Die USA haben einen entscheidenden Schritt zur politischen und wirtschaftlichen Reintegration Syriens vollzogen. Am Montag strich Washington das Land nach 47 Jahren von ihrer Terrorliste. Für die Regierung von Präsident Ahmed al-Scharaa ist dies weit mehr als ein symbolischer Akt. Es geht um den Zugang zu Banken, Investitionen, internationalen Märkten und damit um die wirtschaftliche Zukunft eines Landes, das nach fast 14 Jahren Krieg vor einem gigantischen Wiederaufbau steht.
Syrien stand seit 1979 auf der amerikanischen Terrorliste. Die Einstufung brachte erhebliche Beschränkungen mit sich. Unter anderem waren US-Auslandshilfe, Rüstungsexporte und bestimmte Finanzgeschäfte eingeschränkt. Selbst nachdem Washington 2025 sein umfassendes Sanktionsregime gegen Syrien beendet hatte, blieb die Terrorliste ein erheblicher Risikofaktor für internationale Banken und Unternehmen. Für Finanzinstitute bedeutete ein Engagement in Syrien weiterhin hohe rechtliche und Compliance-Risiken. Genau diese letzte Hürde ist nun gefallen.
US-Außenminister Marco Rubio begründete den Schritt mit den „positiven Maßnahmen“ und weiteren Zusagen der Regierung al-Scharaas, sich vollständig vom internationalen Terrorismus zu distanzieren. Washington setzt dabei auf eine bemerkenswerte politische Wette. Aus einem früheren Gegner des Westens soll ein Partner werden, der die Region stabilisiert, gegen den Islamischen Staat vorgeht und sein Land für internationale Geschäfte öffnet. Al-Scharaa hatte früher die Nusrah-Front angeführt, die aus dem syrischen Ableger von Al-Kaida hervorgegangen war. Heute präsentiert ihn die US-Regierung als pragmatischen Ansprechpartner für den Wiederaufbau.
Iran-Sanktionen: China warnt die USA vor Gegenmaßnahmen
Neue Sanktionen: USA wollen Iran wirtschaftlich „erdrosseln“ – Operation „Economic Outcast“
Washington setzt auf den wirtschaftlichen Hebel
Auffällig ist, wie stark über Wirtschaftsfragen im Zusammenhang mit der neuen amerikanischen Syrien-Politik gesprochen wird. Präsident Donald Trump hatte bereits im Juli erklärt, er wolle „alle Hindernisse“ beseitigen, die Syrien am Wiederaufbau hindern. Zugleich verwies er auf US-Unternehmen, die bereit seien, in dem Land zu investieren. Damit verfolgt Washington eine klassische, aber in Syrien neue Strategie: politische Annäherung mit wirtschaftlichen Anreizen. Die Botschaft lautet: Wer den außenpolitischen Interessen Washingtons diene und Sicherheitszusagen erfülle, bekomme Zugang zu Kapital, Technologie und Märkten.
Syrien benötigt für den Wiederaufbau Milliardeninvestitionen. Die Regierung in Damaskus verhandelt mit internationalen Banken, während Mastercard gemeinsam mit der Qatar National Bank und der syrischen Zentralbank an einer Infrastruktur für internationale Kartenzahlungen arbeitet. Auch mit der Bank of America wurden Gespräche über eine stärkere Integration Syriens in das globale Finanzsystem geführt. Selbiges gilt für den amerikanischen Energiekonzern ConocoPhillips, der die Gasproduktion in Syrien wieder aufbauen will.
Russland verliert an Einfluss
Für die USA geht es dabei auch um Geoökonomie. Washington möchte Syrien stärker an den Westen und an die Golfstaaten binden und zugleich den Einfluss Russlands und Irans zurückdrängen. Besonders deutlich wurde dies bei den Verhandlungen über syrische Energieimporte. Nach Reuters-Berichten erklärte sich Damaskus bereit, seine Einfuhren russischen Öls drastisch zu reduzieren. Russland liefert bislang einen erheblichen Teil des syrischen Rohöls.
Für Russland ist diese Entwicklung bedenkenswert. Moskau war unter dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad die wichtigste ausländische Militärmacht in Syrien und verfügte über strategisch bedeutende Stützpunkte. Nach dem Machtwechsel versucht Russland, seine Position zu bewahren. Die amerikanische Annäherung an Damaskus und insbesondere eine mögliche Abkehr Syriens von russischen Energieimporten schwächen jedoch einen Teil dieses Einflusses.
Chinas militärischer Vormarsch in Zentralasien setzt Russland unter Druck
CIA-Chef in Moskau: Fünf Theorien zum Geheimbesuch im Kreml
Deutschland setzt auf Wiederaufbau
Deutschland will beim wirtschaftlichen Neustart Syriens ebenso eine Rolle spielen. Beim Besuch von Ahmed al-Scharaa im März 2026 in Berlin trafen sich rund 40 deutsche Unternehmen mit der syrischen Seite. Die Bundesregierung stellt in diesem Jahr mehr als 200 Millionen Euro für den Wiederaufbau bereit und will mit Beratung und Reformen ein Investitionsklima für deutsche Unternehmen schaffen. Aus der Wirtschaft gibt es erste konkrete Signale. Siemens Energy prüft die Modernisierung syrischer Kraftwerke, während der Baustoffkonzern Knauf eine Absichtserklärung für den Bau eines Gipswerks unterzeichnet hat.
Noch wichtiger als die Wirtschaft sind für die deutsche Politik jedoch Migrationsfragen. Während die Amerikaner aktuell im ehemals krisen- und kriegsgebeutelten Land massiv investieren und Chancen sehen, steht die Bundesregierung sich selbst im Weg. Im Herbst 2025 löste Außenminister Wadephul eine Debatte aus, die an Rückkehrplänen zweifeln lässt. Nach seinem Besuch in einer zerstörten Vorstadt von Damaskus sagte der Außenminister, dort könnten „kaum Menschen richtig würdig leben“, da es an Wasser, Strom und funktionierendem Abwasser fehle.
Für Syrien jedenfalls ist die amerikanische Annäherung eine historische Chance – aber auch ein Risiko. Das Nahost-Land könnte vom Objekt internationaler Machtpolitik zu einem begehrten wirtschaftlichen und geopolitischen Partner werden. Ob daraus tatsächlich ein stabiler Wiederaufbau entsteht, hängt jedoch nicht allein von Investitionen ab. Entscheidend wird sein, ob al-Scharaas Regierung Sicherheit, politische Inklusion und verlässliche staatliche Strukturen herstellen kann.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]