Trainerkarussell

Vom Dauerbrenner zum Schleudersitz: Klubs verlieren die Geduld mit ihren Trainern

Urs Fischer prägte Union Berlin über Jahre, seine Nachfolger blieben deutlich kürzer. Ein Blick auf den Trainer-Verschleiß in Köpenick und im deutschen Fußball.

Andreas Baingo
9 Min
Für Hansa-Trainer Daniel Brinkmann war nach fünf Spielen Schluss. Längst ist seine aber nicht die einzige Entlassung der noch jungen Saison.

Für Hansa-Trainer Daniel Brinkmann war nach fünf Spielen Schluss. Längst ist seine aber nicht die einzige Entlassung der noch jungen Saison.

© Swen Pförtner/dpa

Jung ist die Saison noch, sehr jung. Erst vier Runden sind in Deutschlands höchster Spielklasse vorbei, sechs in der 2. Bundesliga und sieben in der 3. Liga. Abgesehen davon, dass der 1. FC Union Berlin mit nur einem Punkt aus vier Spielen gestartet ist und in der Bundesliga als Vorletzter auf einem Abstiegsplatz liegt, hat es anderswo schon gewaltig rumort, gekracht sogar.

Die ersten Trainerentlassungen ließen nicht lange auf sich warten. Als Ersten in der Bundesliga hat es Eugen Polanski in Mönchengladbach erwischt, in Liga zwei ist Christian Titz nicht mehr Coach von Hannover 96, in Liga drei musste Daniel Brinkmann bei Hansa Rostock nach der ersten Saisonniederlage seinen Stuhl räumen. Bei Wehen Wiesbaden musste neben Daniel Scherning mit Andreas Zimmermann, der einst beim 1. FC Union spielte, auch dessen Assistent seinen Hut nehmen.

Die Zündschnur, so hat es den Anschein, ist vielerorts kürzer geworden. Der Deutsche Fußball-Bund, dessen A-Team auch gerade erst eine Saisonpartie am Donnerstag in der Nations League in den Niederlanden absolviert hat, gilt da fast schon als negatives Vorbild. Der DFB hat es mit der – zugegeben alternativlosen – Entlassung von Julian Nagelsmann im Sommer salonfähig gemacht.

Die prominenteste Trainer-Trennung des Sommers: Julian Nagelsmann ging nach der verpatzten WM.

Die prominenteste Trainer-Trennung des Sommers: Julian Nagelsmann ging nach der verpatzten WM.

© Tom Weller/dpa

Vereine haben eine kurze Zündschnur

Stellt sich die Frage, wie lang die durchschnittliche Halbwertszeit eines Trainers ist, wenn er nicht gerade Frank Schmidt heißt und seit 2007 beim Zwischenzeit-Bundesligisten 1. FC Heidenheim das Zepter schwingt. Oder wenn sie nicht zufällig beim SC Freiburg im Amt sind, wo zuerst Volker Finke die Latte mit 16 Jahren auf schier unerreichbare Höhe legte, Christian Streich bis vor zwei Spielzeiten erst vier Jahre als Co-Trainer, anschließend zwölf Jahre als Cheftrainer die Breisgauer betreute und seitdem Julian Schuster den SC zuletzt sogar an die Tabellenspitze der Bundesliga führte. Wenn auch nur für einen Spieltag.

Kurz ist die Halbwertszeit. Erschreckend kurz. Trotz dieser Methusalems aus dem Südwesten der Republik und anderer Trainer-Granden, die es mit Otto Rehhagel und Thomas Schaaf (beide jeweils 14 Jahre) vor allem bei Werder Bremen gegeben hat. Nur von etwas mehr als einem Jahr gehen die Statistiker aus. 14 Monate sollen es sein. Eigentlich läppisch.

So verrückt das klingt, in der Bundesliga passt es bei einem Blick aufs Vorjahr (andere Spielzeiten verlaufen in der Regel ähnlich) wie die Faust aufs Auge. Erik ten Hag war bei Bayer Leverkusen nach nur zwei Monaten Geschichte, nach weiteren zehn Monaten war für seinen Nachfolger Kasper Hjulmand Schluss. Ole Werner schaffte in Leipzig auch nur ein Jahr, Horst Steffen als Werners Nachfolger in Bremen sieben Monate. Mit Paul Simonis, Daniel Bauer (auch er ein ehemaliger Unioner) und Dieter Hecking verbrauchte Absteiger Wolfsburg in einer Spielzeit gleich drei Übungsleiter. In Augsburg hielt sich Sandro Wagner, inzwischen in Hannover Erbe von Christian Titz, auch nur ein knappes halbes Jahr. Und Lukas Kwasniok in Köln neun Monate. Da müssen alle anderen gesteigertes Durchhaltevermögen an den Tag legen oder einfach nur ein bisschen Glück haben, um den Schnitt halbwegs zu rechtfertigen.

