Unter Pfeifenten

Almut Schmidt
4 Min

Um uns herum muht es und buht es. Ein leichter Geruch nach Stroh und, ja, auch nach Mist liegt in der Luft. Wir befinden uns jedoch nicht auf einem Bauernhof, sondern auf einer Veranstaltung der Berliner Philharmoniker zur neuen Kammermusiksaison. Die haben in den Berliner Zoo geladen. Es geht um die Werbung für die Konzerte in der Öffentlichkeit. Von "Outdoor-Kundenstoppern", sprich Plakaten, schaut einen hier ein Löwe, dort ein Elefant , und auch ein Krokodil an. Jedoch sind es keine Safari-Fotos, sondern die Tiere sind aus Musikinstrumenten zusammengesetzt. So trötet der Elefant mit einem Saxophon als Rüssel und haut mit seinen "Flügel"-Ohren in die Tasten. Und der Löwe könnte einem nicht gefährlich werden, denn aus seiner Mähne kommen lediglich zarte Geigentöne.Was das alles soll? Die neueste Webekampagne für Kammermusik heißt "Wilde Klassik" und soll sich deshalb zwischen Antilopen und Schimpansen gut machen. Die Agentur Scholz & Friends ist auch dabei, denn sie hat die Kampagne konzipiert. Der Zoo gibt das nötige Kolorit und fungiert als Partner. Die Kammermusiker versprechen sich von der Aktion steigende Besucherzahlen. Die neuen Plakate werden in Kürze im Zoo und überall in Berlin zu sehen sein, und sollen neues Publikum in den Kammermusiksaal der Philharmonie locken. Der ist nämlich mit 1100 Plätzen einer der größten in Deutschland und hat noch einige Plätze frei. Auch haben die Philharmoniker das etwas angestaubte Image der Kammermusik satt. Die neue Kampagne soll dagegen angehen, dass Kammermusik vom breiten Publikum als elitär und langweilig angesehen wird."Kammermusik ist wild und frei", erklärt Sarah Willis, Hornistin. "Als Musiker ist man viel mehr auf sich selbst gestellt, die Kommunikation zu den anderen ist wichtiger, da es meist keinen Dirigenten gibt. Kammermusik hält fit", meint sie. Schon einmal haben die Kammermusiker ihre Kartenverkäufe steigern können: 2004 starteten sie, ebenfalls mit der Agentur Scholz & Friends, "Komponisten privat". Da konnte man Mozart beim Zähneputzen, Bach beim Abspülen und Beethoven beim Rasieren zusehen. Die Genies als ganz normale Menschen aus Fleisch und Blut. Schon hier ist der Ansatz klar: Man will die Kunst vom Sockel holen. Den Trick kennt man schon bei Berufsratgebern: "Stellen Sie sich Ihren Chef einfach mal auf der Toilette oder im Schlafanzug vor - dann verlieren Sie die Angst vor ihm."Gleichzeitig wollte man wohl beim Betrachter bewirken, den abspülenden Bach oder Haydns Lockenwickler mit dem intimen Charakter der Kammermusik zu assoziieren. Scholz & Friends erhielt für die Kampagne sogar einen "Effie" in Bronze, den dritten Preis beim Wettbewerb des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen (GWA). Um 15 Prozent konnten die Kammermusiker damals ihre Auslastung anheben. Mit der jetzigen Kampagne wünscht man sich weitere zehn Prozent. In Kombi-Angeboten aus Aquariumbesuch im Zoo und späterem Konzert im Kammermusiksaal sollen die Besucher angelockt werden. So wird auch der Zoo von der Kampagne profitieren. Wirkt die Verbindung von Werbung und ihrem Inhalt auch diesmal leicht gezwungen, da man doch mit Kammermusik eher Besinnlichkeit und Ruhe assoziiert als einen trötenden Dickhäuter, so ist sie aber auch gleichzeitig eine gute Initiative, weil originell. Wer jetzt ein Konzertprogramm erwartet, bei dem der Karneval der Tiere, Schwanensee-Suiten und Forellenquintette aufeinander folgen, der sei beruhigt: die Konzerte haben nichts mit Tieren zu tun. Lediglich die Auswahl sei wild, meint Sarah Willis. Zum Abschluss der Konzertreihe wird man aber doch Karneval der Tiere geben. Das dann aber nicht im Kammermusiksaal sondern direkt im Zoo.Zoo-Direktor Jürgen Lange findet sogar Gemeinsamkeiten zwischen seinen Tieren und den Musikern: "Wir haben viele musikalische Tiere und auch bei uns findet sich große Artenvielfalt." Man denke nur an den Trompetenfisch, den Geigenrochen, den Singschwan oder die Pfeifenente. "Unsere Zielgruppen haben interessante Übereinstimmungen", meint Gerald Uhlich, Zoo-Vorstand. Welche das wohl sind? Eisessen kann man im Kammerkonzert nicht, und auch die Streichelzone müsste in Konzertsälen wohl noch eingeführt werden. Jedoch haben die Tiere im Zoo und die Musiker auf der Bühne auch etwas gemeinsam: bei beiden ist das Füttern verboten.

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