In den USA bezeichnen sich deutlich weniger Teenager als schwul, lesbisch oder bisexuell als noch vor wenigen Jahren. Besonders stark ist der Rückgang bei jungen Mädchen. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Mädchen in der neunten Klasse, die meist 14 oder 15 Jahre alt sind.
2021 bezeichneten sich dort noch 30 Prozent als lesbisch oder bisexuell, 2025 waren es 17 Prozent. Der stärkste Rückgang entfällt auf die bisexuelle Selbstidentifikation: Ihr Anteil sank von 26 auf 13 Prozent und hat sich damit innerhalb von vier Jahren halbiert. Das geht aus einer Analyse der neuen Daten des Youth Risk Behavior Survey der US-Gesundheitsbehörde CDC durch die Psychologieprofessorin Jean Twenge von der San Diego State University hervor. Über die Ergebnisse berichtet auch die Washington Post.
„Es sieht wirklich wie ein freier Fall aus“, sagte Twenge der Zeitung. Zugleich machte sie deutlich, dass sie für die Entwicklung bislang keine Erklärung habe.
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Stärkster Rückgang bei den jüngsten Schülerinnen
Der Effekt zeigt sich demnach nicht bei allen Jugendlichen gleichermaßen. Unter sämtlichen Neuntklässlern sank der Anteil, der sich als lesbisch, schwul oder bisexuell bezeichnet, nach Twenges Berechnung allein zwischen 2023 und 2025 von 17 auf elf Prozent. Bei Schülern der zwölften Klasse fiel er dagegen lediglich von 18 auf 16 Prozent.
Auch zwischen Jungen und Mädchen gibt es deutliche Unterschiede. Über alle vier Highschool-Jahrgänge hinweg sank der LGB-Anteil bei Mädchen zwischen 2023 und 2025 von 27 auf 22 Prozent. Bei Jungen ging er von neun auf sieben Prozent zurück. Twenge zufolge war allerdings schon der vorherige Anstieg der LGB-Selbstidentifikation bei Mädchen wesentlich stärker ausgefallen.
Bei älteren Schülerinnen ist von einem vergleichbaren Einbruch nichts zu sehen. Unter Mädchen der zwölften Klasse bezeichneten sich 2021 rund 26 Prozent als lesbisch oder bisexuell, 2023 waren es 28 Prozent und 2025 noch 25 Prozent. Die starke Veränderung konzentriert sich damit vor allem auf die jüngsten Jahrgänge.
CDC befragt Schüler in den gesamten USA
Grundlage sind Daten des alle zwei Jahre durchgeführten Youth Risk Behavior Survey. Die nationale CDC-Erhebung ist so angelegt, dass sie Schülerinnen und Schüler der Klassen neun bis zwölf an öffentlichen und privaten Schulen in den USA repräsentiert. Für 2025 lagen nach der Datenbereinigung 10.710 verwertbare Fragebögen vor. Die Ergebnisse werden gewichtet, um die Schülerschaft landesweit abzubilden. Die Gesamtantwortquote lag bei 30,6 Prozent.
Im Fragebogen können Jugendliche ihre sexuelle Identität als heterosexuell, schwul oder lesbisch, bisexuell, „anders“, noch ungeklärt oder als nicht verstandene Frage angeben.
Für ihre Zeitreihenberechnung berücksichtigt Twenge allerdings nur die Antworten heterosexuell, schwul oder lesbisch sowie bisexuell. Jugendliche, die „anders“, „unsicher“ oder „Frage nicht verstanden“ auswählten, sind in diesem Nenner nicht enthalten. Das ist wichtig, weil sich die Zusammensetzung dieser Kategorien über die Jahre verändert hat.
Twenge untersuchte zusätzlich Angaben zum Sexualverhalten. Unter sexuell aktiven Mädchen ging demnach auch der Anteil zurück, der mindestens einen gleichgeschlechtlichen Sexualpartner angegeben hatte. Auch hier waren die Veränderungen bei den jüngeren Schülerinnen am größten. Twenge betont jedoch selbst, dass sexuelle Identität und tatsächliches Sexualverhalten nicht dasselbe sind und diese Auswertung nur sexuell aktive Jugendliche umfasst.
Konservative sehen politischen Wandel als Ursache
In konservativen Kreisen in den USA wurden die neuen Zahlen bereits als Zeichen eines gesellschaftspolitischen Kurswechsels interpretiert. Terry Schilling von der konservativen Lobbyorganisation American Principles Project führte die Entwicklung auf Maßnahmen der Regierung von Präsident Donald Trump zurück.
Twenge hält eine solche Erklärung allein schon wegen des zeitlichen Verlaufs für unzureichend. Erste Rückgänge hätten bereits während der Präsidentschaft Joe Bidens eingesetzt. Zudem stelle sich die Frage, weshalb ein politischer Wandel vor allem 14- und 15-Jährige beeinflussen sollte, während sich bei 17- und 18-Jährigen wesentlich weniger verändere. Politik könne eine Rolle spielen, sei aber offenkundig nicht die einzige Erklärung, sagte sie der Washington Post. Als mögliche Faktoren will sie auch Folgen der Corona-Pandemie und Veränderungen bei der Nutzung sozialer Medien untersuchen.
Parallel hat sich das gesellschaftliche Umfeld in den USA verändert. Die Trump-Regierung geht seit ihrer Rückkehr ins Weiße Haus gegen zahlreiche Diversity-Programme vor, und auch Teile der Wirtschaft haben frühere DEI-Vorgaben zurückgenommen oder weniger prominent gemacht. Eine Reuters-Auswertung zeigte 2026 beispielsweise einen deutlichen Rückgang von Verweisen auf Geschlecht und ethnische Herkunft in Pflichtveröffentlichungen großer US-Unternehmen. Einen Zusammenhang mit der sexuellen Selbstidentifikation von Jugendlichen belegen diese Entwicklungen jedoch nicht.
Forscherin warnt vor voreiligen Schlüssen
Auch Jody Herman vom Williams Institute der University of California in Los Angeles mahnt zur Zurückhaltung. Twenges veröffentlichte Auswertung enthalte keine Konfidenzintervalle, mit denen überprüft werden könne, ob die beobachteten Unterschiede statistisch signifikant seien. Die bisherigen Hinweise auf einen Rückgang ließen deshalb „mehr Fragen als Antworten“ zurück, erklärte Herman gegenüber der Washington Post.
Hinzu kommt: Die Entwicklung lässt sich nicht auf das gesamte LGBTQ-Spektrum übertragen. Die hier betrachtete Analyse betrifft ausschließlich Jugendliche, die sich als lesbisch, schwul oder bisexuell bezeichnen. Aussagen über transgender oder nichtbinäre Jugendliche sind daraus nicht möglich.
Twenge selbst hatte erst wenige Wochen zuvor ihre Einschätzung bei jungen Erwachsenen korrigiert. Ein zunächst beobachteter Rückgang der LGB-Selbstidentifikation bei den 18- bis 24-Jährigen verschwand, nachdem die vollständigen Daten für 2025 vorlagen. Gerade deshalb hält sie die starken Veränderungen bei den jüngsten Teenagern nun für bemerkenswert, aber noch nicht für abschließend erklärt.
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