Beim 1. FC Union hielt zuletzt nur Fischer lange durch

Mit Ruhm bekleckert hat sich der 1. FC Union gerade in der Bundesliga diesbezüglich allerdings auch nicht. Was mit Urs Fischer außerordentlich stabil begann, trieb zwischenzeitlich arge Blüten. Freiburg-Niveau erreichte der Schweizer in Köpenick zwar nicht ganz. Knapp fünfeinhalb Jahre, davon das erste im Bundesliga-Unterbau und viereinhalb in der Bundesliga, sind dennoch eine gewaltige Hausnummer, an der die meisten anderen scheitern. Insgesamt war der jetzige Mainz-Coach bei den Eisernen 1964 Tage (365 davon in Liga zwei) im Amt. Das ist länger als selbst Sebastian Hoeneß in Stuttgart, der den VfB seit dem 3. April 2023 betreut und damit nach dem Abstieg der Heidenheimer der dienstälteste Coach in der Bundesliga ist.

Dass die Fußstapfen, die Fischer im Stadion An der Alten Försterei hinterließ, riesengroß sind, war von vornherein klar. Dass die Nachfolger sie jedoch nicht annähernd auszufüllen vermochten, überrascht trotzdem. Nenad Bjelica stellte sich fast selbst ein Bein, schaffte lediglich 1,05 Punkte pro Spiel und war nach nicht einmal einem halben Jahr weg. Bo Svenssons Punkteschnitt lag mit 1,19 nur unwesentlich höher als der des Kroaten, an Tagen im Amt aber schaffte der Däne auch nur 18 mehr. Nicht einmal Steffen Baumgart, als Liebling der Fankurve gekommen und damit ein Trainer der Herzen, konnte den statistischen Durchschnittswert pulverisieren. Seine Zeit an der Seitenlinie war nach etwas über 15 Monaten beendet. Letztlich kam das Aus nicht gerade überraschend.

Urs Fischer war jahrelang Erfolgscoach des 1. FC Union Berlin, trainiert nun den FSV Mainz 05 in der Bundesliga.

Urs Fischer war jahrelang Erfolgscoach des 1. FC Union Berlin, trainiert nun den FSV Mainz 05 in der Bundesliga.

© IMAGO/Martin Hoffmann

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Der Trainerverschleiß in den 90ern

Ganz schlimm fiel der Verschleiß an Trainern in Köpenick in den 1990er-Jahren aus, als der Verein wie ein angeschlagener Boxer zwischen den Seilen taumelte und niemand mit Sicherheit sagen konnte, ob er wirtschaftlich die nächste Runde, in diesem Fall die nächste Saison, erreichen würde. Zwischen Frank Pagelsdorf, der 1994 nach zwei Spielzeiten ging, und Georgi Wassilew, der 1999 das erste Mal Trainer in Köpenick wurde und etwas mehr als drei Jahre blieb, liegt diese prominente Ahnengalerie: Frank Engel, Hans Meyer, Eckhard Krautzun, Frank Vogel, Karsten Heine, noch einmal Frank Vogel, Ingo Weniger, Fritz Fuchs. Die längste Amtszeit in diesen fünf Jahren betrug zehn Monate.

Es gibt auch die anderen Extreme. Trainer, die bei einem Verein über Jahrzehnte nicht wegzudenken sind. Dabei muss es nicht immer die höchste Spielklasse gewesen sein, aber in großen Teilen schon. Guy Roux, der inzwischen fast 88-jährige Franzose, ist das Paradebeispiel. 1961 bis 2005 betreute er mit kleinen Unterbrechungen, dabei ab 1964 etwas über 36 Jahre am Stück, die erste Mannschaft von AJ Auxerre. Er führte das Team aus dem burgundischen Amateurfußball bis in die höchste Spielklasse, die jetzige Ligue 1, und krönte sein Lebenswerk 1996 mit dem Meistertitel. Derzeit ist in Europas Top-Ligen Diego Simeone am längsten im Amt. Seit 2011 coacht der Argentinier, auch bekannt für seine oft impulsive Art, die Rot-Weißen von Atlético Madrid.

Die eisernen Dauerbrenner

Natürlich gibt es auch beim 1. FC Union Dauerbrenner. Zwar nicht vom Schlage eines Guy Roux, etwas vom Schlage eines Diego Simeone aber schon. Titel wie der von Miroslav Votava (1980 mit Deutschland Europameister), Reputation wie die von Aleksandar Ristic (der Bonbonverteiler unter den Bundesligatrainern) oder die angebliche Weltoffenheit von Eckhard Krautzun (wies vor seinem Engagement im Berliner Südosten 22 Trainerstationen in sieben Ländern auf) waren nie so wichtig wie Ausdauer und Disziplin.

