Weiße Gestalten mit silbernen Masken führen das Publikum in die Aula. Auf der Bühne sitzt eine Frau mit einem Cello. Was dann erklingt, ist nicht schön im klassischen Sinne: Der Bogen kratzt über die Saiten, Stimmen und Geräusche mischen sich. Und doch liegt in dieser gespenstischen Szenerie etwas Ergreifendes. Die Sängerin braucht keine Worte, um die Besucher in ihren Bann zu ziehen.
Das Bauhausfest in Dessau hat gerade erst begonnen – und gleich am Anfang wird deutlich, dass an diesem Abend nicht nur ein Geburtstag gefeiert werden soll. Es ist ein Fest wie in den 1930er-Jahren am Bauhaus, als Studenten gemeinsam gefeiert haben. „Salto | Takt | Form“ heißt das Fest, das zum 100-jährigen Bauhausjubiläum den Zirkus ins Zentrum stellt. Historische Zirkusbegeisterung trifft auf zeitgenössische Performance, Architektur auf Tanz, Musik auf Geräusche, Vergangenheit auf Gegenwart. Und mittendrin die Frage: Was hält Menschen zusammen, wenn vieles ins Wanken gerät?
Kulturstaatssekretär Dr. Sebastian Putz (CDU) spricht später von der Freiheit der Kunst als Gradmesser demokratischer Freiheit. Dessaus Oberbürgermeister Robert Reck (parteilos) bezeichnet die Freiheit von Kunst und Kultur als Fundament einer demokratischen Gesellschaft. Bauhaus-Direktorin Dr. Barbara Steiner erinnert an Walter Gropius' Vorstellung vom Fest als gemeinschaftsstiftendem Ort: Menschen können verschiedener Meinung sein und sich streiten – aber gemeinsam essen, trinken, tanzen und musizieren, das verbinde.
Noch bevor die Reden vorbei sind, setzt draußen bereits die Musik ein. Das Fest beginnt, während drinnen noch gesprochen wird.
Heitere Antworten auf schwere Zeiten
Am späteren Abend wird der Upsala-Circus aus Zeitz auf der Bühne, die auf dem Parkplatz aufgebaut wurde, ein wirres Spiel aus Artistik, Musik und zeitgenössischer Kunst präsentieren. Die künstlerische Leiterin Larisa Afanaseva hat „Heiterkeit“ mit ihrem internationalen Team eigens für das Bauhausfest entwickelt. 40 Minuten lang wird fast ohne Sprache gespielt. Licht, Nebel, Sand, Wasser, Plexiglas, Körper und ungewöhnliche Bühnenkonstruktionen werden zu den eigentlichen Protagonisten.
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Wirklich „heiter“ wirkt die Performance zunächst nicht. Die Musik bricht immer wieder abrupt ab. Gesichter bleiben starr, Bewegungen wirken manchmal beinahe mechanisch. Es gibt Momente, in denen die Bilder verstören. Dann wieder wird es still. Das Publikum steht wie hypnotisiert vor der Bühne. Kaum jemand bewegt sich, alle Blicke sind nach vorn gerichtet. Afanaseva findet das passend. Denn Heiterkeit bedeutet für sie nicht, dass alles leicht ist. „Ich verstehe, was passiert im Leben. Aber ich bin hier. Ich feiere weiter dieses Leben“, sagt sie.
Heiterkeit sei für sie weniger ein Gefühl als eine philosophische Haltung. Die Welt stelle die Menschen vor viele schwierige Fragen und Herausforderungen. Man könne sich davon lähmen lassen – oder weitermachen. Für Afanaseva ist das beinahe eine Form der Verteidigung. „Das Böse braucht keine Energie und Arbeit“, sagt sie. Schlechte Dinge könnten von selbst geschehen, erklärt sie. Damit aber etwas Gutes und Positives entstehe, brauche es Kraft, Energie und Ressourcen. Man dürfe deshalb nicht einfach passiv verharren.
Larisa Afanaseva ist die künstlerische Leiterin des Upsala Circus.
© Dusia Sobol
Von St. Petersburg nach Zeitz
Gegründet wurde der Circus im Jahr 2000 in St. Petersburg. Ursprünglich entstand er aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, darunter Straßenkinder. Zirkus sollte ihnen einen Raum geben, in dem sie selbst gestalten, auftreten und etwas können. Heute verbindet Upsala künstlerische Arbeit mit sozialen Projekten und arbeitet unter anderem mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationsgeschichte.
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine musste das Team seine Arbeit in Deutschland neu aufbauen. Seit 2022 ist Zeitz der neue Standort des Circus. Afanaseva selbst lebt inzwischen in Leipzig. „Wir sind plötzlich Migranten“, sagt sie. Diese Rolle sei nicht immer bequem. Gleichzeitig wolle sie darin auch ein Experiment sehen, eine Art „Leben 2.0“. Es gebe nicht nur Verluste, sondern auch Chancen.
Vielleicht ist auch das eine Erklärung dafür, warum „Heiterkeit“ nicht wie eine unbeschwerte Zirkusnummer wirkt. Das Stück handelt von Umbruch, ohne ihn konkret zu erzählen. Es gibt keine Figuren, die man einfach als Oma, Opa oder Familie erkennen könnte. Keine eindeutige Geschichte, die dem Publikum vorgibt, was es denken soll. Die Deutung bleibt offen.
