Unreguliert

Detlef Friedrich
2 Min

Der Blick aus der Redaktionsstube fällt auf die Berliner Volksbühne, auf Deutschlands wichtigstes Sprechtheater. Es wehen die roten Fahnen im Juniwind, eine mit einem dicken schwarzen Ausrufezeichen, die andere mit dem schwarzen Räuberzeichen der Anarchie. Dahinter erhebt sich in mächtigen Versalien die Richtungsangabe OST . Ästhetische Ironisierung, die aus der Erfahrung von Anklam, Karl-Marx-Stadt, Ost-Berlin und aus dem Nachwendeberlin kommt, machte die Volksbühne zum Wiedervereinigungstheater. Ihr Erfolg als Kritik an der politischen Wirklichkeit wiegt einen Bundespräsidenten aus dem Osten auf. Das Theater führt die Auseinandersetzung, die die Realität verweigert. Frank Castorf, sein Erfinder, droht jetzt mit Weggang. Man möchte sich an die Stirn tippen und fragen: Ist er verrückt geworden? Wo will er denn hin? Er ist doch Berliner. Was ein Berliner ist, wissen viele in Berlin nicht, darunter Abgeordnete. So können sie nicht einschätzen, wie sehr ein Berliner verärgert ist, wenn er mit Hinschmeißen droht. Das Dach des Theaters dicht zu kriegen, hat der Hausherr fast so lange gebraucht, wie seine Volksbühne alt ist: zehn Jahre. Wie lange soll es dauern (um von Geld für Kunst nicht zu reden), bis der Uringeruch weicht? Falls jemand Zweifel hegt, ob das Theater wirklich die geforderte Penunze braucht, empfehlen wir den Besuch der Herrentoilette Parterre links. Demnächst riecht es bis in den Zuschauerraum. Frank Castorf zögert mit der Zusage, seinen Vertrag zu verlängern, auch nach dem Aufkleben des Trostpflästerchens von 290 000 Euro. "Strukturell" waren 1,5 Millionen Euro zugesichert. "Hinsichtlich der Vertragsverhandlungen mit Frank Castorf - und entgegen dem zum Teil positiven Tenor der Berichterstattung, dass Castorfs Verbleib an der Volksbühne mit der aktuellen Regelung gesichert wäre - bleibt doch ein großer Handlungsbedarf seitens der Politik, um die Verabredungen einzulösen und Frank Castorf in Berlin zu halten", heißt es in der Presseerklärung. Sie liest sich ironiefrei. Die Lage ist also ernst. Der Ton ist das Warnsignal. Castorf scheint im Begriff, den Humor zu verlieren, sonst hätte er den Bürokratentext nicht "abgesegnet". Vielleicht könnte er bei Staatsminister Nida-Rümelin was lernen? Der stellte gestern eine Studie vor: "Zur regulierten Selbst-Regulierung als Form modernen Regierens".

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