WASHINGTON. Brandon Neely sieht für seine jungen Jahre alt aus. Die Augen des 28-Jährigen wirken müde, die Stirn glänzt wie bei einem, der eben aus einem Angsttraum aufwachte. "Es ist einfach so, dass Sie das jeden Tag alles noch einmal durchleben", sagt der ehrenhaft entlassene Gefreite in seinem ersten Fernsehinterview über seine Erfahrungen als Wächter in Guantanamo. "Sie werden es niemals vergessen.""Es" und "das" sind die Erinnerungen an die Übergriffe auf Gefangene, an denen er selber beteiligt war oder die er beobachtete. Bei Ankunft des ersten Busses in Camp-X-Ray hieß es, die Insassen seien verantwortlich für den 11. September. Weshalb Neely nicht lange fackelte, als sich ein Gefangener in seiner Obhut plötzlich ruckartig bewegte. Er presste ihn mit dem Gesicht auf den Zementboden. Später erfährt Neely, der Mann habe Angst gehabt, exekutiert zu werden.Augenzeugen-Berichte wie dieser könnten demnächst zur Routine werden, wenn der Kongress die Vorschläge der Justizausschuss-Vorsitzenden John Conyers im Repräsentantenhaus und Patrick Leahys im Senat aufgreift und eine unabhängige Kommission einsetzt, die Gefangenmisshandlung, Folter und Übergriffe der Justiz in der Amtszeit George W. Bushs untersuchen soll. Eine Art Wahrheits-Kommission, die nach südafrikanischem Vorbild funktionieren könnte. Leahy will der Kommission das Recht geben, aussagebereiten Zeugen volle Immunität zu gewähren, um so einen zügigen Prozess sicherzustellen.US-Präsident Barack Obama kommt das Drängeln nicht gelegen. Mit Blick auf die Wirtschaftskrise und seinen großen Reformvorhaben will er nichts unternehmen, was das Klima in Washington vergiften könnte. "Ich bin mehr dabei, nach vorne zu blicken als nach hinten", sagt Obama zu der Idee einer Wahrheitskommission.Das trägt ihm den Beifall langjähriger Bush-Unterstützer wie David B. Rivkin und Lee Casey ein. Der Vorschlag "schüttet Sand in unser politisches Räderwerk", argumentieren die beiden Anwälte in der Zeitung Washington Post. Selbst wenn es "nur" um Aufarbeitung gehe, bestünde die Gefahr, die Grundlage für eine strafrechtliche Verfolgung der Betroffenen außerhalb der USA zu schaffen.Daran besteht nach Ansicht des UN-Antifolter-Beauftragten Manfred Nowak schon jetzt kein Zweifel. Die Beweise, dass in Guantanamo gefoltert wurde, "liegen auf dem Tisch". Nowak meint Interviews von Präsident Bush aus dem April 2008 und Vizepräsident Dick Cheney im Dezember. Beide räumten darin ein, die harsche Behandlung mutmaßlicher El-Kaida-Gefangener, inklusive des so genannten Waterboardings, genehmigt zu haben.Ginge es nach den Republikanern, sollte die Obama-Regierung gar nichts tun. "Die Leute, die ins Visier der Kommission gerieten, sind keine Folterer, das sind Helden," sagt Bushs früherer Redenschreiber Marc Thiessen. Moderate Kräfte verweisen dagegen darauf, dass Folterer vor ein normales Gericht gestellt werden könnten. Kurioserweise geben sich an diesem Punkt Kritiker von links und rechts die Hand. Tatsächlich müssten die USA als Unterzeichnerstaat Übergriffe zu verfolgen und zur Anklage zu bringen. Zuständig dafür ist Justizminister Eric Holder, der zugleich oberster Ankläger der US-Regierung ist.Für den Gefreiten Brandon Neely, der bei der Ankunft der ersten Gefangenen in Camp X-Ray dabei war, geht es um etwas anderes. Angesichts der schrecklichen Erinnerungen sei es für in wichtig, seine Erlebnisse mitzuteilen. "Ich muss über Guantanamo sprechen." Es ist sein Beitrag zur Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit.------------------------------Foto : Blick auf das Camp X-Ray im Gefangenenlager Guantanamo
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