taliban haben positiv auf ein Verhandlungsangebot von Präsident Karsai reagiert. Ist das der Durchbruch für Gespräche?Frieden schaffen geht nicht nur mit Militär und auch nicht nur mit Entwicklung, das wussten wir schon immer. Bisher haben viele gesagt, wir verhandeln nicht mit Terroristen, also auch nicht mit den Taliban. Aber die Talibanbewegung ist vielfältig. Man kann da nicht alle in einen Topf schmeißen. Viel wird von Streitigkeiten zwischen verschiedenen Stämmen bestimmt, nicht von Ideologien. Da ist das meiste verhandelbar und lässt sich auf Grundlage der Verfassung - das muss Bedingung sein - umsetzen.Ist der Konflikt an einem Punkt angelangt, an dem beide Seiten nach neuen Wegen suchen müssen?Wir sind zweifellos an einem Punkt, wo sich die Regierung und ihre Freunde überlegen müssen, wie man Frieden macht.Sie verlangen ein klares Bekenntnis zur neuen Verfassung Afghanistans. Warum eigentlich? Denn toll ist die Bilanz seit deren Annahme im Jahr 2004 nicht.Die Entwicklungsbemühungen in zwei Dritteln des Landes waren sehr erfolgreich. Afghanistan, das fünftärmste Land der Welt, hat sich mit einer Pro-Kopf-Unterstützung, die zehn Prozent der von Bosnien oder des Kosovo entspricht, eigentlich so entwickelt, wie zu erwarten war. Wir haben gewaltige Fortschritte gemacht. Zum Beispiel sind in Afghanistan noch nie so viele Kinder zur Schule gegangen wie gegenwärtig. Aber das muss weitergehen. Im Süden wird die Entwicklung seit eineinhalb Jahren von der Aufstandsbewegung blockiert. Wer in so einem Moment für Truppenabzug plädiert, der sollte mal die Afghanen fragen. Sie sagen: Lasst uns nicht wieder allein wie 1989 schon einmal, als dann der Bürgerkrieg begann.Sie sprechen über die Erfolge. Was ist mit der Korruption, mit der ineffektiven Regierung, den Drogen?Ich habe nicht gesagt, es gibt keine Probleme. Zum Beispiel funktioniert die Regierung in vielen Bereichen nicht, ist ineffektiv oder korrupt. Aber auch der Aufstand kann nur mit einer effizienten und glaubwürdigen afghanischen Regierung überwunden werden. Die internationale Gemeinschaft kann das nur unterstützen. Das gilt auch im Drogenbereich. Der Kampf gegen Anbau und Handel muss letzten Endes von den afghanischen Sicherheitskräften geführt werden.Also von denen, die in das Geschäft verwickelt sind?Keiner tritt dafür ein, den Bock zum Gärtner zu machen. Natürlich muss die Polizei zuallererst die Korruption in den eigenen Reihen bekämpfen.Die Uno, so heißt es, hat der Regierung eine Liste mit den Namen von 20 Drogenbaronen überreicht und gefordert, endlich gegen sie vorzugehen. Warum werden die Namen nicht veröffentlicht?Das haben wir nicht. Wir können doch nicht sagen, der hat einen langen Bart, der ist Drogenbaron. Da muss der Staatsanwalt erst ermitteln, Beweise vorlegen. Das soll doch ein Rechtsstaat werden. Ja, die Regierung muss viel energischer vorgehen. Das sagen wir auch. Aber man kann nicht mit einer Liste der "üblichen Verdächtigen" hausieren gehen. Das Hauptproblem der Drogen liegt übrigens wieder im Süden, wo die staatliche Autorität fehlt. Hauptanbaugebiet ist Helmand, wo der Aufstand tobt.Das weltbeste Opium wird im konfliktfreien Badakshan im Norden angebaut.Wird es? Ich glaube, die dort stationierte Bundeswehr sollte die Polizei im Kampf gegen Drogen und Drogenlabore tatkräftiger unterstützen und nicht sagen: Damit haben wir nichts zu tun. Es gibt dort einen hervorragenden Polizeichef, dem die nötige Unterstützung fehlt. Man könnte mehr für die Durchsetzung des Rechtsstaates tun. Dasselbe gilt meines Erachtens für den ganzen Norden und Westen.Das Gespräch führte Willi Germund.------------------------------Foto: Tom Koenigs, UN-Beauftragter für Afghanistan------------------------------Foto: Ein afghanischer Zivilist im Hospital des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in der Landeshauptstadt Kabul.
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