Es ist das Jahr der Abschiede im Berliner Ballett: Als erstes brachte im April die Compagnie der Komischen Oper ihre letzte Premiere heraus. Zum Ende der Saison wird das Ensemble aufgelöst - ob und wie viel Tanz es in Zukunft in der Behrenstraße geben wird, ist ein Geheimnis des Intendanten Andreas Homoki. Jetzt, am Pfingstwochenende, war das Ballett der Deutschen Oper an der Reihe. Dort gab es als letzte Premiere einen dreiteiligen von Uwe Scholz choreografierten Strawinsky-Abend. Mit dem Ende der Spielzeit wird es auch diese Compagnie nicht länger geben. Doch so brachial, wie das Ballett der Komischen Oper ist das der Deutschen Oper nicht von den Veränderungen getroffen. Ab der kommenden Spielzeit tanzt an der Bismarckstraße das fusionierte, von Vladimir Malakhov geleitete Staatsballett Berlin. Zwanzig der dreißig Tänzer der Deutschen Oper wurden von Malakhov übernommen. Auch das wichtigste Stück dieser letzten Premiere, "Der Feuervogel" wird keinesfalls ins Nichts entschwinden, sondern an die Staatsoper wandern und dort, gemeinsam mit Angelijn Preljocajs "Sacre du Printemps" im September die erste Saison des neuen Staatsballetts eröffnen. Von Zukunft oder Aufbruch war indessen an der Deutschen Oper nichts zu spüren. Dort wurde Abschied gefeiert. Von der Ballettdirektorin Sylviane Bayard und von vielen Tänzern, die mit ihr die letzten harten Jahre überstanden hatten. Gegen Bayard, die in ihre Position zunächst nur interimistisch für eine Spielzeit rückte und dort wegen des sich ständig verzögernden Umbruchs insgesamt fünf lange Jahre blieb, mag es viel einzuwenden geben. Doch eines muss man anerkennen: Sie hat sich in diesen fünf Jahren als eine Kämpferin erwiesen, die gemeinsam mit ihren Getreuen tapfer und trotz unmöglicher Bedingungen die Ballettfahne an der Bismarckstraße hochhielt. Mit einem schon vor drei Jahren auf dreißig Tänzer geschrumpften Ensemble - es sollte nur eine kurze Übergangslösung sein - wurden große Handlungsballette gezeigt. Obwohl im Mini-Ensemble jeder Tänzer zählte, meisterte man Krankheitsfälle souverän. Keine Vorstellung fiel aus, um jeden Zuschauer wurde gekämpft - auch wenn die Leitung wegen der desolaten Finanzlage dem Ballett kurzerhand beide geplanten Premieren strich, auch wenn in dieser Spielzeit von zwei geplanten gerade eine Premiere übrig blieb. Am Ende sah man jetzt diejenigen Tänzer in der ersten Reihe stehen, auf deren Schultern all dies ausgetragen wurde und die unter ihren geschminkten Gesichtern sichtlich um Fassung rangen. Zuvor hatte man kein Glanzstück der Ballettkunst erlebt, aber doch eine ordentliche Leistung. Das ist unter den gegebenen Bedingungen mehr als man erwarten darf. Die drei gezeigten Scholz-Ballette stammen allesamt aus der Früh-Phase des in Stuttgart groß gewordenen und seit zwölf Jahren in Leipzig tätigen Choreografen. "Sinfonie in drei Sätzen", das Eröffnungsstück, hat seit der Aufführung einer ersten Fassung 1984 in Stuttgart, Patina angesetzt. Männer wie Frauen sind hier in eine beige Overall-Einheitskluft gehüllt, es geht konstruktivistisch und mechanistisch zu. Die Männer basteln, wie in so vielen Scholz-Balletten, an den Frauen herum als seien sie eine Knetmasse bei der man ausprobieren müsse, in welche Richtungen und wie weit sie zu drehen und zu biegen sei. Der zweite Teil dann, ein zu "Piano Rag Music" und "Tango" choreografiertes Männersolo, bietet Goyo Montero, dem langjährigen Solisten der Deutschen Oper, noch einmal die Chance zu einem großen Auftritt. Vladimir Malakhov wird ihn nicht in das neue Staatsballett übernehmen und begründete dies mit der taktlosen Bemerkung, Montero sei ihm zu klein. In Spanien, Monteros Heimat, schlug diese Äußerung hohe Wellen. Doch jenseits solcher Aufregungen: So rasend schnell Montero noch immer seine Pirouetten drehen mag und so elastisch er springt, vor allem im zweiten, langsameren Teil wird deutlich, dass Malakhov keine falsche Entscheidung getroffen hat. Einen so blassen Macho hat man selten auf der Bühne gesehen."Der Feuervogel" wiederum, 1910 von den Ballets Russes in Paris uraufgeführt, gehört zu den Klassikern des modernen Balletts. Er ist auch in der Scholzschen Fassung ansehnlich geraten. Das Fantastische dieses auf russische Volksmärchen zurückgehende Balletts wurde von Scholz in eine bunte Plastikwelt verlegt. Dort, statt im wundersamen Zaubergarten des bösen Zauberers Katschei, treffen der Feuervogel (mit rot blinkender Fahrradlampe auf der Brust: Jon Ugarizza) und der Prinz (Raimondo Rebeck) aufeinander. Die von Katschei gefangen gehaltenen Prinzessinnen erscheinen als futuristische Plastik-Sonnenbrillen-Schönheiten. Es gibt schön choreografierte Szenen, doch dramaturgisch mag auch dieses Ballett nicht recht überzeugen. Wie es in einer hochkarätigeren und sicher insgesamt konzentrierteren Fassung an der Staatsoper wirken mag, bleibt abzuwarten. Einen Scholz-Strawinsky-Abend jedenfalls gibt es nur noch fünf Mal und nur an der Deutschen Oper zu sehen. Vorstellungen: 2., 5., 16., 18., 23. Juni------------------------------Unter ihren geschminkten Gesichtern rangen die Tänzer sichtlich um Fassung.------------------------------Foto: Ansehnlich auch bei Scholz: "Der Feuervogel".
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