NEW YORK. Sonntagabend gegen sechs, zum Abendessen war es noch zu früh, saß Roger Federer vermutlich vor einem Fernsehschirm und sah, wie ihm der Duellpartner abhanden kam. Ob er erleichtert war, als Rafael Nadal gegen Andy Murray 2:6, 6:7, 6:4, 4:6 verlor? Vielleicht ein bisschen angesichts der Niederlagen dieses Sommers in Paris und Wimbledon. Aber er hatte es sicher ernst gemeint am Tag vorher mit seiner Antwort auf die Frage, welchen der beiden möglichen Gegner für das Finale er vorziehe. "Ich ziehe den Pokal vor", hatte er schlagfertig erklärt, dann aber hinzugefügt: "Ich würde doch lieber gegen Rafa spielen, wir hatten so tolle Duelle." Aber für die Fortsetzung der spektakulären Serie Roger gegen Rafa fehlte Nadal, dem besten Mann des Sommers die Energie.Beim zweiten Teil der am Sonnabend bei Regen abgebrochenen Partie gegen Murray gewann Nadal zwar den dritten Satz und ging Anfang des vierten in Führung, aber er konnte schon zu diesem Zeitpunkt von Glück sprechen, dass der stark spielende Gegner mit den Chancen verschwenderisch umging. Nadal versuchte, sich zu wehren und die gewohnte Intensität zu beschwören, aber dabei unterliefen ihm mehr Fehler als gewohnt, und manchmal stimmte das Timing nicht.So wie beim letzten Punkt des Spiels: Als er sah, dass Murray weit hinter der Grundlinie stand, versuchte er einen Stopp. Doch der landete so weit im Feld des Schotten und sprang so hoch ab, dass Murray keine Mühe hatte und die Kugel cool an Nadal vorbei zum bisher größten Sieg seiner Karriere ins Feld schob. Und genauso cool war Murrays Reaktion; kein Schrei der Erleichterung, nur ein schneller Blick hinüber zur Box mit Mutter Judy, Freundin Kim Sears und den Trainern, einmal die Faust gezeigt, kurz die Augen geschlossen. Von Anfang an hatte er gesagt, er wolle das Turnier gewinnen, und das war wieder eine seiner sehr geradlinigen Aussagen, mit denen er seit seinem Erscheinen auf der großen Bühne des Tennis vor drei Jahren öfter angeeckt war. Und er sagte natürlich auch, dass er sich eine gute Chance im Finale gegen Roger Federer ausrechne (bei Redaktionsschluss nicht beendet).Rafael Nadal zeigte sich derweil nicht sehr traurig. Er sagte, natürlich sei er enttäuscht, aber gemessen an der körperlichen Verfassung, in der er das Turnier vor zwei Wochen begonnen habe, sei er froh, das Halbfinale erreicht und sich nach einem schwachen Start im ersten Teil des Spiels gesteigert zu haben. Seine Erklärung, worin das Problem zu Beginn bestanden habe, war umfassend und einfach zu verstehen. "Es ist schwer, jeden Tag frisch zu sein, und ich wusste, dass so was wie gestern irgendwann passieren würde. Es war sicher nicht der beste Moment im Halbfinale der US Open, aber dafür gibt es ja nie einen guten Moment, oder?"Die erste Niederlage im sechsten Spiel gegen Murray und die erste bei einem Grand-Slam-Turnier 2008 seit der Begegnung im Halbfinale der Australian Open gegen Jo-Wilfried Tsonga ändern nichts an seiner Einschätzung, bis jetzt ein fantastisches Jahr erlebt zu haben, mit dem vierten Titel in Paris, dem ersten in Wimbledon, dem Sprung an die Spitze der Weltrangliste und dem Olympiasieg in Peking. Die Nummer eins wird er zunächst bleiben, und noch ist das Jahr nicht zu Ende. 84 Spiele haben Spuren hinterlassen; Murray hat nur 54 in den Beinen, Federer 65. Aber Rafael Nadal weiß, dass ihm das System keine Alternative lässt. "Wenn du an der Spitze bleiben willst, hast du dann eine Chance, weniger zu spielen? Hast du nicht." Und weiter geht's; in gut einer Woche wird er im spanischen Davis-Cup-Team zum Halbfinale gegen die USA erwartet.------------------------------"Es ist wirklich schwer, jeden Tag frisch zu sein." Rafael Nadal------------------------------Foto: Begegnung am Netz: Andy Murray (l.) verzichtet auf große Siegerposen.
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