"Unerbittlich das Richtige zeigend" heißt die Weigel-Ausstellung der Akademie der Künste

Ein gutes Gesicht

Detlef Friedrich
5 Min

Helene Weigel war nicht der Ansicht, dass Altwerden klüger macht. Vor der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin sagte sie am 12. Mai 1960: "Nicht zu vergessen, daß auch wir unsere besten Gedanken, unsere besten Impulse und unsere klügsten und wichtigsten Entscheidungen in unserer Jugend trafen. Ich schlage also vor, möglichst früh mit den Ehrungen zu beginnen und unsere Dreißigjährigen hoch zu rühmen." Die Rede hielt sie an ihrem sechzigsten Geburtstag, eben war sie staatlich geehrt worden. Die unter und die um die Dreißigjährigen, die die Weigel bemutternd im Sinn gehabt haben wird, hießen Müller, Braun, Berghaus, Wekwerth, Pintzka, Tenschert, Hecht usw.Sechs Jahre später, also nach dem berüchtigten Plenum, "taktierte" sie auch wieder ein bisschen: Da referierte Helene Weigel zu Volker Brauns Manuskript "Kipper Paul Bauch" (wie das Stück zunächst hieß): "Wir haben bestimmte Hinweise gegeben, daß große Kürzungen gemacht werden müssen, besonders am Anfang und am Schluß. Es müßte die Parteileitung meiner Ansicht nach für die Beantwortung dieser meiner Fragen sorgen, denn es geht nicht an, daß es so selbständig weitergeführt wird, wie es sich bis jetzt abspielt. Ich lasse das Ensemble unter gar keinen Umständen in eine Position bringen, in der es sich gegen Parteimeinungen, die wir teilen, im Interesse dieser jungen Leute stellen muß." Im Jahr 2000, in dem die Weigel hundert geworden wäre, formuliert Volker Braun im Ausstellungskatalog: "Merkwürdig, die Charakterköpfe liefen durchs Exil, jetzt standen sie für das andere Deutschland, merkwürdig, auf Biegen und Brechen." Das große Kompliment, das den Machern der am Dienstag eröffneten Weigel-Ausstellung der Akademie der Künste gemacht werden muss, ist, dass sie es an der Liebe und Anerkennung für die Jahrhundertschauspielerin und erneuernde Theaterleiterin nicht fehlen ließen, ohne ihre Widersprüche auszusparen. An den Wänden gut ausgesuchte, oft unbekannte Fotos von der jungen Schauspielerin aus Wien bis zur Prinzipalin in Berlin, ein privates Gesicht, wo es beim Betrachten oft scheinen will, dass die berühmten Rollen alle darin sind. Dieses schöne, ebenmäßige Antlitz mit der hohen Stirn und den bestimmenden Augen, ein Gesicht, das in jungen Jahren mädchenhaft und manchmal knabenhaft, in späteren Jahren weich und manchmal männlich wirken kann. Das größte Verdienst der Weigel wird sein, dass sie Brecht ermöglicht hat. Man hat die Gestalt "asiatisch" genannt und vielleicht die Person gemeint. "Unerbittlich das Richtige zeigend" heißt die Ausstellung, was man ohne Brechts "voll der Geduld" leider fast denunziatorisch lesen kann.Alfred Kerrs Beschreibung von 1928: "Frau Weigel, Marketenderin tut sich hervor: durch einen festen Dauerschrei, straffes Gegell, Peitschenton; Schenkelprofil, Prallsprung. Wacker", findet sich wie die Brechts von 1929: "Sie ist gutartig, schroff, mutig und zuverlässig. Sie ist unbeliebt." Porträts von Arno Mohr, Otto Niemeyer-Holstein und Fritz Cremer sind zu sehen.Nur räumlich ein bisschen klein geraten ist die Ausstellung, die in der Dresdner Bank am Pariser Platz gezeigt wird, im fensterlosen Sitzungszimmer des noblen Gebäudes, wo zur Eröffnung im Festsaal schätzungsweise fünfmal so viele Gäste wie in das Ausstellungsräumchen gepasst hätten brav dem Bankdirektor zuhörten, als er die technischen Details der imposanten Glaskonstruktion mitteilte. Die Familie Schall-Brecht mit den Töchtern saß ganz vorn in der Mitte, und Elfriede Bork, die muntere 93-jährige ehemalige Chefin des Künstlerischen Betriebsbüros, Betriebsnudel und rechte Hand der Weigel, die alles genau weiß, in der Reihe hinten. Und überhaupt, wer hätte denn gedacht, dass, wer vom Berliner Ensemble übrig ist, vor zwanzig Jahren gegangene Schauspieler und jetzt erst unter Peymann entlassene, sich "im Sperrgebiet" an der Mauer wieder trifft, fünfhundert Meter Luftlinie vom Theater entfernt, in der schönen neuen Welt des Bankenrepräsentierens?Wer sich über die Vitrinen beugt, tritt auf alte Minen. Ein Oberst Tschitschke, Kommandeur der 1. Grenzbrigade, schreibt am 7. Juli 1962 devotest an die "Genossin Helene Weigelt" (!), er würde das Angebot "uns in Fragen der Übersetzung bestimmter Begriffe zur Erleichterung der Kontrolle am Kontrollpunkt Friedrichstraße behilflich zu sein", gern annehmen, "da wir zur Zeit nicht über genügend Kräfte mit Fremdsprachenausbildung verfügen". Neben dem Schreiben des DDR-Grenzschützers liegt der österreichische Reisepass der Helene Brecht, geb. Weigel, und der Ausweis für das DDR-Regierungskrankenhaus.Am 16.November 1951 bittet Helene Weigel unter dem Briefkopf des Berliner Ensembles den Akademiedirektor Engel, einen Duzfreund, er möge doch "bei Zaisser" (Stasichef, die Red.) nachfragen, was aus dem verhafteten Horst Bienek, einem jungen Mann, den Brecht für einen begabten Dichter halte, geworden sei: "Ich würde gerne haben, daß vernünftige Leute einen Einblick gewinnen." 1964 schrieb das SED-Politbüromitglied Kurt Hager der Genossin Weigel in höhnischem Ton, er sei gar nicht zuständig, sondern die "Organe", dass ihrer Bitte um Aufenthaltsgenehmigung für Heinar Kipphardt und Uwe Johnson leider nicht entsprochen werden könne, weil die Herren Kipphardt und Johnson die Republikflucht ja nicht bereut hätten. Der von Wilhelm Pieck unterzeichneten Urkunde für den Nationalpreis der DDR an Helene Weigel ist der in Groß- und Kleinschreibung getippte und ein bisschen nach Parteideutsch klingende schriftliche "Vorschlag" für die Verleihung beigesellt. Er stammt von Brecht. Die Ausstellung ehrt und kommentiert eine große Zeit des Theaters.AUSSTELLUNG Helene Weigel // Ort: Dresdner Bank, Pariser Platz 6 Öffnungszeiten: täglich von 11-17 Uhr, bis 18. Mai, Katalog: 14, 80 Mark.Akademiepublikation: "Chausseestraße 125 - Die Wohnungen von Brecht und Weigel in Berlin", fotografiert von Sibylle Bergemann, 18 Mark BERLINER VERLAG Brecht an Helene Weigel, 1949: "Und jetzt trete in der leichten Weise auf der Trümmerstadt alte Bühne . "

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