Richard II." ist ein merkwürdiges Stück. Mitten im dritten Akt ist es eigentlich schon zu Ende. Richard II., ein schwacher, selbstzweiflerischer und schlecht organisierter König, hat seinen Cousin Bolingbroke gegen sich aufgebracht, indem er ihn erst verbannte und dann, um Englands Krieg gegen Irland zu finanzieren, auch noch enteignete; Bolingbroke kehrt samt einem übermächtigen Heer aus der Verbannung zurück, Richard II. gibt auf.Wo "Richard III." und "Macbeth" enden, nämlich mit der Entmachtung, da beginnt der zweite, stärkere Teil von Shakespeares Königsdrama erst. Innerhalb der Rosenkriege ist "Richard II." das, was für das Alte Testament die Vertreibung aus dem Paradies ist. Was danach kommt - man hat es in den beiden Rosenkriegs-Zyklen der Berliner Volksbühne und des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg gesehen - sind nur noch die Konsequenzen. Ein Machtwechsel und seine Berechtigung: Geht das überhaupt, einen Stellvertreter Gottes absetzen? Das Stück zeigt, mit dem Abstand von 200 Jahren, wie das war beim ersten Mal, in England im Jahre 1400. Es ging. Nicht ohne Leichen, aber es ging.Die famose zeremonielle Umständlichkeit, mit der Bolingbroke, der spätere Heinrich IV., auf den Thron gehoben und Richard II. von ebendiesem heruntergeholt und in den Tower geworfen wird, ist nur aus der Gottesfurcht der Leute heraus zu verstehen. Desgleichen die kindliche, tief sitzende Angst Richards vor der Abdankung, als sei s eine Todsünde. Jeder einzelne Untertan, den man hier wanken sieht, trifft zuletzt die persönliche Entscheidung für eine schlechtere, dafür göttliche Ordnung (Richard II.) oder für eine bessere, aber gottlose Ordnung (Bolingbroke).Es erstaunt dann doch, wie religiös gleichgültig die Inszenierung von Claus Peymann geworden ist. Das Stück erscheint in jeder Hinsicht profanisiert, eine metaphysische Dimension gibt es nicht (anders als zum Beispiel in der großartigen Londoner Inszenierung von Deborah Warner, bei der das Publikum wie in der Kirche saß). Die neuen Verse von Thomas Brasch sind mit umgangssprachlichem Schwung geschmiedet, deutlich wird den Mächtigen die Meinung ins Gesicht gesagt und im Themenbereich Aufrüstung und Kapitalbildung vernimmt man manch bekanntes Wort aus dem Kalten Krieg. Mit einer berlindeutschen Direktheit dichtet und kalauert Brasch und erklärt allerdings mehr als man verstehen kann und will. So hat es auch der Regisseur gemacht: Entwirrt und erlegt liegt das Stück vor einem. Ganz und gar diesseitig durcherklärt ist "Richard II.", aufgehängt in dreißig gerahmten Bildern.Wohl erinnert das Bühnenbild von Achim Freyer an einen Flügelaltar: drei glatte weiße Wände im sonst schwarzen Raum (auch die Logen auf der Vorbühne sind diesmal schwarz verkleidet). Aber Ort und Zeit sind unbestimmt, es gibt schwarz Gekleidete, die zu Bolingbroke halten und weiß Gekleidete, die zu Richard halten wie Richard selbst. Das Prinzip Birke: Schwarz und weiß sind immer kleidsam."Warum bist du so weiß?" wird Richard nach der Schlacht gefragt, und dieser sagt nach Brasch, dass im Hohlraum seiner Krone der Tod thront, der "Clown", der "seine Witze übern Staat reißt". Frei aber originell dichtet Brasch weiter: "Ein König, der das Fürchten lehrt, lernt der/ das Fürchten auch? Hört ihr das Clownsgelächter?