Venus gewinnt in Wimbledon gegen Serena Williams

Im Feuer der schwesterlichen Ballwechsel

Doris Henkel
4 Min

LONDON. Sie sind daran gewöhnt, auf allen Bühnen Stars zu sein: Venus Ebony Starr Williams und die 15 Monate jüngere Schwester Serena Jameka. Aber selbst für die beiden, die schon fast alles gewonnen hatten, was es im Tennis zu gewinnen gibt, war der 5. Juli 2008 kein ganz normaler Tag. Ein paar Stunden, nachdem Venus mit einem imponierenden Auftritt gegen Serena den fünften Wimbledontitel im Einzel gewonnen hatte (7:5, 6:3), kehrten sie auf den Centre Court zurück und schnappten sich durch ein 6:2, 6:2 gegen Lisa Raymond und Samantha Stosur (USA/Australien) mit dem 100. gemeinsamen Sieg den dritten im Doppel.Und nun taucht nach drei Jahren, in denen andere Schlagzeilen schrieben - Justine Henin, Maria Scharapowa oder zuletzt Ana Ivanovic - die Frage auf, ob dieser frische, typisch englische Sommertag womöglich der Anfang einer zweiten großen Ära der ganz und gar ungewöhnlichen Schwestern ist.Als sie 2003 an gleicher Stelle um die berühmte Schale spielten, die sinnigerweise den Namen Venus Rosewater Dish trägt, war es das sechste gemeinsame Grand-Slam-Finale in zweieinhalb Jahren. Damals gab es keine Spielerin, die ihrem Tempo, der Härte und auch der mentalen Stärke gewachsen war. Aber danach brach die Dominanz aus einer Vielzahl von Gründen ab. Der Mord an der älteren Schwester Yetunde im September 2003, Verletzungen und eine Vielzahl anderer Interessen - Serena bezeichnete sich einmal selbst als Crossover Personality - machten die Williams-Schwestern zu unberechenbaren Größen.Fast so hart wie FedererDie Ausschließlichkeit, mit der sich die Belgierin Justine Henin in diesen Job stürzte, hat es bei den berühmtesten Schwestern des Sports nie geben; darauf hat schon Big Daddy Richard geachtet, der immer fand, das sei für die persönliche Entwicklung nicht förderlich. Aber wenn nicht alles täuscht, dann haben die beiden zumindest in diesem Jahr noch einiges vor, zuerst bei den Olympischen Spielen in Peking und danach bei den US Open in New York.Die Qualität des Geschwister-Duells war bemerkenswert, auch die Konsequenz, mit der beide die Punkte erzwangen. Den Anfang beider Sätze dominierte Serena, bei der in dieser Phase fast jeder Schuss ein Treffer war. Doch Venus spielte bei schwierigen Bedingungen in stürmischem Wind konstanter und mit mehr Biss. Sie, die von sich sagt, der wichtigste Job ihres Lebens sei der, große Schwester zu sein, kümmerte sich zwei Stunden lang nur um sich selbst. Und selbst der Wind konnte ihre Kracher nicht verhindern. Zu Beginn des zweiten Satzes schlug sie mit sagenhafen 207,5 km/h auf. Härter schlägt ansonsten nur Roger Federer auf - und der ist bekanntlich ein Mann.Ihr Sieg war die logische Konsequenz eines starken Auftritts. Als der letzte Ball der Schwester neben der Linie landete, schoss es Venus Williams durch den Kopf: Mein Gott, es sind fünf. Fünf Titel, fünf Trophäen beim wichtigsten Turnier der Welt. Nummer vier vor einem Jahr sei unglaublich gewesen, schwärmte sie später, aber fünf seien monumental. Mehr haben in der Zeit des Profitennis nur zwei Spielerinnen gesammelt: Martina Navratilova (9) und Steffi Graf (7). Und auch andere Zahlen trugen zu ihrer freudvollen Stimmung an diesem Tag bei: Es war der zweite Sieg im siebten Grand-Slam-Finale gegen die Schwester nach dem bis dahin einzigen Erfolg bei den US Open 2001.Aber da war dieser erstaunliche Tag ja noch nicht zu Ende. Ein paar Stunden später fielen sich die mächtigen Schwestern nach dem Sieg im Doppel in holder Eintracht schon wieder in die Arme. Wie tausend Mal vorher und bestimmt noch tausend Mal danach. Und noch ein paar Stunden später, mitten in der Nacht, tanzten sie in einer kleinen Bar in Wimbledon Village zusammen auf dem Tisch.

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