Modefotografie

„Derselbe Himmel“ – Ute Mahler darüber, wie Modefotografie Frauen aus der DDR mit heute verbindet

25 Jahre lang fotografierte Ute Mahler für die DDR-Modezeitschrift Sibylle – Bilder, die mehr erzählten als nur Mode. Nun ist ein Bildband erschienen.

Marie Hartmann Barbara Russ
8 Min
„Anke“, Miami, 1992

„Anke“, Miami, 1992

© Ute Mahler

Ute Mahler sitzt in einer Scheune in Werben an der Elbe, dem kleinen Städtchen, in dem sie und ihr Mann Werner Mahler zeitweise leben, als wir sie zum Videocall treffen.

Im Hintergrund sieht man das Haus ihres Sohnes, draußen unterrichtet Werner Mahler gerade zwei Klassen der Ostkreuzschule. Es ist ein Bild, das zu ihr passt: Arbeit und Leben, Vergangenheit und Gegenwart, immer nah beieinander.


Frau Mahler, Sie sind bekannt als Fotografin und Gründerin der Fotografenagentur Ostkreuz sowie als Dozentin. Und nun haben Sie, begleitend zur Ausstellung in Pankow, einen Bildband herausgebracht, in dem zahlreiche Ihrer Modefotografien zu sehen sind. Verraten Sie uns doch bitte, was die Leser darin erwartet.

Ich zeige in Pankow zum ersten Mal in einer umfangreichen Ausstellung meine Modefotografie, die ich im Auftrag der Zeitschrift für Mode und Kultur Sibylle fotografiert habe. Über 18 Jahre habe ich dort gearbeitet, von 1977 bis zur Einstellung des Magazins 1995.

Fünfundzwanzig Jahre später haben Werner Mahler und ich wieder Mode fotografiert: eine gemeinsame Serie im Auftrag des Magazins der FAZ. Sie ist dort auch zu sehen.

„Claudia“, Lehnitz, 1975

„Claudia“, Lehnitz, 1975

© Ute Mahler

In der Ausstellung hängt eines meiner ersten Modefotos: Claudia, ich glaube, elf Jahre alt, fotografiert für ein Kindermodenheft in Leipzig. Ich finde nicht, dass sie süß oder niedlich ist – es ist schon eine richtige Persönlichkeit, die mich da ernst und groß anguckt.

Und deshalb ist dieses Bild auch in dem Bildband zu sehen – mit vielen weiteren. Der Bogen spannt sich von 1975 mit der Sibylle bis zum 2020 erschienenen Fotoessay.

Zur Person
Lia Darjes

Zur Person

Ute Mahler wurde 1949 in Berka an der Wipper geboren und studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Rund 25 Jahre lang prägte sie als Fotografin die DDR-Modezeitschrift Sibylle. 1990 gründete sie die Agentur Ostkreuz, von 2000 bis 2015 lehrte sie als Professorin an der HAW Hamburg. Bis heute unterrichtet sie an der Ostkreuzschule Berlin.
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Wie sind Sie zur Sibylle und damit zur Modefotografie gekommen?

Bei der Sibylle hat man Modefotografie nicht als reine Abbildung eines
Kleides gesehen. Es ging vielmehr darum, ein individuelles Frauenbild zu formulieren – das hat mich angezogen. Es ging nicht ums Verkaufen von Kleidung – die Kleidung war durch den langen Druckprozess oft schon ausverkauft und aus der Mode, wenn das Heft erschien.

Es ging darum, den Frauen Mut zu machen. Sich nicht unbedingt jedem Modetrend anzupassen, sondern aus den unterschiedlichen Stilen das zu nehmen, was zu ihnen passt.

Ich war jung, 28, als ich anfing, für Sibylle zu fotografieren. Die Redakteurinnen waren ebenfalls jung. Es war eine selbstverständliche Zusammenarbeit mit viel Kreativität auf beiden Seiten. Aber wie besonders das war, was wir damals gemacht haben, das war mir nicht klar.

