Sanktionen

Uran und der Mittlere Korridor: Der geoökonomische Kontext der Causa Usmanow

Die Desanktionierung des Unternehmers war kein Tauschhandel Paris-Baku, sondern das Resultat geoökonomischer Verschiebungen und ein französisches Meisterstück.

5 Min
Der usbekisch-russische Unternehmer Alischer Usmanow wurde diese Woche von der EU desanktioniert.

Der usbekisch-russische Unternehmer Alischer Usmanow wurde diese Woche von der EU desanktioniert.

© Artyom Geodakyan/imago

Fast alle Reaktionen auf die Desanktionierung des usbekisch-russischen Milliardärs Alischer Usmanow durch die EU erklären diese mit der anschließenden Begnadigung des in Aserbaidschan verurteilten Franzosen Martin Ryan. Wie berichtet, war es maßgeblich die Pariser Politik, die Usmanows Streichung von der Sanktionsliste durchsetzte. Doch der vermeintliche Tauschhandel ist in Wirklichkeit nur ein Randaspekt eines geoökonomischen Coups.

In dessen Zentrum steht der sogenannte Mittlere Korridor der eurasischen Konnektivität. Gemeint ist die transkaspische Ost-West-Logistik unter Umgehung Russlands und des Irans. Die Entwicklung dieses Korridors, zu dem auch die Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand gehört, führt zu einer zunehmend engeren Verflechtung Aserbaidschans im Westen des Kaspischen Meeres und Zentralasiens, insbesondere Usbekistans, in dessen Osten.

Das eurasienweite Interesse an diesem Korridor, der über Anatolien weiter nach Europa führt, intensiviert auch die Zusammenarbeit der Turkstaaten, zu denen bis auf Tadschikistan sämtliche zentralasiatischen Staaten, Aserbaidschan und die Türkei zählen.

Dass ausgerechnet Frankreich sich in diesem Kontext engagiert, hat mit Energiepolitik zu tun. Deutschlands westliches Nachbarland, das 56 Atomreaktoren betreibt, ist aktiv an der Diversifizierung seiner Uranversorgung interessiert. Auslöser war der Militärputsch in Niger im Sommer 2023, durch den Paris einen seiner historisch bedeutendsten Uranlieferanten verlor. Seitdem arbeitet Frankreich am Ausbau der Uran-Partnerschaften mit den zentralasiatischen Förderländern Kasachstan und Usbekistan.

Strategische Partnerschaft

Laut einem im Juni 2025 aktualisierten Bericht von Greenpeace France stammte 2024 bereits rund die Hälfte des von Frankreich importierten Natururans aus Kasachstan und Usbekistan. In Kasachstan betreibt der staatliche französische Nuklearkonzern Orano seit Jahrzehnten ein Joint Venture mit dem Staatsunternehmen Kazatomprom, an dem Orano 51 Prozent hält.

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Die Mine im Süden des Landes nutzt das In-Situ-Recovery-Verfahren – eine chemische Auswaschung, die als umweltschonender gilt als konventioneller Bergbau – und stand laut World Nuclear News zeitweise für rund sieben Prozent der weltweiten Uranförderung. Seit 2023 bezieht Frankreich Uran auch aus der Lagerstätte South Tortkuduk.

Parallel baut Orano ein zweites Standbein in Usbekistan auf, das weltweit zu den fünf größten Uranförderländern zählt. Dort hält der Konzern einen Anteil von 45 Prozent an dem Joint Venture Nurlikum Mining. Weitere 45 Prozent gehören dem usbekischen Staatsbetrieb Navoiyuran, zehn Prozent dem japanischen Handelshaus Itochu Corporation.

Kern der Zusammenarbeit ist die Erschließung der Uranlagerstätte Süddjengeldi in der usbekischen Region Navoiy. Beim Nukleargipfel in Paris im März 2026 bezeichnete Macron Usbekistan ausdrücklich als strategischen Partner bei der Diversifizierung der europäischen Uranversorgung.

