Auch zwei Tage nach dem Unfall auf dem Straßenfest des Karnevals der Kulturen liegt der genaue Hergang noch im Dunkeln. Der Rest sind Schock - und Schweigen.Ein elf Meter breites und 5,50 Meter hohes Gerüst war beim Unwetter am Sonntagabend umgestürzt und hatte drei Menschen schwer verletzt. Das Gerüst war mit Planen geschmückt. Diese hatten Augenzeugen zufolge wie Segel gewirkt. Andere wiederum sagten, dass das Gerüst, das als Eingangstor fungierte, wackelig gewesen sei.Gutachten soll Unglück klärenWie alles wirklich war, soll jetzt ein Gutachten klären, das vom Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne), in Auftrag gegeben wurde. Inzwischen hat das Landeskriminalamt die Ermittlungen übernommen. Schulz, der am Pfingstsonntag noch zum Tatort geeilt war, war am Dienstag nicht zu sprechen. Er sei in der Bezirksamtssitzung, hieß es immer, doch nachmittags werde es eine Mitteilung geben. Die Mitteilung war dann lediglich die Ankündigung einer Pressekonferenz, die Schulz am Mittwochmittag mit der Bezirksbürgermeisterin und den Veranstaltern des Karnevals der Kulturen abhalten will. Den Opfern des Unglücks geht es nach wie vor schlecht, ihr Zustand sei kritisch, heißt es. Alle drei liegen auf Intensivstationen. Der 29-jährige Mann, der Kopf- und Wirbelsäulen-Verletzungen erlitten hatte, werde noch beatmet, so die Charité. Die 46-jährige Frau habe zudem Verletzungen am Becken. Beide seien noch nicht außer Lebensgefahr. Dagegen habe sich der Zustand der 23-jährigen Frau im Krankenhaus Friedrichshain stabilisiert. Auch sie befinde sich noch auf der Intensivstation. Angehörige der Opfer erstatteten inzwischen Anzeige gegen die Veranstalter des Karnevals. Trägt die Firma Schuld, die das Gerüst aufgebaut hatte? Es ist die Gerüstbaufirma Tisch aus Wedding. Dort schwieg man am Dienstag. Dabei müssten die Mitarbeiter doch wissen, ob die Umhüllung, die ein Künstlerkollektiv für das Gerüst entworfen hatte, dessen Statik so veränderte, dass es von der Bauaufsicht hätte begutachtet werden müssen. Doch diese Frage kann selbst Bernd Cachandt, der Vizechef der Bauaufsicht im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, nicht eindeutig klären. Keine klaren RegelnEr sagt nur: "Die Veranstalter hätten sich bei uns absichern können, ob eine solche Verkleidung die Statik beeinflusst." Er nennt den Sachverhalt "äußerst schwierig". Die Berliner Bauordnung sei in den letzten Jahren derart entrümpelt worden, so Cachandt, "dass wir manchmal selber nicht wissen, welche Verordnung noch gilt und welche nicht mehr".Immerhin hatte der Veranstalter, die Werkstatt der Kulturen, eine Veranstaltungshaftpflichtversicherung abgeschlossen. Sie ist Voraussetzung für die polizeiliche Genehmigung einer Großveranstaltung. Bei welcher Versicherung die Police abgeschlossen wurde, will Annett Szabò, Mitorganisatorin des Karnevals, nicht sagen. Die Versicherung wird sich bei Schadensersatzforderungen der Opfer sehr genau das Gutachten des Baustadtrats anschauen. Denn auf dieser Grundlage wird abzuwägen sein, ob Fahrlässigkeit bei den Veranstaltern liegt oder ob, wie Annett Szabò es sieht, die Gerüstbaufirma verantwortlich ist. Die Firma Tisch arbeitet seit zwei Jahren für den Karneval. Szabò bezeichnet sie als sehr renommiert. "Nach all unseren Informationen war das Gerüst nicht genehmigungspflichtig. Es ist Aufgabe der Firma zu wissen, wie, wo und wann man eine Genehmigung einholt." Die Entwürfe für die Umhüllung sollen der Firma Szabò zufolge sogar vorgelegen haben. "Auf die Expertise einer Firma muss man sich doch verlassen", so die Mitorganisatorin des Karnevals.Nach dem Schock denke man jetzt nur Schritt für Schritt. "Wir warten das Untersuchungsergebnis ab. Und wir denken an die Schwerverletzten", sagt Szabò. Wird der Karneval im kommenden Jahr stattfinden? - "Diese Frage stellt sich für uns gerade nicht."Haftung bei Veranstaltungen // Organisatoren von Großveranstaltungen sind verpflichtet, eine Veranstaltungshaftpflichtversicherung abzuschließen. Nur dann bekommen sie auch eine polizeiliche Genehmigung.Dem Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft zufolge ist diese Veranstaltungshaftpflicht eine gängige Police. Viele deutsche Versicherungsagenturen haben sie im Angebot.Wenn Besuchern von Veranstaltungen etwas passiert und der erlittene Schaden auf die Organisatoren zurückzuführen ist, schützt die Haftpflicht den Veranstalter vor Ansprüchen der Geschädigten.REUTERS/ARND WIEGMANN Heftige Gewitter sind oft beides - Naturschauspiel am Himmel (wie hier über dem Reichstag) und Unheilbringer (wie auf dem Karneval des Kulturen).
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