MOSKAU, 16. Mai. "Freiheit für Chodorkowski!" forderten am Montag rund dreihundert Demonstranten vor dem Moskauer Meschanski-Bezirksgericht. Zu beiden Seiten der Straße hatten sich die Anhänger Michail Chodorkowskis versammelt, um die Urteilsverkündung im Prozess gegen den ehemaligen Chef des russischen Ölkonzerns Yukos und den mitangeklagten Yukos-Manager Platon Lebedew zu erwarten. Fahnen und Spruchbänder der liberalen russischen Parteien Jabloko und Union Rechter Kräfte wurden geschwenkt. Vereinzelt war der Schlachtruf der ukrainischen Revolution vom Dezember zu hören: "Zusammen sind wir stark, wir lassen uns nicht besiegen!"Die Vorsitzende Richterin Irina Kolesnikowa verlas derweil vier von insgesamt sieben Anklagepunkten. Dass sie Chodorkowski und Lebedew in den Anklagepunkten Betrug und Steuerhinterziehung bereits für schuldig befand, wie einige Nachrichtenagenturen meldeten, bestritt der Anwalt Chodorkowskis, Anton Drel, am Montagnachmittag. Wann die Angeklagten, die die Richterin als "Anführer einer organisierten kriminellen Vereinigung" bezeichnete, mit der Verkündung des Strafmaßes rechnen können, blieb offen. Das Gericht vertagte die Verlesung der letzten drei Anklagepunkte am Nachmittag - ohne Angabe von Gründen - auf den heutigen Dienstag. Die Anwälte Chodorkowskis rechnen allerdings mit einem Schuldspruch."Selektive Rechtsprechung"Die Staatsanwaltschaft hatte die Höchststrafe von zehn Jahren Freiheitsentzug beantragt, die Anwälte plädierten auf Freispruch. Chodorkowski selbst hatte sich während des Prozesses und in seiner Abschlusserklärung als unschuldig bezeichnet und das Verfahren als politisch motivierte Farce tituliert. Die Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude erwarteten ein hartes Urteil. "Chodorkowski wird so lange sitzen, wie Putin im Kreml ist", erklärte eine seiner Anhängerinnen.Chodorkowski, der bis zu seiner Inhaftierung im Oktober 2003 als erfolgreichster Unternehmer und reichster Mann Russlands galt, werden Betrug, Steuerhinterziehung und die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Bei einer Verurteilung muss er damit rechnen, dass sein Vermögen zu Gunsten des Staates beschlagnahmt wird. Der Yukos-Konzern musste nach der Zwangsversteigerung seines wichtigsten Unternehmensteils Yuganskneftegas im Dezember vergangenen Jahres bereits Konkurs anmelden. Yuganskneftegas ging in den Besitz des staatseigenen Unternehmens Rosneft über.Die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die den Prozess als Berichterstatterin des Europarats beobachtete, bezeichnete die am Montag begonnene Urteilsverkündung als "Ratifizierung der Anklageschrift" und bezweifelte die Unabhängigkeit des Gerichts. Bereits zuvor hatte der Europarat das Verfahren gegen Yukos und Chodorkowski als "selektive Rechtsprechung" heftig kritisiert. Die Vorwürfe, die Yukos zur Last gelegt werden datieren aus der Zeit "wilder Privatisierungen" Anfang der 90er-Jahre. Die rechtlich zweifelhaften Mittel, derer sich Yukos bedient habe, seien auch von anderen Unternehmen angewandt worden.Am späteren Montagnachmittag kam es vor dem Moskauer Gerichtsgebäude offenbar zu Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern Chodorkowskis und russischen Sicherheitskräften, die die Versammlung auflösen wollten. Eine Gruppe von rund 50 Demonstranten widersetze sich den Anordnungen der Spezialkräfte des Innenministeriums, Omon, hieß es. Der Vorsitzende der Jugendorganisation der Partei Jabloko, Ilja Jaschin, wurde festgenommen. (mit AFP)------------------------------Diamantenproduzent im VisierDie russische Justiz hat einen weiteren Großkonzern ins Visier genommen: den weltgrößten Diamanten-Produzenten Alrosa. Es werde wegen der Unterschlagung von mehr als 153 Millionen Rubel (4,2 Millionen Euro) ermittelt, so die Moskauer Staatsanwaltschaft.Das Unternehmen, das zu 70 Prozent in staatlicher Hand liegt, kündigte alle nötige Zusammenarbeit an.Der Monopolist stellt gut ein Fünftel der weltweiten Diamantenproduktion.Die Ermittler wollen in den nächsten Wochen und Monaten die gesamten Geschäftsaktivitäten des russischen Konzerns durchleuchten. Alrosa verwies darauf, dass das Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren bereits drei Mal vom russischen Rechnungshof überprüft worden sei.------------------------------Foto: Anhänger Chodorkowskis demonstrierten vor dem Moskauer Gericht. Nur 300 Menschen kamen zur Kundgebung.
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