NEW YORK, 3. September. Für seine Verhältnisse wirkt George W. Bush ungewöhnlich bescheiden, als er die entscheidenden Sätze spricht. Im dunklen Anzug mit hellblauer Krawatte steht der Präsident der Vereinigten Staaten hinter dem Rednerpult und blickt in die begeisterte Menge der 2 500 Delegierten. "Ihr habt vier Jahre Zeit gehabt mich kennen zu lernen", ruft er seinen republikanischen Parteifreunden zu und fährt fort: "Wenn wir auch nicht immer einer Meinung waren, so wisst ihr doch immer, woran ich glaube und wofür ich stehe". Woran er glaubt und wofür er steht, um nichts anderes ging es in den vergangenen vier Tagen, in denen die Republikaner ihren Parteitag in New York feierten. Standhaftigkeit und Entschlossenheit im Gegensatz zu Wankelmut und Meinungsschwäche. George W. Bush im Kontrast zu John Kerry. Das ist auch die Botschaft seiner Rede an diesem Donnerstagabend. Sie ist nicht nur an die Delegierten gerichtet, sondern an alle Amerikaner, die sich noch nicht entschieden haben, wem sie am 2. November ihre Stimme geben wollen. Die Nation ist tief gespalten. Für die einen ist Bush der Mann, der sein Versprechen wahr gemacht und nach den sexuellen Verfehlungen seines Vorgängers Bill Clinton wieder Integrität ins Weiße Haus gebracht hat. Für sie ist Bush der Präsident, der Steuern gesenkt und den Amerikanern ihr Geld zurückgeben hat. Er ist der Republikaner, der Abtreibung ablehnt und Homo-Ehe. Und schließlich ist er auch der Mann, der die Vereinigten Staaten von Amerika im Kampf gegen den Terrorismus verteidigt. Bushs Gegner hingegen sehen in ihm den Mann, der den Demokraten den Wahlsieg gestohlen hat, der den Reichen Steuern geschenkt, einen Haushaltsüberschuss in ein Defizit von 500 Milliarden Dollar verwandelt und Millionen von Jobs verspielt hat. Für sie ist Bush aber vor allem der Mann, der amerikanische Soldaten unter falschen Voraussetzungen in den Irak geschickt hat, in einen Krieg, in dem bisher fast tausend von ihnen ihr Leben verloren haben. Beide Seiten haben eine feste Meinung über diesen Präsidenten. Dazwischen jedoch gibt es jene wenigen Unentschiedenen, die ideologisch nicht fest gefahren sind und Umfragen zufolge die Wahl entscheiden werden. Sie sind es, um die Demokraten und Republikaner bis zuletzt kämpfen. Vom ersten Tag des Konvents bis zur Nacht von Bushs Nominierung war der Parteitag in New York eine hoch professionelle Inszenierung. Keine drei Häuserblocks von jenem Ort entfernt, an dem vor drei Jahren Terroristen Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers gesteuert hatten, kürte die Partei wieder jenen Mann zu ihrem Kandidaten, dessen Präsidentschaft durch diese Tragödie geprägt wurde. Allein durch die physische Nähe zu Ground Zero wurden viele Delegierte, von denen eine Mehrzahl noch nie zuvor in New York war, an die Schrecken des 11. September 2001 erinnert. Der Ort ist eine Botschaft: Die USA sind gefährdet und brauchen daher einen standhaften und starken Führer. Keiner der Redner vergisst, an den 11. September zu erinnern, jeder lobte Bushs Führungsstärke. Der ehemalige Bürgermeister Rudy Giuliani sprach von den Türmen in Flammen und dankte dem Präsidenten für seine Hilfe. Der Vietnam-Veteran John McCain, einst ein politischer Konkurrent Bushs, stellte sich loyal hinter die Entscheidungen des Präsidenten. Arnold Schwarzenegger, der Gouverneur von Kalifornien, erinnerte in seiner Rede an die gefährlichen Zeiten im Kalten Krieg und verglich sie mit den heutigen Herausforderungen an George W. Bush. Bushs Standhaftigkeit