Rekordcoach ist Uwe Neuhaus, der mit seinem Team erst den Sprung in die neu geschaffene 3. Liga schaffte und danach die Rückkehr in die 2. Bundesliga. Sieben Jahre oder 266 Pflichtspiele lang war der ehemalige Bundesligaprofi der SG Wattenscheid da und brachte es im Laufe der Jahre fast zum sportlichen Alleinherrscher.

Dem am nächsten kommt Heinz Werner, der Mitte der 1970er-Jahre den Verein aus seinem Dämmerzustand holte, zurück in die DDR-Oberliga führte und dort über Jahre etablierte. Kurios, wie manches andere aus jener Zeit, ist ebenso Werners Aus. Nicht nach dem Abstieg aus dem Oberhaus 1980 musste er gehen. Auch nicht 1981, obwohl es gut zu vermitteln gewesen wäre, weil die sofortige Rückkehr in der Aufstiegsrunde vermasselt wurde, dafür Energie Cottbus und Chemie Buna Schkopau nach oben gingen. Dafür aber 1982, nachdem die Eisernen mit Werner wieder Oberligist geworden waren. Der Zeitpunkt bleibt ein Mysterium in der Historie des Vereins, zumal Nachfolger Harry Nippert aus Hohenschönhausen kam. Ausgerechnet von dort. Wer schon damals politische Gründe vermutete, bewies zumindest Realitätssinn.

Frank Wormuth ging am schnellsten

Wo es Dauerbrenner gibt, gibt es auch Kurzzeit-Engagements. Es sind nicht gerade Eintagsfliegen, aber auf alle Fälle hatte man sich gegenseitig viel mehr versprochen als nur ein paar Monate. Abgesehen von den überaus wilden 1990er-Jahren, in denen selbst Frank Engel (sieben Monate) und Hans Meyer (etwas über acht Monate), der eine als bewährter Nachwuchs- und kurzzeitiger Nationalcoach, der andere als Erbe des berühmten Georg Buschner in Jena Trainer-Ikonen schon zu DDR-Zeiten, nicht lange geduldet waren, nahmen auch andere ziemlich schnell den Ausgang.

Am schnellsten war Frank Wormuth, wenig später oberster Ausbilder der Trainer im DFB, wieder weg. Ganze 89 Tage dauerte sein Engagement. Allerdings hatte er sein Amt in einer finanziell katastrophalen Situation übernommen. Mit einer ganz jungen Mannschaft sollte er ein Wunder schaffen. Der Versuch endete in der Regionalliga mit sieben Niederlagen in zehn Spielen, ehe bis zum Saisonende auch Werner „Pico“ Voigt (zehn Wochen), Lothar Hamann (drei Wochen) und Frank Lieberam den Abstieg in die damals viertklassige Oberliga nicht verhindern konnten.

Was ist mit Lustrinelli?

Sprung in die Gegenwart und zu Mauro Lustrinelli. Von fünf Pflichtspielen haben die Eisernen unter dem Schweizer erst eines gewonnen, das im Pokal bei Zweitligist Braunschweig. In der Bundesliga ist so gut wie Punkte-Ebbe. Ein halbwegs guter Start sieht klar anders aus. Einen Vorteil indes hat Lustrinelli. Er ist der Wunschtrainer, von dem man sich eine zweite Ära ähnlich der unter Urs Fischer vorstellt. Nicht unbedingt in Europas Königsklasse soll sie führen, davon ist man in Köpenick fürs Erste geheilt. Aber in ruhiges Fahrwasser durchaus. Nur sieht es danach derzeit nicht aus. Irgendwann aber werden auch Lustrinelli und seine Assistenten an Punkten gemessen. Kaum einer, der in diesem Fach vorm Absturz gefeit wäre.

Wie Trainer, die einst ganz oben waren, später keine Anstellung im eigentlichen Job mehr finden, in der Blüte ihrer Jahre doch etwas machen können, zeigt Christian Prokop. Was Erich Ribbeck, Jürgen Klinsmann und Julian Nagelsmann für die deutschen Fußballer waren, war Prokop hierzulande für die Handballer: Bundestrainer. 2017–2020 betreute er sie in 53 Länderspielen und schaffte erst als zweiter Bundestrainer einen Punkteschnitt von mehr als 1,5. Nicht die schlechteste Bewerbung. Nach einem fünfjährigen Engagement beim TSV Hannover-Burgdorf unterrichtet der aus Köthen in Sachsen-Anhalt gebürtige 47-Jährige nun in Isernhagen, einer Gemeinde im Speckgürtel von Hannover, an einer Realschule Sport, Politik und Wirtschaft. Könnte man sich das auch bei einem Ex-Bundestrainer im Fußball vorstellen? Hat jemand derart viel Fantasie? Es wäre zumindest etwas völlig Neues.

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