BERLIN. Tuomo Hatakka brüllt ins Mikrofon, bis die Lautsprecher krachen. Der massige Kopf bekommt Farbe, die Arme sind vor dem Körper verschränkt: "Es hat mich tief betroffen, aber nicht paralysiert, das schwöre ich Ihnen!" So hat man den üblicherweise bedächtigen Chef von Vattenfall in Deutschland noch nicht erlebt. "Ich stehe mit meinem eigenen Namen dafür, dass das Unternehmen klare Konsequenzen zieht!"Einbau vergessenHatakka sitzt in der Zentrale des Konzerns in der Berliner Chausseestraße, acht Fernsehkameras und Dutzende Journalisten beobachten ihn. Zerknirschung zeigen kann da nicht schaden. Der Konzern muss sich schließlich vielen unangenehmen Fragen stellen. Zum Beispiel, wieso am Sonnabend ein Transformator ausfallen konnte und Krümmel notabgeschaltet werden musste - nur wenige Wochen, nachdem das Kraftwerk nach zweijähriger Zwangspause wieder ans Netz gegangen war. Warum zuerst die Polizei und dann die Aufsichtsbehörde informiert wurde. Und vor allem, warum kein sogenannter Teilentladungsmesser im Transformator installiert wurde, der den Schaden womöglich früh entdeckt hätte.Es gibt zu allem ein paar neue Details. Über das fehlende Messgerät zum Beispiel heißt es, um Kostenersparnis sei es nie gegangen. Nuklearchef Ernst Michael Zülfe, der neben Hatakka auf dem Podium sitzt, sagt, das Gerät koste nur einen vier- bis fünfstelligen Betrag. Aber wie es passieren konnte, das der Sensor nicht eingebaut wurde, obwohl das mit der schleswig-holsteinischen Atomaufsicht abgemacht war, das werde noch untersucht. Der verantwortliche Manager sei ja schon entlassen worden.Neue Einzelheiten gibt es auch über die Auswirkungen auf den Reaktor. Bereits am Sonntag hatte Vattenfall eingeräumt, dass nach der Schnellabschaltung ein Schaden an einem der 80 000 Brennstäbe entdeckt worden sei. Nun heißt es: Möglicherweise sind es auch noch mehr. Als Ursache wird vermutet, dass winzige Teile im Kühlwasser Löcher in die Stäbe geschlagen haben. Schon heute soll deshalb der Druckbehälter geöffnet werden, das Herz des Reaktors. Die hochradioaktiven Brennstäbe werden dann genau untersucht. Zeit genug bleibt: Bis die neuen Generatoren bestellt, gebaut und geliefert sind, werden Monate vergehen. So lange bleibt Krümmel auf jeden Fall abgeschaltet.Die Öffentlichkeit erfährt auch ein wenig mehr über den genauen Ablauf am Sonnabend. Zum Beispiel, dass es neben der Mannschaft, die den Reaktor "in jeder Situation voll bedienen kann", einen Dienstleiter in Bereitschaft gibt. Der war um 12.02 Uhr, als der Transformator ausfiel, daheim. Und brauchte mit dem Auto eine Dreiviertelstunde ins Kraftwerk. Das alles sei ganz "normal", betont Zülfe, denn schließlich erfülle er nur zusätzliche Aufgaben. Eine davon: die Behörden informieren. Die hatten aber schon über die Polizei vom Vorfall erfahren und waren empört.Was diese Vorgänge angeht, ist Vattenfall sehr auskunftsfreudig. Man hat gelernt aus dem Desaster vor zwei Jahren, als die Verschleierungstaktik aus einem nicht besonders gefährlichen Vorfall den PR-Supergau werden ließ.Doch ob das reicht, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen? Stimmen, die die Stilllegung von Krümmel fordern oder den Entzug der Betriebserlaubnis für Vattenfall, werden lauter. In der CDU, ja selbst bei den anderen deutschen Atomkraftwerksbetreibern ist man stinksauer. Vattenfall muss sich schließlich nicht nur daran messen lassen, ob die Panne gefährlich war oder nicht. Sondern auch an der Frage, ob das Unternehmen mit einer potenziell hochgiftigen Anlage nicht überfordert ist, wenn es einfach mal den Einbau von Teilen vergisst und Schäden an einem alten Transformator nicht entdeckt. Für Hatakka ist das kein Thema, er sieht "keinen Grund", Krümmel nicht weiter zu betreiben. "Krümmel ist sicher", sagt er.Vattenfall hat allerdings in seiner Bewährungszeit gesündigt. Vor fast genau zwei Jahren war Lars Göran Josefsson, der Chef des schwedischen Mutterkonzerns Vattenfall AB, nach Berlin gekommen und hatte einen "Neuanfang" versprochen. Der Saal gestern ist derselbe wie damals. Es klingt deshalb unheimlich vertraut, als Tuomo Hatakka sagt: "Jetzt stehen alle Prozesse, technisch und organisatorisch, auf dem Prüfstand." Wie viele Neuanfänge braucht Vattenfall denn noch? "Es wird ein sehr langer Weg sein, den Image-Schaden zu reparieren", sagt Hatakka. Wenn es denn überhaupt gelingt.------------------------------Der selbstbewusste FinneDer Finne Tuomo Hatakka (Foto) ist seit Anfang 2008 Chef von Vattenfall Europe. Er sollte die deutsche Tochter des schwedischen Staatskonzerns nach Pannen in zwei Atommeilern wieder in ruhige Fahrwasser bringen.Anfangs konnte Hatakka (Jahrgang 1956) Erfolge erzielen. Vattenfall Europe gelangen trotz der Kraftwerksausfälle hohe Millionengewinne, Neukunden wurden mit einer Preisoffensive gewonnen. Hatakka, der zunächst schüchtern wirkte, trat immer selbstbewusster auf. Nun muss er zeigen, dass er den Konzern in Krisenzeiten führen kann.------------------------------Foto: Für den Atomausstieg: Umweltaktivisten an der Fassade des Vattenfall-Kundencenters in Hamburg.Foto: Tuomo Hatakka
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