im Gegensatz zu John Kerrys Wankelmütigkeit rühmte jedoch am stärksten der Hauptredner Zell Miller. In einer ungewöhnlich heftigen Ansprache warf der abtrünnige Demokrat Kerry vor, die nationale Sicherheit der USA gefährdet zu haben, weil er die Freigabe von 87 Millionen Dollar für den Irak-Krieg verweigert und in den vergangenen 20 Jahren gegen die Anschaffung jedes modernen Waffensystems gestimmt habe. "Sollen wir uns mit Papierkugeln gegen El Kaida verteidigen? Denkt so ein Oberbefehlshaber?" fragte Miller und gab sich selbst die Antwort: "Ich vertraue George W. Bush. Ich habe an seiner Seele angeklopft und jemand hat geantwortet". Das Bild des charakterstarken Führers, der sich die Entscheidung in den Krieg zu ziehen und das Leben von amerikanischen Soldaten zu riskieren nicht einfach gemacht hat, vervollständigte schließlich noch Ehefrau Laura. Sie schwor auch auf die Integrität ihres Mannes und seine charakterlichen Stärke. Als George W. Bush im letzten Akt seine Nominierung akzeptierte, war das Feld für seine Rede bereits bestellt. Den Delegierten gefällt das. "Auf einer Skala von eins bis zehn erhält die Organisation des Parteitages eine zehn", sagt Rebecca Kasten aus Alasaka. Die Lehrerin ist eine der Delegierten, die vor allem Bushs "klare Vision" von nationaler Sicherheit hören will. "Was hilft uns eine blühende Wirtschaft, wenn wir nicht geschützt sind?", fragt die 52-Jährige. Sie will Sicherheit. Sie will Standhaftigkeit und sie will keine "Wackelmänner" wie John Kerry. Wie viele ihrer Mitdelegierten hat sich auch Rebecca Kasten eine amerikanische Fahne als Band um den Kopf gewickelt ist. Viele der Frauen tragen glitzernde W-Broschen, Buttons mit einem Herz neben dem Namen Bush und Plakate mit dem Konterfei des Präsidenten. Einige kleiden sich in blau-weiß-rot, andere schwenken nur eine US-Flagge. Wann immer der Name Kerry in diesen Tagen fällt, buhten sie alle laut oder hoben ihre Arme in die Luft, schwenkten sie von links nach rechts und riefen dazu im Takt: "Flip-Flop, Flip-Flop" - eine Anspielung darauf, dass Kerry gelegentlich seine Meinung ändert. Bush verspricht, im Angesicht des Feindes niemals Schwäche zeigen zu wollen; der Saal tobt, die Delegierten schwenken Hüte und Plakate über ihren Köpfen. Immer wieder spricht Bush davon, dass diese Wahl die wichtigste in der Geschichte der USA sei, weil hier die Zukunft der Nation entschieden werde und alle wüssten, wo er stehe.Auch Pam Jenkins meint, dass in dieser Wahl alles auf dem Spiel steht, vor allem die Sicherheit. Die 48-jährige Delegierte aus Louisiana will zwar auch, dass sich der Arbeitsmarkt entspannt und die wirtschaftliche Lage in den USA verbessert. Aber die Sicherheit geht für sie vor: "Alles ist irrelevant, wenn wir nicht sicher sind." Die Geiselnahme in der russischen Schule in Beslan beweise es doch - der Kampf gegen den Terror müsse oberste Priorität haben. "So etwas könnte durchaus auch in den USA geschehen und das müssen wir verhindern", sagt Pam Jenkins. Präsident Bush spricht ihr an diesem Donnerstagabend aus dem Herzen. Wie die Delegierte aus Louisiana legt auch er den Schwerpunkt seiner Rede auf die Außenpolitik. In der rund einstündigen Ansprache spricht der Präsident zwar über viele Themen, doch wirklich überzeugend wirkte er erst, als er den Kampf gegen den Terror und die Demokratisierung des Nahen Ostens thematisiert. Begeistert verspricht er seinen Landsleuten, die USA sicherer und die Welt friedlicher machen zu wollen. Bush träumt von der "Ausweitung der Freiheit