Über das Theatertreffen-Motto als Witzwort, die Theatertriebe der Happy Few, die kleinen Morde unter Freunden und die geschlechtersichere deutsche Grammatik.Ordnung muss sein. In Zeiten von Corporate Identity bleibt keine Marke ohne Logo. Auch das Theatertreffen nicht. Wenn die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen von der Jury gewählt wurden, muss ein einendes Zeichen her. Was tun, wenn diese Inszenierungen oft nicht mehr gemein haben als das zweifelhafte Label "bemerkenswert"? Dann besinnt sich die Festivalleitung auf die Ursprungsbedeutung des italienischstämmigen "Motto": Witzwort. Und das lautet heuer: "Unter Freunden". Unter Freunden?Liebe und Freundschaft sind im Griechischen ein Wort und haben im Gothischen wie im Lateinischen denselben Stamm. Theaterliebe, Theatertriebe der Happy Few, die eingeladen wurden oder Karten ergattern konnten? Wenn da nicht alle Knospen brechen im Mai! Oder doch nicht? "Unter Freunden" heißt ein Internatspsychothriller von Thomas Fuchs, in dem zwei 15-jährige glauben, einen Freund gefunden zu haben - bis der sich als Tyrann herausstellt. In P. J. Tracys "Spiel unter Freunden" fließt das Blut gleich in Strömen. Und die schwarze Film-Komödie "Kleine Morde unter Freunden" besticht durch drei Mitbewohner, die sich gegenseitig aus dem Weg räumen. Freunden, so scheint es, ist nicht mehr über den Weg zu trauen. Muss man immer gleich den Dolch im Gewande des Nächsten wähnen? Freiherr von Knigge, Ordnungshüter von Sitte und Anstand, sagte: "Ich meine, es ist nicht halb so schwer, in dieser Welt treue Freunde zu finden, als man gewöhnlich glaubt." Freundschaft entsteht unter Gleichen, da ist sich Knigge mit Aristoteles einig, nachzulesen im Kapitel "Über den Umgang unter Freunden". Theatertreffenbesucher haben so gesehen eine ernsthafte Chance, auf Freunde zu stoßen. Es eint der Besitz von Karten, die Leidenschaft für's Theater, für's Buffet.Und doch weiß man auch auf dem Theatertreffen nie: Sind's echte oder falsche Freunde? Schließlich wird auch auf der Bühne das Vertrauen allzu oft enttäuscht: In Sartres "Schmutzigen Händen" vertraut Hoederer seinem Sekretär Hugo, dieser der Partei. Fataler Weise glauben in Shakespeares "Viel Lärm um nichts" Don Pedro und Leonato Don John, der alten Canaille. Und Orgon fällt auf Molières titelgebenden Tartuffe rein. Ja, wie kann man's denn ahnen? An ihren Taten sollt ihr sie erkennen, meint Knigge: "Wer wilden Begierden, der Wollust, dem Trunke, dem vermaledeiten Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre, Gold oder sein eigenes Ich ist; wer, wankelmütig in Grundsätzen und Meinungen, einen Charakter hat, der sich wie Wachs von jedem in jede Form drücken lässt, der mag vielleicht ein guter Gesellschafter, aber nie wird er ein beständiger, treuer Freund sein." Ah ja. Was nützt aber einem ein beständiger Freund, wenn das Theatertreffen doch nur 16 Tage währt? In dieser Zeit kann man sich bedenkenlos mit seinem Nächsten dem Trunke und der Wolllust ergeben. Na dann: Hoch die Tassen!Übrigens: Ein Toast unter Freunden war lange eine rein männliche Angelegenheit. Immerhin lässt die sonst so geschlechtersichere deutsche Grammatik offen, ob "Unter Freunden" auch die Freundinnen einschließt. Bei Aristoteles werden sie überhaupt nicht erwähnt, Montaigne spricht Frauen jegliche Fähigkeit zur Freundschaft ab, und auch der Volksmund sagt: "Freundschaft zwischen Frauen ist nur ein Waffenstillstand." Eine These, masochistisch von den Autorinnen Elfriede Jelinek in "Ulrike Maria Stuart" an Ulrike Meinhof und Gudrun Enslinn sowie Yasmina Reza in "Gott des Gemetzels" an Annette und Veronique durchgespielt. Das alles: inszeniert von Männern. Keine Frauen.Ein Witz. Unter Freunden? Ein trauriger jedenfalls. Aber schließlich war der weinende Narr schon immer das Bewegendste, was die Bühne zu bieten hatte.------------------------------Foto: Die Freunde inszenieren, die Freundinnen machen's möglich. Das Organisationsteam des Theatertreffens: Barbara Seegert, Katharina Fritzsche, Yvonne Büdenhölzer, Iris Laufenberg, Katharina Wendt.
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