Die Zusammenarbeit läuft in beide Richtungen. Kasachstan will erstmals ein eigenes Atomkraftwerk bauen; im Referendum vom Oktober 2024 stimmte die Bevölkerung mehrheitlich zu. Die französische EDF steht nach Angaben von World Nuclear News auf der Shortlist von vier möglichen Technologieanbietern. In Usbekistan konzentriert sich die französische Beteiligung bislang auf den Rohstoffsektor.

Beide Förderländer leiden an derselben geopolitischen Schwachstelle: der Logistik. Traditionell wurde Natururan aus Zentralasien über russisches Staatsgebiet befördert. Um diese Abhängigkeit zu verringern, arbeiten Frankreich und die EU am Ausbau des Mittleren Korridors über das Kaspische Meer, durch Aserbaidschan und die Türkei. Kasachstan hat bereits Testlieferungen nach Europa verschifft. Der Weg ist aufwendig, erfordert die Zustimmung der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEO und wurde bislang durch politische Spannungen, namentlich zwischen Frankreich und Aserbaidschan, belastet.

In diesem Kontext bot die Causa Usmanow der Pariser Regierung die Gelegenheit, gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Die Sanktionierung des Unternehmers war nicht nur in Usbekistan als ungerecht und erniedrigend empfunden worden. Sämtliche zentralasiatischen Staaten, Aserbaidschan, die Türkei, aber auch Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate hatten sich seit langer Zeit für Usmanow eingesetzt.

„Hätte nie sanktioniert werden dürfen“

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und sein Außenminister Hakan Fidan trugen das Thema an die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas heran. Im gleichen Sinn aktiv waren der usbekische Präsident Schawkat Mirsijojew, der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed al Nahyan, sowie der Emir von Katar, Tamim bin Hamad al Thani.

Auch hierzulande erfuhr der Unternehmer Usmanow, obschon vom Großteil der veröffentlichten Meinung in ein schlechtes Licht gerückt, Unterstützung. Der ehemalige CSU-Politiker und Anwalt Peter Gauweiler, der Usmanow in Deutschland anwaltlich vertritt, sagte in dieser Woche im Interview mit der Zeitung Welt: „Dieser Mann hätte auch nach EU-Recht nie sanktioniert werden dürfen.“

Paris hat aber nicht nur dem Gerechtigkeitsgefühl in der muslimischen Welt Genüge getan. Die Vereinbarung mit Aserbaidschan normalisiert auch die bilateralen Beziehungen, die nach der Rückeroberung des aserbaidschanischen Territoriums in Karabach im September 2023 nachhaltig angespannt waren.

Große armenische Diaspora

Frankreich beherbergt eine große armenische Diaspora und versteht sich als europäische Schutzmacht der Armenier. Gleichzeitig zwingt das energiepolitische Interesse am Ausbau des Mittleren Korridors zu guten Beziehungen mit Aserbaidschan und der Türkei. Deren Verhältnis zum Nachbarland Armenien ist historisch schwer belastet.

Am entschiedensten stellte sich in letzter Minute Lettland gegen die Desanktionierung Usmanows und des ebenfalls gestrichenen Unternehmers Michail Fridman. Auch da war es Frankreich, das mit der Ausdehnung des Nuklearschirms über den baltischen 1,7-Millionen-Staat sowie der Möglichkeit zum Erwerb von Rafale-Kampfjets und SAMP/T-Flugabwehrsystemen für Entspannung sorgte.

In Paris hat man offenbar erkannt, dass die geoökonomischen Interessen der Westeuropäer in Eurasien schwerer wiegen als die geopolitischen Ängste der Osteuropäer vor dem großen Nachbarn Russland. Jedenfalls hat Frankreich die Aktion trotz der zu erwartenden innereuropäischen (und innerfranzösischen) Widerstände durchgezogen – entscheidend unterstützt, so berichten es mit den Verhandlungen vertraute Quellen der Berliner Zeitung, durch das Mitwirken der übrigen Beteiligten, namentlich Kasachstans, Usbekistans, Aserbaidschans und der genannten Golfstaaten.

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