Kunst ohne gemeinsame Sprache
Für Afanaseva liegt gerade darin eine Stärke des Zirkus. „Zirkus ist eine sehr alte Kunst, aber das ist Kunst ohne Worte“, sagt sie. Der Körper werde zur Sprache – mit den Händen, Füßen, Augen und Bewegungen. „Ich denke, wir alle konnten früher fliegen, aber wir vergessen, wie das funktioniert“, sagt sie. Zirkus könne eine Möglichkeit sein, dieses Fliegen wiederzuentdecken.
Was zunächst poetisch klingt, hat in ihrer Arbeit eine ganz praktische Seite. Afanaseva erzählt von einem Projekt in Georgien und Armenien, bei dem Kinder und Jugendliche aus Deutschland, der Ukraine und Russland zusammenkamen. Teilweise konnten sie sich sprachlich nicht verständigen. Also mussten sie anders miteinander in Kontakt treten. Der Zirkus wird so zum Ort, an dem Herkunft zumindest für einen Moment weniger wichtig wird. Nicht weil Unterschiede verschwinden, sondern weil etwas anderes an ihre Stelle tritt: gemeinsames Tun.
Auch „Heiterkeit“ ist international entstanden. Künstler aus Deutschland, Frankreich und Israel arbeiten daran. Afanaseva beschreibt die Zusammenarbeit als bewusst hierarchiefrei. Es gebe keine Hauptrolle, keine Konkurrenz darum, wer wichtiger sei. Jede Meinung solle gehört werden. „Heiterkeit ist für mich ein Projekt voll mit Liebe“, beschreibt sie. Hinter der Heiterkeit steckt allerdings auch eine ernste Realität. Der Upsala-Circus steht nach Afanasevas Angaben derzeit finanziell unter Druck. Rund 120 Kinder trainieren in Zeitz, dazu kommen die professionelle Gruppe und mehrere laufende Projekte. Wie es mit einigen dieser Angebote weitergeht, hänge auch davon ab, ob in den kommenden Monaten genügend Geld zusammenkommt. Der Circus ist dabei auf finanzielle Unterstützung angewiesen.
„Heiterkeit“ spielt mit Licht und Dunkel, abrupten Brüchen und theatralischen Bewegungen.
© Daria Chalikova
Das Bauhaus als Experiment
Damit ist die Verbindung zum Bauhaus näher, als sie zunächst scheint. Afanaseva spricht von Bewegung, Experimenten und der Suche nach neuen Formen. Ihr moderner Zirkus habe keine festen Regeln. Der Auftritt beim Bauhaus sei für ihr Team deshalb ein Geschenk gewesen. Sie habe in diesem Jahr viel über die Geschichte der Schule gelernt und darin zahlreiche Inspirationen gefunden.
Auch Dr. Barbara Steiner beschreibt das Bauhausfest als eine Veranstaltung, bei der lokale Verankerung und internationaler Austausch zusammenkommen. Rund 90 Gruppen und Künstler aus verschiedenen Ländern sind in diesem Jahr beteiligt.
Das Fest selbst wirkt dabei wie eine Verlängerung des Bauhausgedankens: Skulpturale „Geister“ weisen den Weg über das Gelände. Instrumente sehen aus, als seien sie aus Fundstücken zusammengesetzt. Schläuche werden zu Trompeten, Sägeblätter zu Klangkörpern. Überall wird ausprobiert, kombiniert, verfremdet. Später wird auch eine Tanz- und Architekturperformance des Sorbischen National-Ensembles Teil dieses besonderen Abends. Die Grenzen zwischen Bühne und Gebäude, Kunst und Architektur, Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen.
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Das Bauhaus wirkt an diesem Abend weniger wie ein Museum als vielmehr wie eine ganz eigene Welt – fernab vom Alltag. Fast, als wäre man durch die Zeit gereist und tatsächlich bei einem der früheren Bauhausfeste zwischen all den Studenten dabei.
„Nur ein bisschen Regen“
Auch das Wetter macht bei der Premiere nicht unbedingt mit. Regen setzt ein. Es ist einer dieser Momente, in denen eine sorgfältig geplante Open-Air-Performance plötzlich von der Realität eingeholt wird. Doch Afanaseva bleibt gelassen. „Ein bisschen Regen. Nur ein bisschen Regen. Kein Krieg.“
Am Ende passiert auf der Bühne und im Publikum genau das, was Afanaseva sich im Interview gewünscht hat. Nach den dunklen Bildern, den abrupten Brüchen und der hypnotischen Stille wird getanzt. Die Artisten tanzen ausgelassen auf der Bühne, während die künstlerische Leiterin jeden vorstellt. Es wird gejubelt. Dann springen sie von der Bühne ins Publikum und es entsteht ein Kreis, in dem alle beginnen zu tanzen, zu springen, zu lachen. Mittendrin Larisa Afanaseva: „Wir haben Stimmen!“, ruft sie.
Später in der Cafeteria des Bauhauses laufen Schellackplatten. Swingmusik erfüllt den Raum, Menschen stehen mit Weingläsern zusammen, reden und lachen, tanzen vor der Bühne. Das Bauhausfest hat seine eigene kleine Welt geschaffen – eine, die vor hundert Jahren vielleicht ganz ähnlich aussah.
Mehr Informationen zum Upsala-Circus gibt es auf der Website des Circus.
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