Ungestört von der Realität

Boris Herrmann
2 Min

Als Brasiliens Präsident Lula am Wochenende stellvertretend für eine ganze Nation in sein weißes Frottee-Taschentuch weinte, da ließ sich in etwa abschätzen, welche Symbolkraft den ersten Olympischen Spielen auf dem südamerikanischen Subkontinent anhaftet. Es ist verständlich, dass die Brasilianer auf diesen sportpolitischen Durchbruch stolz sind, dass sie ihre Stellung als zehntgrößte Volkswirtschaft endlich international gewürdigt sehen, dass sie von einer besseren Zukunft für ihre von Gewalt und Korruption geplagte Stadt am Zuckerhut träumen. Die Frage ist nur, ob sie sich in sieben Jahren, wenn die Flamme entzündet wird, immer noch freuen.Mindestens elf Milliarden Euro sollen in den Ausbau der olympischen Infrastruktur fließen. Das weckt Hoffnungen auf Arbeitsplätze, saubere Strände, befriedete Favelas und ein funktionstüchtiges Verkehrsnetz - auf eine bessere Welt. Realistisch betrachtet bedeutet der Zuschlag für Rio aber auch steigende Mietpreise, mehrspurige Stadtautobahnen, unsinnige U-Bahn-Linien und sieben Jahre Baulärm.Es geht bei Investitionen in sportliche Megaevents selten darum, was die jeweilige Ausrichterstadt benötigt. Es geht darum, ein überdimensioniertes Sportereignis möglichst ungestört von der Realität auszurichten und hinterher gute Argumente zu finden, weshalb sich der Aufwand angeblich für alle gelohnt hat. Man wird die Armut, die Zwangsprostitution und die Drogenkriminalität von Rio auch mit den Olympiamilliarden nicht abschaffen. Das Geld wird eher dafür gebraucht, sie zwei Wochen lang zu verschleiern.

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