Ost-Kolumne

Operation am offenen Herzen: Warum Union Berlin unter Mauro Lustrinelli taumelt

Kein ehemaliger DDR-Oberligist hat am Wochenende gewonnen. Ganz besonders schwer getroffen hat es aber den 1. FC Union Berlin – was läuft schief in Köpenick?

Andreas Baingo
5 Min
Trainer Mauro Lustrinelli (Mitte) konnte den 1. FC Union Berlin bislang nicht so spielen lassen, wie er es sich wünscht.

Trainer Mauro Lustrinelli (Mitte) konnte den 1. FC Union Berlin bislang nicht so spielen lassen, wie er es sich wünscht.

© Tom Lauruschkat/imago

Es gibt diese Wochenenden. Nur kommen sie zuletzt etwas häufiger vor. Am Sonntagabend, wenn nicht gerade Wahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin oder in Mecklenburg-Vorpommern sind, man nicht von der Landespolitik gefesselt ist und feststellt: Schon wieder hat in den drei höchsten Fußballligen der Republik nicht eine Mannschaft gewonnen, die mal in der DDR-Oberliga gespielt hat. So wie am vergangenen Wochenende.

Viele Enttäuschungen und eine richtige Klatsche

In Liga drei führte Hansa Rostock bei Rot-Weiss Essen bis kurz vor Schluss, kassierte aber noch das 1:1. In Liga zwei war Energie Cottbus drauf und dran, den FC St. Pauli mit 1:0 zu bezwingen, zumal der Bundesliga-Absteiger dezimiert spielen musste, behielt aber auch nur einen Punkt. Der 1. FC Magdeburg lag in Fürth vorn, war dabei, Tabellenrang vier zu behaupten, spielte aber auch nur 1:1. Dynamo Dresden roch gegen Hertha BSC an einer Überraschung, hätte die Siegesserie des Tabellenführers stoppen können, verlor aber trotz Führung 1:2.

Alles schlimm genug. Wenn da nicht in der Bundesliga noch das 0:7 des 1. FC Union Berlin bei Bayern München wäre.

Herbe Klatsche: Der 1. FC Union ging in München sang- und klanglos unter.

Herbe Klatsche: Der 1. FC Union ging in München sang- und klanglos unter.

© Harry Langer/dpa

Alles ist berichtet über die gewaltigste Ergebnis-Ohrfeige, die die Köpenicker in ihrer Bundesligahistorie gefangen haben. Über die 17 Gegentore, die nach vier Spieltagen schwer zu toppen sind. Über die Harmlosigkeit des Angriffs, der sich zu oft verloren vorkommt, auch weil mit Ilyas Ansah der hoffnungsvollste Stürmer weg und mit Andrej Ilic der Rammbock in vorderster Linie noch nicht einsatzfähig ist. Dass nur Schalke, Paderborn und der HSV seltener getroffen, dafür aber wenigstens schon einmal gewonnen haben. Dass die Männer um Kapitän Christopher Trimmel in ihren vorangegangenen sieben Jahren in Deutschlands höchster Spielklasse nach dem 4. Spieltag noch nie ohne Sieg waren. Dennoch bleiben Fragen, denn all das gibt zu denken und treibt alle beim und um den 1. FC Union gewaltig um.

Woran liegt es bei Union Berlin?

Was läuft da nur schief? Liegt es allein am veränderten System, das der neue Trainer bevorzugt und das er gern spielen lassen möchte? Ist es wirklich so, dass die Spieler sich mit für sie markanten Veränderungen zurechtfinden müssen, ohne sie bis ins letzte Detail zu beherrschen? Oder nicht beherrschen können? Ist es deshalb auch eine Frage des handwerklichen Könnens? Oder vielmehr des Kopfes und nicht so sehr des Körpers? Vielleicht auch beides?

Ach was! Wer es bis in die Bundesliga geschafft hat, sollte mit allen noch so winzigen Details und Kniffen vertraut sein. Es ist die Basis für ein Spiel auf höchstem Niveau. Auch ist die Taktiktafel seit frühesten Jahren ständiger Begleiter bei Trainingseinheiten und bei Schulungen über Laufwege, Rochaden und andere Verschiebungen. Mit anderen Worten: Es ist kein Hexenwerk. Auch kein Buch mit sieben Siegeln.

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Doktor Lustrinelli läuft die Zeit davon

Und doch ähnelt das, was Mauro Lustrinelli vorhat, selbst wenn jeder Vergleich hinkt, bisher einer Operation am offenen Herzen. Dem Patienten, der in diesem Fall in Rot und in Weiß gekleidet ist, soll geholfen werden, dass er möglichst schnell wieder auf den Beinen ist. Die Betonung liegt auf schnell.

Nicht nur Rani Khedira, der Vizekapitän, hat erklärt, dass man in der Bundesliga die Zeit dafür nicht hat. Und auch nicht bekommen wird. Mag der Trainer noch so neu sein und die Liga nicht von innen kennen. Dafür in seiner Überzeugung gefestigt, weil es andernorts ja bereits geklappt hat. Von Automatismen ist dann gern die Rede, vom blinden Verstehen ebenso. Nur sollten dort, wo es kein Erbarmen gibt und Mannschaften wie der 1. FC Union jeden Punkt mit aller Intensität erkämpfen müssen, die Abläufe schon vor dem ersten Anstoß des Spieljahres in Fleisch und Blut übergegangen sein.

Nicht nur Rani Khedira ist unzufrieden mit der Situation des 1. FC Union Berlin.

Nicht nur Rani Khedira ist unzufrieden mit der Situation des 1. FC Union Berlin.

© Harry Langer/dpa

Genau da, bei den Automatismen, beim blinden Verstehen, hapert es bei den Eisernen derzeit gewaltig. Als sich zum letzten Test vor Saisonbeginn, dem Spiel gegen Englands Premier-League-Aufsteiger Ipswich Town, die alte Spielergarde von Mitte der 1980er-Jahre traf, schüttelte mancher aufgrund der Gegentore beim 2:4 ungläubig den Kopf.

Größtenteils waren die Lücken in der Abwehr selbst für nicht so gewiefte Taktiker auf brutale Weise sichtbar. Im vertrauten Gespräch fielen Worte wie „Offenbarungseid“, „Katastrophe“ und „offenes Scheunentor“. Nur sagte das jeder besser hinter vorgehaltener Hand, um nicht als Miesepeter dazustehen oder derjenige zu sein, der noch vor dem ersten Anpfiff den Teufel an die Wand malt. Nur war da schon zu erkennen, dass der Weg zu Stabilität ein sehr weiter werden wird.

Klar ist aber auch, dass nach dem vierten Spieltag noch niemand abgestiegen und auch niemand Meister geworden ist. Viele Spiele auf Augenhöhe kommen noch. Dann wird sich zeigen, wohin der Weg führt. Das gilt aber ebenso für Magdeburg, Cottbus, Dresden und Rostock. Denn Wochenenden wie das zurückliegende tun der Fußballerseele zwischen Ostsee und Erzgebirge ganz besonders weh.

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