„Julia auf dem Bebelplatz“, Ost-Berlin, 1981

„Julia auf dem Bebelplatz“, Ost-Berlin, 1981

© Ute Mahler

Manche Ihrer Bilder wurden vom Zentralkomitee der Frauenkommission für den Druck abgelehnt. Haben Sie beim Fotografieren mitgedacht, was die Zensur durchlässt – oder einfach gemacht?

Es gab Fälle, in denen Bilder nicht gedruckt wurden – aber wenige. Ich habe mal eine Schwangeren-Serie fotografiert, Frauen im Alltag: in der Straßenbahn, in der Kaufhalle, am Taxistand. Eines der Fotos zeigt Julia auf dem Bebelplatz, im Hintergrund die Aufsteller vom Politbüro. Das haben sie mir abgeschnitten. In der Ausstellung hängt das Bild jetzt mit den Gesichtern des Politbüros und hat natürlich eine ganz andere Aussage.

Wir haben also Bilder gemacht, die den Leuten ein bisschen mehr vom Land zeigen, als in den offiziellen Medien vorkam. Und es ist häufig gut gegangen. Ich glaube, die Sibylle wurde einfach von denen „da oben“ nicht richtig ernst genommen.

„Elke“, Minsk, 1981

„Elke“, Minsk, 1981

© Ute Mahler

In der Ausstellung hängt auch ein Bild von Elke in Minsk, 1981 – sie steht vor einem monumentalen Gebäude und wirft die Haare nach oben. Was ist die Geschichte dahinter?

Das Reisebüro der Sowjetunion, Intourist, sponserte der Sibylle einmal im Jahr eine Reise. Mich schickte man mit einem Model und einem Redakteur nach Minsk. Ich konnte gar nichts mit diesen monumentalen stalinistischen Bauten anfangen. Aber die Stadt war voll damit. Was sollte ich machen? Ich musste dem etwas entgegensetzen. Vor diesen offiziellen Gebäuden schmeißt Elke ihre Haare nach oben. Eine uneindeutige Geste, die Eigenwilligkeit demonstriert. Auf diesen Bruch kam es mir an.

Oder das Bild „Die Primaballerina der Komischen Oper“? Was hat es damit auf sich?

Jutta Deutschland, die Primaballerina, hatte ich für eine Porträtserie für die Sibylle fotografiert und wir hatten einen guten Draht zueinander. Ich hatte große Lust, auch einmal eine Modeserie mit ihr zu machen. Sie hatte so etwas Graziles.

So entstand die Geschichte: Ein Engel fällt morgens um fünf vom Himmel und landet in Prenzlauer Berg. Ich habe Mode immer gerne im öffentlichen Raum fotografiert und damit etwas über Alltag und Gesellschaft erzählt.

An diesem Bahnhof in Prenzlauer Berg stand nun Jutta auf Spitzen inmitten der Leute, die zur Arbeit fuhren. Und dann habe ich auf den Zufall gehofft und darauf, dass die Wartenden am Bahnsteig wieder in ihre Alltäglichkeit zurückfinden. Ich habe der Wirklichkeit ihren Platz gelassen.

„Katharina“, Modeinstitut der DDR Berlin, 1990

„Katharina“, Modeinstitut der DDR Berlin, 1990

© Ute Mahler

Nach dem Ende der Sibylle 1995 haben Sie 25 Jahre lang keine Modefotografie mehr gemacht. Was hat Sie 2020 zu dem Sujet zurückgeführt?

Seit 2008 arbeiten Werner Mahler und ich gemeinsam an unseren freien künstlerischen Projekten. 2020 kam dann überraschend das Angebot der FAZ, erstmals auch eine Modeserie gemeinsam zu fotografieren. Im Unterschied zu damals haben wir Kleider der berühmtesten Modelabels fotografiert.

Und wir haben diesmal mit einer Großformatkamera gearbeitet. Die Verbindung zu meinen frühen Modefotos kann man aber immer noch erkennen. Diese Sicht auf Menschen und die Lust auf das Geschichtenerzählen – die steckt auch in diesen Bildern, obwohl wir sie 25 Jahre später fotografiert haben.

