RIO DE JANEIRO. Wenn Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva von seinem Redemanuskript abweicht, schrillen bei seinen Adjutanten die Alarmglocken. Denn dabei unterläuft ihm mitunter ein Patzer. Aber die Zuhörer recken stets erwartungsvoll die Hälse, denn erfahrungsgemäß redet Lula dann Tacheles. So war es auch beim regionalen Weltwirtschaftsforum in Rio de Janeiro: Lula hatte brav die Ergebnisse des G20-Gipfels in London nacherzählt und über die Rahmenbedingungen der Volkswirtschaften Lateinamerikas referiert. Dann schob er seine Papiere zusammen und begann, der Finanzwelt die Leviten zu lesen.Kapitalismus mit SozialismusWas er sagte, war nicht neu, aber aufrichtig und durchdrungen von der Befriedigung, dass Lateinamerika im allgemeinen und Brasilien im speziellen bei dieser Krise besser dasteht als die USA und Europa - ganz anders als bei früheren Krisen. "Niemand wusste nichts", so beschrieb er die Bewusstseinslage in London - gerade in den USA und Europa, die Lateinamerika früher stets Vorschriften gemacht hätten. "Es war nicht anständig, es war nicht gerecht, dass Milliarden verdient wurden, ohne dass irgendetwas produziert worden wäre", wetterte Lula gegen die Spekulanten und die Händler obskurer Finanzprodukte, bevor er dem Staat eine aktive, gestaltende, die Ungerechtigkeiten des Marktes korrigierende Rolle zuwies.Natürlich erntet er Beifall auf der Lateinamerika-Veranstaltung des Davoser Weltwirtschaftsforums, zu dem über 500 Unternehmer und Ökonomen aus der Region gekommen waren - aber fühlen sich die Anwesenden und Applaudierenden wirklich angesprochen? Denkt tatsächlich jemand darüber nach, warum sich das Weltwirtschaftssystem plötzlich als so fragil, so wenig nachhaltig erwiesen hat?Persönliche Moralvorstellungen spielten auf der Ebene des Geschäftemachens keine Rolle, räumte der Chef der Unternehmensberatung KPMG, Timothy Flynn, in einer Debatte über Werte und Ethik des Wirtschaftens ein. Der Befreiungstheologe Frei Betto bezweifelte, dass aus der Krise die richtigen Lehren gezogen würden. Was Eltern, Schulen, Kirchen, der Gesellschaft allgemein als Ideal vorschwebe, widerspreche dem, was der Markt und die Konsumgesellschaft den Menschen aufzwängen.Das Lob, das der Manager Lorenzo Mendoza den Brasilianern spendete, offenbarte die geradezu archaischen sozialpolitischen Vorstellungen vieler lateinamerikanischer Unternehmer: Brasilien, sagte der Chef des venezolanischen Nahrungsmittelkonzerns Polar, sei "ein großartiges Beispiel, dass sozialistische Sichtweisen nicht im Widerspruch zum Kapitalismus stehen müssen". Gemeint war damit die staatliche Minimalfürsorge für Arme in Brasilien - was anderswo Sozialstaat heißt, ist für manchen Unternehmer in Lateinamerika schon "Sozialismus".Dass die Neigung zur Selbstkritik unter den Anwesenden gering war, liegt auch daran, dass die Krise nicht in Lateinamerika gemacht wurde, und dass die Region halbwegs glimpflich davonkommt. "Brasilien wurde als letztes Land von der Krise erfasst, es wird die Krise als erstes Land überwunden haben, und es wird danach stärker als zuvor dastehen", triumphierte Lula.Die Krise überstehenTrotz gesunder Banken und starker Binnenmärkte, trotz funktionierender staatlicher Stimulierung und halbwegs gesunder öffentlicher Finanzen - die Unternehmer sind nicht ganz so optimistisch. Vor allem im Hinblick auf ganz Lateinamerika, dessen Exporte immer noch zu 40 Prozent aus agrarischen und mineralischen Rohstoffen bestehen, deren Preise um ein Drittel abgesackt sind. Sie machen sich eher Gedanken darüber, wie man die Krise übersteht und wie es weitergeht. Sie beklagen die schlechten Schulsysteme und den daraus erwachsenden Mangel an Fachkräften bei hoher Arbeitslosigkeit. Sie murren über die dürftigen Straßen, Häfen, Energiesysteme, und sie beklagen die ungleiche Verteilung des Wohlstandes - nicht unbedingt nur aus ethischen Gründen, sondern weil viele Arme keine nachfragestarken Binnenmärkte hervorbringen, auf die sie in der Exportkrise ihre Hoffnungen setzen können.------------------------------Foto: Heimspiel: Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva auf dem Weltwirtschaftsforum in Rio de Janeiro.
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