Sprache / abgehetzt / mit dem müden Mund / auf dem endlosen Weg / zum Hause des Nachbarn.Johannes Bobrowski, ein unbekannter Dichter aus Friedrichshagen, habe im Jahre 1962 mit dem Rücken zum Fenster gestanden und sieben Gedichte vorgelesen, erzählte Klaus Wagenbach. Die Gruppe 47, die im Jahr nach dem Mauerbau in dem Haus am Wannsee zusammentraf, wo das Literarische Colloquium residiert, sei derartig beeindruckt gewesen von dem Dichter aus Ost-Berlin, dass sie Bobrowski "spontan" den Preis der Gruppe 47 zusprach, der quasi schon an Peter Weiss vergeben gewesen war. Der unabhängige Ton, der in der westdeutschen Mode der Zeit keine Entsprechung hatte, der Klopstock-Anklang habe die Gruppe 47 "entzückt", Bobrowskis großes Thema, der "deutsche Osten", wie man damals noch sagte, die Geschichte und die Verstrickungen der Deutschen im Baltikum, in Polen und Ostpreußen hätten die meisten Mitglieder der Gruppe 47 jedoch kaum interessiert, sagte Wagenbach am Sonntag im LCB auf der ersten Veranstaltung der neuen Johannes-Bobrowski-Gesellschaft. Wagenbach ist ihr Vorsitzender. Die Überfüllung des Saales spottete der These, dass Bobrowski ein wenig bekannter Autor sei. Die Defa hatte seinen Roman "Levins Mühle" mit Erwin Geschonneck als Großvater aufwändig verfilmt. Es gibt eine Levin-Oper. Eine vierbändige, penibel edierte Werkausgabe erschien 1987 im Union-Verlag Ost-Berlin und ist, durch Kommentare komplettiert, in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart zu haben. Aber das Bild, dass Johannes Bobrowski, geboren in Tilsit/ heute Sowjetsk, mit dem Rücken zur Öffentlichkeit gestellt sei, stimmt noch immer. Die Gedichtbände "Sarmatische Zeit" und "Schattenland Ströme" erschienen in hohen Auflagen in beiden Staaten parallel, wurden begeistert besprochen und sind nach der Vereinigung nicht erhältlich. Das ist das Unerquickliche am westdeutschen Buchhandlungssupermarkt, dass die Tische überquellen, ein Dichter der Marktlage nicht entspricht.Aber es ist nicht der Grund. Bobrowski war ein Seher und Grübler, ein unideologischer Kopf, ein christlicher Mensch, der das Land im Osten und seine Völker mit der Seele gefunden hatte. Er war zu besonders, und er war zu sehr Dichter, um sich vereinnahmen zu lassen. "Bobrowskis Arbeiten markieren eine neue Phase sozialistischer Literatur", behauptete Gerhard Wolf 1967, vielleicht eine wissentlich falsche Behauptung zu seinem Schutz. Der jetzigen Bundesrepublik in ihrer historischen Verunsicherung, in ihrer Blicklosigkeit für Herkunft, wäre eine tote Dichtung lieber, weil das übervolle Herz der Heimatliebe nur als beunruhigend empfunden wird. Bobrowski ist kein Teil des Wirtschaftswunders. Er wäre gestern 84 Jahre alt geworden.
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