auf eine gesamte Region", er spricht von Erfolgen im Irak und in Afghanistan und davon, dass die USA unter ihm als Oberbefehlshaber 50 Millionen Menschen befreit hätten. "Unsere Soldaten haben Berge überwunden und Sandstürme bewältigt. Die Helden der Normandie wären stolz gewesen", ruft der Präsident seinen Delegierten zu und die antworten mit Rufen: "Four More Years" oder "USA". Immer wieder erinnert er seine Zuhörer an seine Entschlossenheit, den Kampf gegen den Terror zu gewinnen und versäumt es nicht, seinen demokratischen Herausforderer immer wieder als einen unentschlossenen "Liberalen" zu charakterisieren, der eher die Werte Hollywoods als konservative Werte vertritt. Für Bushs Wahlkampflager dürften die herben Attacken des republikanischen Parteitags recht ungelegen kommen. John Kerry hatte bereits durch die negative Werbung einer Veteranen-Gruppe an Zustimmung eingebüßt. Die Demokraten hatten von Anfang an Kerrys Image als Vietnam-Soldat betont, und damit auch ihren Anspruch auf die Rolle des Oberbefehlshabers gestützt. Sinn und Ziel der republikanischen Angriffe war es nun, gerade dieses Image zu zerstören. Die Attacke war erfolgreich: eine Mehrheit der Amerikaner ist jüngsten Umfragen zufolge wieder der Meinung, Bush würde sie am besten im Kampf gegen El Kaida verteidigen.Ob George W. Bush durch diesen Parteitag einen Sieg nach Hause tragen kann, bleibt allerdings fraglich. Eine kleinen Vorsprung werde der Präsident wohl registrieren können, doch ob dieses Stimmen-Plus von Dauer ist, will heute noch niemand sagen. Vor allem unabhängige Wähler könnten von den zum Teil sehr scharfen Angriffen von Seiten der Republikaner abgeschreckt werden und sich deshalb den Demokraten zuwenden. Anderen aber mag die starke Rolle, die die Republikaner der nationalen Sicherheit beimessen, nicht überzeugen. Selbst in den eigenen Reihen wünschten sich einige Republikaner, Bush würde ebenso klar über seine innenpolitischen Pläne sprechen wie über seine außenpolitischen Vorhaben. Gary Paul, ein Delegierter aus Hawaii, wollte, dass Bush seine gesamte Agenda offen legt, "damit die Wähler wissen, warum sie Bush wählen sollten". Derzeit habe man ihnen nur mitgeteilt, warum sie Kerry nicht wählen sollten. Doch der Präsident bleibt vage. Er wolle die Förderprogramme für die Schulen fortführen, die Steuer vereinfachen, die Wirtschaft ankurbeln und die Sozialversicherung reformieren, was dazu führen soll, dass Arbeitnehmer künftig für ihre eigene Versicherung zuständig sind. Den Erzkonservativen verspricht er das Verbot der Homo-Ehe und den Schutz ungeborenen Lebens. Für die moderaten und unentschiedenen Wähler wiederum bemüht er den Begriff des "mitfühlenden Konservativen" und verspricht, Arbeiter und ihre Familien zu unterstützen. Doch viele dieser Versprechen hatte Bush bereits bei seiner Rede auf dem letzten Nominierungsparteitag der Republikaner gegeben und nicht gehalten. Am Ende müssen die unentschiedenen Wähler dann entscheiden, welche Unentschlossenheit sie schwerer ertragen können: Die in Fragen der Nationalen Sicherheit, oder die in Fragen ihres täglichen Lebens.------------------------------"Wir haben die Terroristen auf der ganzen Welt bekämpft - nicht aus Hochmut, nicht für Macht, sondern weil das Leben unserer Bürger in Gefahr ist. Wir werden siegen." George W. Bush------------------------------Foto: "Four more Years", vier weitere Jahre an der Spitze der USA, skandierten die Delegierten nach Bushs Parteitagsrede.
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