Was bedeutet der Titel „Derselbe Himmel“ für Sie?

Die Titelfindung war nicht einfach. Modefotografie, Frauenbilder, diese nüchternen Begriffe – das war alles nichts. Dann habe ich überlegt: Was verbindet die Bilder von damals mit heute? Ich hatte sie in zwei Gesellschaftssystemen fotografiert.

Mein Leben nach 1990 ist ein völlig anderes geworden. Nur der Himmel ist derselbe geblieben. Und natürlich habe ich an Christa Wolf und ihr Buch „Der geteilte Himmel“ gedacht.

Die Frauen in ihren Bildern aus einer kollektivistischeren Gesellschaft wirken teilweise individualistischer als die Models zur gleichen Zeit im kapitalistischen System. Wie kommt das?

In den offiziellen Medien der DDR war oft die Rede von „unseren sozialistischen Frauen“. In den 80er-Jahren waren über 90 Prozent der Frauen berufstätig, sie arbeiteten häufig im Schichtsystem. Gleichzeitig hatten sie Familie, waren also Mütter und Ehefrauen. Wir waren nach dem Gesetz gleichberechtigt, die Realität sah schon anders aus! Zu Hause war Arbeitsteilung häufig nicht selbstverständlich. Das damals publizierte Frauenbild als Heldinnen kam mir einseitig und verlogen vor.

Der Traum von Selbstverwirklichung und individuellem Glück, Melancholie, Nachdenklichkeit und Sehnsucht war einfach offiziell kein Thema. In der Sibylle aber schon. Es ging nicht so sehr um Glamour. Natürlich ist immer Glamour dabei, wenn man Schönheit zeigt. Aber für uns sollte eine Frau noch mehr sein: klug, geheimnisvoll, sensibel, stark. Die Frauen, die in der Sibylle abgebildet wurden, waren oft, aber nicht immer, bildschön, aber sie waren eigen, sie waren Persönlichkeiten. Sie hatten etwas Besonderes.

„Elke“, Berlin Marzahn, 1980

„Elke“, Berlin Marzahn, 1980

© Ute Mahler

Wenn Sie rückblickend den Vergleich anstellen, wie schätzen Sie die Freiheit der Frauen in ihrer Selbstentfaltung heute ein?

Welche Mode man trägt und wie, signalisiert auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Damals waren die Gruppen übersichtlicher, es war klarer, wer wohin gehörte. Vielen war es aber auch einfach egal.

Heute ist das Äußere extrem wichtig geworden. Und wenn man nicht dünn, jung und schön genug ist, wird retuschiert, was die Filter so hergeben. Frauen werden verstärkt über ihr Aussehen beurteilt. Besonders die sozialen Medien hinterlassen diesen Eindruck. Auch die traditionellen Rollenbilder von Frauen werden schon wieder neu diskutiert. Da waren wir schonmal weiter.

„Die Primaballerina der Komischen Oper“, S-Bahnhof Prenzlauer Allee, 1980

„Die Primaballerina der Komischen Oper“, S-Bahnhof Prenzlauer Allee, 1980

© Ute Mahler

Glauben Sie, Ihre Sibylle-Bilder von damals haben heute noch eine Bedeutung?

Es kommen die unterschiedlichsten Leute in die Ausstellung in Pankow. Viele Junge sind dabei. Wahrscheinlich haben sie schon von der Sibylle gehört, die Zeitschrift hat es jetzt ja schon zur Legende geschafft. Sie ist eine der wenigen positiven Geschichten aus der DDR. 

Die Fotos haben heute auch Bedeutung als Zeitdokumente aus einem Land, das es nicht mehr gibt. Manche kommen aber auch einfach nur, um Bilder zu sehen. Bilder von diesen wunderbaren, schönen und klugen Frauen.

Ute Mahler: Derselbe Himmel. Frauen, Künstlerinnen, Freundinnen. Modefotografie von 1975 bis 1994. Hartmann Books, Stuttgart 2024. 292 Seiten, 68 Euro

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