Lars Eidinger ist 2026 mit zwei Filmen in Cannes vertreten – Volker Schlöndorffs „Heimsuchung“ und László Nemes’ „Moulin“ –, und während sich das Festivalpublikum noch überlegt, welche Rolle erschütternder ist, hat sich der Schauspieler längst eine zweite Bühne erobert: den roten Teppich. In Dior, gestylt von Andreas Krings mit einer Präzision und einem Schuss Mut, die man bei männlichen deutschen Stars selten sieht.
Eidinger trägt in diesem Jahr auf den roten Teppichen Looks, die im Herrenmode-Vokabular der Deutschen eigentlich noch nicht angekommen sind. Einen weißen Anzug, kein Hemd darunter, dazu nur einen voluminös gefältelten Kragen. Einen Blazer, der der Damenmode entlehnt ist, das Fundament des Hauses Dior: „The Bar Jacket“. Dieses Kultstück betont die Hüfte, ist leicht verkürzt: Viele Männer hätten Angst, verweiblicht auszusehen.
Mut zum Extravaganten: der Schauspieler Lars Eidinger auf dem roten Teppich in Cannes. Sein weißer Zweireiher wird durch ein Hemd mit barock anmutender Halskrause zum modischen Statement.
© Gisela Schober/Getty Images
Eidinger hingegen inszeniert sich nicht als Mann in Frauenkleidern, sondern als Schauspieler, der den binären Code der Herrenmode schlicht für überholt hält – und das mit einer Selbstverständlichkeit, die viele jüngere Kollegen vor Neid erblassen lassen dürfte.
Couture und Schwerverbrechen
Bleibt die Frage, die sich beim Anblick dieses Mannes in Tüll und Dior-Couture aufdrängt: Warum besetzt ihn das deutsche und internationale Kino so beharrlich als Täter? Eidinger hat den Manipulator gegeben, den Wehrmachtsoffizier, den Folterer, den kalten Intellektuellen. Sein Gesicht, so scheint es, wird Regisseuren zur Projektionsfläche für das Böse, weil es sich nicht festlegen lässt. Dabei zeigt er auf dem Teppich, was er sonst noch könnte: Humor, Ironie, Wärme, eine Form von Eitelkeit, die nie peinlich wird.
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Bemerkenswert ist daher, wie sehr seine Looks seine Rollen konterkarieren. „Heimsuchung“ erzählt deutsche Geschichte als Familienarchiv – Weimarer Republik, Drittes Reich, DDR –, „Moulin“ konfrontiert ihn mit der Rolle des Klaus Barbie, des Gestapo-Chefs von Lyon, auch „Schlächter von Lyon“ genannt. Beides schwere Stoffe, beides Rollen, in denen Eidinger – einmal mehr – das Abgründige verkörpert. Auf dem Teppich antwortet er darauf mit dem Gegenteil: Leichtigkeit, Ornament, Spiel. Das ist mutig, modern und äußerst männlich.
Kein typischer Red-Carpet-Look für Herren: Lars Eidinger präsentiert sich in Cannes im tief ausgeschnittenen New-Look-Sakko.
© Aurore Marechal/Getty Images
Dass Dior diese Allianz eingeht, ist konsequent. Das Haus hat in den vergangenen Jahren die Trennlinien zwischen Damen- und Herrenkollektionen systematisch verwischt, mit Silhouetten, die sich Zitaten aus Couture, Tanz und Subkultur bedienen. Es sucht auch die Nähe zur Hochkultur. Ähnlich wie sich Chanel Sandra Hüller als Markenbotschafterin unter den Nagel riss, setzt Dior auf das männliche Gegenstück. Eidinger ist dafür die ideale Wahl, auch weil er weder die schauspielerische noch die ästhetische Grenzüberschreitung scheut.
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