Der Sohn eines jüdischen Großindustriellen war ein Mensch voller Widersprüche. Einerseits widmet er sich Wirtschaft und Politik. Zum anderen ist er ein musisch begabter, interessierter Mann, dessen Freude am Schönen von seinen Gegnern als "typisch jüdisch" angeprangert wird. Auch homosexuelle Neigungen sagt man ihm nach. Er spielt Klavier und malt (von Liebermann angeregt und gelobt), liest viel, ist ein begnadeter Schriftsteller. Und - auch das ein Widerspruch - er sitzt höchst komfortabel in seiner Villa im Grunewald, während er sich gleichzeitig zum Anwalt der Armen und Frierenden in den Mietskasernen macht. Sein Buch "Von kommenden Dingen" wird zum meistgelesenen jener Zeit. Stefan Zweig nannte ihn ein "amphibisches Wesen zwischen Kaufmann und Künstler, Tatmensch und Denker". Und auch von Willy Brandt kamen lobende Worte.Nach einer Bilderbuchkarriere gehört er zu den reichsten Männern Deutschlands. Er kennt den Kaiser persönlich, ist ein Bewunderer Bismarcks, überhaupt ein begeisterter Preuße. Mit 17 macht er sein Abitur und ist ein Jahr Freiwilliger bei den Pasewalker Kürassieren. Nach dem Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie promoviert er, reist ins Ausland, wird Direktor eines großen Werkes in Bitterfeld, dann Geschäftsführer der Handelsgesellschaft und tritt in den Vorstand des väterlichen Betriebes ein, dessen Präsident er später wird.Zugleich aber möchte er eine Ordnung herstellen, die einer Gemeinwirtschaft gleicht und in der die "Erbknechtschaft" der unteren Schichten beseitigt wird. Der Ausbruch des großen Krieges erschüttert ihn zutiefst und doch organisiert und leitet er die Rohstoffabteilung im Kriegsministerium, fest überzeugt vom Sieg seines Volkes. Schon zwei Jahre später erkennt er, dass "der Krieg nicht Anfang, sondern das Ende ist, was nichts als Trümmer hinterlässt".Als Großbürger, Wirtschaftler, Philosoph und Staatsmann wird er zur Symbolfigur der deutschen Geschichte. Er ist Gründungsmitglied der Demokratischen Partei, wird im neuen Kabinett Außenminister, der einen wichtigen Vertrag aushandelt. Ein Großkapitalist, der Visionen hat von Brüderlichkeit und Menschenrecht, der die Menschen frei von Willkür, Gewalt und Erbvorteilen sehen möchte und der erkennt "Der Feind steht rechts". Das wird ihm zum Verhängnis. Kaum 55 Jahre alt, wird er von verhetzten Rechtsextremisten umgebracht. Der Tod des "talentvollsten Menschen der Epoche" löst Entsetzen und Trauer aus. - Heute erinnert in dem Stadtteil, wo das Familienunternehmen entstand, noch vieles an unseren Unbekannten und seinen Vater. Sei es eine Straße, eine Villa - Sie wissen es bestimmt.Anna-Luise Zimmermann
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