/ Es will mich fürchten machen./ Ich habe einen in der Krone, einen König in der Krone!" Durch die Clowns-Metapher wird das Regie-Ziel noch am deutlichsten. Michael Maertens, der Richard-Darsteller, hat wie die anderen auch das konturierte Gesicht weiß geschminkt, die Lippen zu einem Buster-Keaton-haften Strich geschmälert: er markiert den König nur. Den Ernst des Amtes begreift er erst, als er es nicht mehr hat.Die Kronen für Richard und seine Isabel sind von faschingsartigem Zuschnitt und auch sonst sprechen die Accessoires die zeitlose Sprache der Schaubude und des Varietees. Maria-Elena Amos, die Kostümbildnerin, hat als Kopfbedeckungen Melonen und Blechnäpfe ausgeteilt - und einen Schlapphut für den alten York (Manfred Karge), der mit dem Gespür eines Schweriner Kommissars seinen Sohn Aumerle (Markus Meyer) als Verräter entlarvt und Bolingbroke ausliefert. Den York will Peymann zur Schlüsselfigur machen: der Wendehals und Systemerhalter, der sich gegen alle gottesfürchtigen Bedenken auf Bolingbrokes Seite schlägt, bis hin zur Überidentifikation mit dem neuen König. Sogar den Mord an Richard im Tower führt bei Peymann/Brasch nicht ein kleiner Häscher, sondern York persönlich aus. Leider lässt einen Karges gleichförmig bärig getanztes Spiel nicht wirklich an diesem Umschwung teilnehmen.Richard wird als Dandy eingeführt, weshalb seine Freunde und er eingangs im Hintergrund Billard spielen (im letzten Bild steht der Billardtisch zerstört Kopf). Michael Maertens hat wieder dieses Auskostende in der Stimme. Er ist sehr virtuos, ein innerlicher Schauspieler wird er nicht mehr. Das bedingt, dass Maertens für Richards Verwirrung keine Haltung hat, nur manchen großen, ja eindrucksvollen Ausdruck. Worin Richards Tragik liegt, das steht zwar auf der Rückseite des Programmhefts - "Wer immer in mir wohnt, ich mein nicht mich, ich mein den Mensch in mir, wird nicht zufrieden sein, bevor er alles los ist, auch sich selbst" - aber noch im Schmerz ist Maertens zu gewandt und sicher, als dass er vor sich Angst bekommen müsste. Auch über seine Umgebung wird Richard nicht tiefgründiger: Katja Danowski als seine Braut Isabel entzückt als schwindsüchtiges Püppchen, Veit Schubert als sein Gegenspieler Bolingbroke bleibt die Karikatur eines Karrieristen (mit Richard III.-Motorik). In diversen Rollen neigen Martin Seifert, Maria Happel, Michael Rothmann und Boris Jacoby zu großem Kasperletheater.Nach dem überarrangierten ersten Teil gewinnt die dreistündige Aufführung nach der Pause. Richard erscheint und über seinen Kopf hinweg fliegen - aus Volkes unsichtbaren Händen - Erdbällchen, die malerisch die weißen Seitenflügel punktieren. Alles verschmutzt allmählich, verschlammt durch Beigabe von Wasser, das reichlich aus einem Hahn im Seitenflügel fließt. Das Verdrecken, Reinigen, Gärtnern und Ausmisten ihrer selbst, wenn diese Vorgänge schon nicht durch die Figuren als innerliche erlebbar werden, so werden sie doch metaphorisch. In freilich sehr ordentlicher Manier: Kein Fleckchen Erde verlässt die Bühne. Das Publikum, am Premierenabend tüchtig applaudierend, muss keine Angst haben. Beängstigend wenig Angst.BERLINER ENSEMBLE Richard II. // von William Shakespeare, übersetzt von Thomas Brasch, Regie Claus Peymann, Bühne Achim Freyer, Kostüme Maria-Elena Amos, Darsteller: Michael Maertens (Richard II.), Katje Danowski (Isabel), Veit Schubert (Bolingbroke), Manfred Karge (York). Nächste Vorstellungen: 7., 12., 13., 17., 18., 19. Juli, jeweils 19.30 Uhr, Berliner Ensemble; Telefon Kasse: 28408-155
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