Michael Stipe singt und tanzt wie eine Gliederpuppe, die von einem zuckenden, manchmal fahrigen, manchmal von der Leidenschaft ganz übermannten Gliederpuppenspieler geführt wird. Er trägt sein Kreuz so gerade und durchgedrückt, als übe er täglich am Schwebebalken den aufrechten Gang. Aber die Füße, auf denen er geht, schweben fortwährend ein paar Zentimeter über dem Boden; der Mittelpunkt, um den sich sein Körper bewegt und um den seine Glieder herumzucken, liegt aus unerfindlichen Gründen nicht im Rumpf. Mehr als zwanzig Jahre schwebt und zuckt Michael Stipes Körper nun schon über die Rock- n -Roll-Bühnen der Welt; dabei hat sich der Schwerpunkt der Körperbewegung stetig vom Zucken zum Schweben verschoben. Als Stipe mit seiner Band R.E.M. Mitte der achtziger Jahre erstmals auch auf deutschen Bühnen zu sehen war, zuckte er noch mit grotesk abgewinkelten Armen um das Mikrofon und mit ständig wie bei einer Ohnmacht einknickenden Knien. Sonderbar, staunte man damals: Wie ungezügelt und stoßhaft wirkt doch die Energie, die diesen Körper durchrast und durchschüttelt - und wie gleichgepegelt und höhepunktarm sind dabei die Kompositionen, zu denen er sich dabei verschwendet. Michael Stipe ist zwanzig Jahre älter geworden seither; sein Körperverhalten ist gereift und hat sich normalisiert. Es ist extrovertierter und männlicher geworden und insgesamt Rock- n -Roll-hafter. Die Musik, die R.E.M. zu den Stipe schen Tänzen aufführt, ist dabei noch immer weithin dieselbe: eine introvertierte, unmännlich höfliche und an allen Arten von Penismetaphorik (Hüftenkreisen, Gitarrensoli) desinteressierte Postpunk-Variante, für die man in den achtziger Jahren nicht zu Unrecht das Wort "College Rock" erfand - und zu der sich das Stipe sche Pathos, sein emphatischer Gesangs- und Interpretationsstil immer noch im Zustand der Übererfüllung befinden. Das Wunderbare an der Musik R.E.M.s ist dieser dauernde Selbstwiderspruch: Eine Musik, bei der man nie weiß, ob sie rast oder steht; worin ihre treibenden und worin ihre getriebenen Anteile bestehen; ob man sie energisch finden soll oder schlaff. Wird Stipes mal murmelnde, mal jodelnde Stimme von den Gitarren beschleunigt? Oder sind es nicht erst die Geschichten, die er erzählt, die dem weitgehend solilosen Gitarrenspiel überhaupt eine Dynamik verleihen? Seien wir ehrlich, eine Musik, bei der man nie weiß, ob man sich beim Zuhören gerade langweilt oder nicht. Sicher ist, dass diese Musik sich nur unter bestimmten Umständen entfaltet; sie braucht gesunden, fruchtbaren Boden, eine spezielle Luftfeuchtigkeit und vor allem: Intimität. Am Freitagabend schwebte und zuckte Michael Stipe vor 15 000 frenetischen Hörern über die nieselberegnete Berliner Waldbühne; R.E.M. spielten hier ein paar neue Lieder und ansonsten eine Auswahl ihrer beliebtesten Hits: "The One I Love", "Losing My Religion", "Imitation Of Life". Das Publikum liebte die Hymnen, aber Hymnen sind nicht das, worum es bei R.E.M. geht. Es sind die Details und die Widersprüche im Kleinen; es ist der verzerrte Blick auf sich selbst. Darum wirkt Stipes Körperspastik auch am besten, wenn man von schräg unten zu ihm hinaufschauen darf. Von hoch oben und aus weiter Ferne sieht er nur aus wie eine Marionette. Warum ausgerechnet aus dieser verletzlichen, verschrobenen Gruppe ein Stadion-Event werden musste, ist auch nach dem Konzert in der Waldbühne so rätselhaft wie zuvor.Eine Musik, bei der man nie weiß, ob man sich beim Zuhören gerade langweilt oder nicht.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Der emphatische Gesangs- und Interpretationsstil im Zustand der Übererfüllung: Das macht den Pathos des R. E. M. - Sängers Michael Stipe aus.
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