STUTTGART. Die Formel 1 bekommt am Sonntag das Finale, das die Saison verdient: Warum soll irgendwas in diesem Rennjahr auch normal laufen? Die Stimmung vor dem Grand Prix von Brasilien, bei dem Lewis Hamilton (107 Punkte), Fernando Alonso (103) und Kimi Räikkönen (100) Titelchancen haben, ist entsprechend aufgeheizt."So ein Finale wie dieses jetzt ist schon ein Knaller", sagt der Fachmann: Michael Schumacher (38) begibt sich in die Vor-dem-Fernseher-Perspektive, um die erste Titelvergabe seit anderthalb Jahrzehnten ohne seine Beteiligung zu beobachten. "Ehrlich gesagt bin ich ganz froh, dass ich das Rennen diesmal von der Couch aus verfolgen kann. Nicht nur als Fan, auch als Fahrer träumt man natürlich von so einem großen Kampf. Es wird sicher ein aufregendes Rennen." Er hat heute sogar gute Erinnerungen an seinen letzten Formel-1-Auftritt in Interlagos, als er als Vierter den Titel Fernando Alonso überlassen musste.Grand-Prix-Zirkus-Direktor Bernie Ecclestone glaubt zwar, dass Hamilton und Alonso viel von Schumacher haben, vor allem von dessen Kampfgeist, aber sein sehnlichster Wunsch wäre dann doch: "Ich vermisse Michael und würde ihn liebend gern wieder in der Formel 1 sehen. Ganz besonders bei dem aktuellen WM-Stand. Ich würde sehr gern erleben, wie er unter den gegebenen Umständen gegen die aktuellen Piloten fahren würde." Den Gesetzen der Saison folgend, die von Spionageaffären, Polizeiermittlungen, Blockadeaktionen, Wolkenbruchrennen, Erpressungen und Rekordstrafen überschattet wurde, soll sogar ein spanischer Motorsportfunktionär in der Box von McLaren-Mercedes amtlich überwachen, dass Fernando Alonso nicht benachteiligt wird. Nichts ist absurd genug in diesem Scharmützel, und alles, was neben der Rennstrecke passiert, sorgt für mehr Gesprächsstoff als die Rennen.Der ewig BeleidigteObwohl auch der Sport eine überraschende Wendung nach der anderen genommen hat. Immer wenn sich einer der Hauptrivalen Ferrari und McLaren-Mercedes sicher an der Spitze fühlte, wechselte die Startampel wieder von Rot auf Silber oder umgekehrt. Das hat zu einem fast ausgeglichenen Verhältnis von Siegen vor dem Finale am Sonntag (18 Uhr, RTL) geführt. Lewis Hamilton, der erste Neuling, der Weltmeister werden kann, machte ausgerechnet in der Boxenzufahrt den ersten groben Schnitzer seiner Bilderbuch-Karriere. Der ewig Beleidigte, Fernando Alonso, den bei McLaren-Mercedes keiner mehr mag und außerhalb von Spanien nur noch wenige, verhinderte den vorzeitigen Rausschmiss dadurch, dass er auf seinen dritten Titel lauern kann. Und Kimi Räikkönen, ein unauffälliger Mitfahrer im oft schwächelnden Ferrari, hat sich in einer nicht aussichtslosen Außenseiterposition verschanzt, die ihm hervorragend steht. Selbst Niki Lauda mag sich nicht auf einen Favoriten festlegen: "Schon der geringste Fehler könnte entscheidend sein."Mit Druck kann jeder aus dem Trio umgehen, und jeder ist auf seine Art weltmeisterlich darin, den anderen unter Druck zu setzen: Hamilton tut das ebenso kalt lächelnd wie rücksichtslos, Alonso erledigt es eher beleidigend und nachtretend, Räikkönen mit schmallippigem Lächeln und unergründlichem Blick. Bei ihrem gemeinsamen Auftritt am Donnerstag in São Paulo gaben sich die Drei allerdings zahm. "Keiner von uns will einen Crashkurs", sagte Hamilton. Alonso versprach Fairness, vergaß aber nicht, die Konkurrenten zu erinnern, dass er auf dem Kurs von Interlagos schon zweimal den Titel gewonnen hat,Die vielen Rechenexempel, wann wer Champion ist, beziehen vor allem die Konkurrenz mit ein. Ferrari-Adjutant Felipe Massa gilt als Siegfahrer bei seinem Heimrennen. Dazu kommen die Beziehungen, die die Piloten im Feld haben: Hamilton weiß die jungen Aufsteiger hinter sich, Alonso die Etablierten, Räikkönen die Neutralen. Nicht kalkulierbar sind in São Paulo die Streckenbedingungen, auch in diesem Jahr liegt wieder ein neuer Asphalt auf der Berg-und-Talbahn.So viel Unsicherheit war nie. So viel Neid nicht. So viel Aufregung auch nicht. Erst achtmal in der Formel-1-Geschichte ist der Titel im letzten WM-Rennen in einem Dreikampf entschieden worden, viermal siegte dabei jener, der als Zweitbester ins Finale ging, zuletzt Alain Prost 1986. Ein guter Schluss ziert bekanntlich alles.------------------------------Foto: "Schon der geringste Fehler könnte entscheidend sein": Lewis Hamilton, WM-Neuling mit besten Titelchancen.
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