Ab kommender Spielzeit wird Bernd Wilms (53) das Maxim Gorki Theater leiten, zunächst kommissarisch, ab der Spielzeit 1995/1996. als Intendant. Ober seine Pläne fi2r das Berliner Theater nahe Unter den Linden unterhielt sich mit Bernd Wilms unser Mitarbeiter Peter Laudenbach. Berliner Zeitung: Das Maxim Gorki Theater hat seit Thomas Langhoffs Weggang stark an Ausstrahlung verloren, seit 1989 wirkt es etwas richtungslos. Welchen Platz kann es im Orchester der anderen Berliner Schauspielhäuser einnehmen?Bernd Wiims: Das Gorkl-Theater ist ein kleines Theater mit sehr menschlichen Proportionen. Ich hoffe, daß es mehr als andere Berliner Bühnen ein Haus des Ausproblerens sein wird: ein kleines Theater in einer großen Stadt mit vielen anderen großen Theatern. Ich finde es erst mal ziemlich angenehm, daß man vom Maxim Gorki Theater nicht dauernd die Weltmeisterschaft oder eine Einladung zum Theatertreffen erwartet.Ich wünsche mir ein kleines, virulentes Theater, das für Überraschungen gut ist, ähnlich wie es das Ulmer Theater war. Abgesehen davon sollte man nicht vergessen, was für wichtige Leute hier angefangen haben: Thomas Langhoff, JÖrg Gudzuhn oder Götz Schubert. Darum stört es mich nicht sonderlich, wenn einer uns für den kleinen Bruder des Deutschen Theaters hält, im Gegenteil. Weshalb soll ich dann als Zuschauer nicht gleich zum reichen, wunderbaren großen Bruder gehen?Es könnte ja sein, daß hier viel unbedenklicher und frecher Theater gemacht wird.Wie würden Sie denn das zukünftige Profil des Maxim Gorki Theaters beschreiben?Ein Theater definiert sich nicht In erster Linie über Programme, sondern über die Menschen, die hier arbeiten. Ich würde mich unglaublich genieren, mit fünf großen Behauptungen hier anzutreten und Irgendwelche Parolen auszugeben. Das Wichtigste an der Theaterarbeit ist, sehr genau zu überlegen, wer zueinander paßt. Ein Ensemble wird nicht durch ;ahrzehntelanges Beleinandersein bestimmt, sondern dadurch, daß die richtigen Leute zusammenkommen und was Neues machen. Sicher wird sich dieses Theater verjüngen, wir werden einige neue Leute engagieren. Es gehört zur Tradition dieses Hauses, sich mit Gegenwartsautoren auseinanderzusetzen. Das werden wir fortsetzen. Das Maxim Gorkl Theater wird sicher ein Theater der Schauspieler sein und ein Theater, das Geschichten erzählt. Wie scharf und bunt, wie schräg und gegenwärtig man solche Geschichten erzählt, davon wird das Gesicht dieses Theaters geprägt werden. Sie hatten kaum Zeit, sich auf Ihre Intendanz vorzubereiten. Ihre Berufung hat sich sehr spät entschieden. Können Sie schon ab der nächsten Spielzeit das Haus so formen, wie Sie sich das vorstellen? Nein, das geht erst ab 1995. Die kommende Spielzeit ist eine Übergangszeit.Sie werden den bisher prägenden Hausregisseur Rolf Winkeigrund nur noch als Gast beschäftigen, eine aus mehreren Gründen nachvollziehbare Entscheidung. Wird Ihr Ulmer Oberspielleiter K. D. Schmidt in Berlin inszenieren? Ja, er wird regelmäßig am Gorki-Theater arbeiten, aber erst ab nächstem Jahr. Auch mein Ulmer Chefdramaturg Oliver Reese und einige Ulmer Schauspieler kommen mit nach Berlin. Aber wir haben nicht die Arroganz zu meinen, Jetzt kommen die Ulmer nach Ost-Berlin und mischen das Berliner Theater auf. Das verbietet schon der Respekt vor der Arbeit, die hier in den letzten Jahrzehnten geleistet worden ist, beispielsweise von Albert Hetterle, den ich verehre. Ich komme mit einer großen Neugier hierher; ich möchte sehen, was passiert, wenn wir mit den neu engagierten Künstlern und dem bisherigen Gorki-Ensembie zusammenarbeiten.Ihre Vorsicht ehrt Sie. Ihre Ulmer Arbeit war durch kontinuierlichen Aufbau eines Ensembles. durch einen mutigen Spielplan und einige prägende Regisseure bestimmt. Werden Sie auch in Berlin auf feste Hausregisseure setzen?Ja. Wir würden gerne kontinuierlich mit zwei oder drei jungen Regisseuren zusammenarbeiten. Aber es ist zu früh, jetzt schon Namen zu nennen. Daneben werden natürlich auch Gäste hier arbeiten. Franz Xaver Kroetz wird in der übernächsten Spielzeit Regie führen -- aber nicht bei einem Kroetz-Stück, eher bei einem Klassiker.Wie haben sie von Ulm und München aus das Ost-Berliner Theater wahrgenommen?Ich habe in den sechziger Jahren in West-Berlin gelebt und bin natürlich oft im Osten ins Theater gegangen. Das waren starke Eindrücke, besonders die Inszenierungen von Besson und Dresen am Deutschen Theater. Auch danach habe ich viel gesehen, und es gab zahlreiche, sehr intensive Kontakte, zum Beispiel zu Regisseuren und zur Schauspielschule In Schöneweide. Nein, weit weg war die Hauptstadt der DDR nie.
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