Verlässlich, aber glanzlos: Reiner Groß schrieb die Geschichte Sachsens

Ohne Blitz und Tigersprung

Andreas Krause
3 Min

Zwei Werke zur Geschichte Sachsens haben im 20. Jahrhundert für Aufsehen gesorgt. Die zweibändige Gesamtdarstellung von Rudolf Kötzschke und Hellmut Kretzschmar aus dem Jahre 1935, und die 1989 von zehn Autoren verfasste und von Carl Czok herausgegebene "Geschichte Sachsens", deren 10 000 Exemplare binnen weniger Wochen vergriffen waren. Mit der einbändigen "Geschichte Sachsens" von Reiner Groß liegt ein neuer Überblick vor, der zur Einführung geeignet ist, dank seines durch Marginalien erschlossenen Textes aber auch gut als Nachschlagewerk genutzt werden kann.Groß, von 1975 bis 1994 Direktor des Sächsischen Hauptstaatsarchivs und seit 1994 Professor für Regionalgeschichte Sachsens in Chemnitz, stellt die politische Geschichte und die der Wettiner in den Mittelpunkt - jener Herrscher, die im Zuge der Belehnung mit der Markgrafschaft Meißen im Jahre 1089 die Geschicke Sachsens 350 Jahre früher zu lenken begannen als die Hohenzollern diejenigen Brandenburg-Preußens. Rund um die familiäre Glaubensspaltung in ernestinische und albertinische Linie im Jahre 1485 erhellt Groß vorzüglich die religionspolitischen Wirren des reformatorischen Zeitalters.Nicht nur in Preußen, auch in Sachsen genießt der Anteil der Dynastie an der historischen Entwicklung neuerdings eine größere Aufmerksamkeit. Anlässlich des Jubiläums der preußischen Rangerhöhung von 1701 wurde wiederholt auf die vergleichbare Erwerbung der polnischen Königskrone 1697 durch August den Starken verwiesen. In der Tat war in beiden Fällen die Rangerhöhung nur durch den Erwerb einer Krone außerhalb der Grenzen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation möglich.Anders als die preußische Königswürde und später die sächsische von Napeleons Gnaden hielt die polnische der albertinischen Wettiner aber nur zwei Generationen: Die Union endete 1763 in der Katastrophe des Siebenjährigen Krieges. Sachsen verlor dauerhaft seinen europäischen Rang. 1836 schrieb der sächsische Historiker Carl Wilhelm Böttiger: "Unter den vier Kronen, welche damals binnen zwanzig Jahren vier deutsche Fürsten erwarben, war die polnische die unruhigste und seelenloseste, die preußische die folgenreichste. " Der Aufstieg Preußens kam Sachsen teuer zu stehen; die Bismarck sche Reichseinigung haben Sachsens Diplomaten mit einem Sammelexodus nach Österreich beantwortet.Die komprimierte, chronologische und zugleich detailreiche Darstellung (Leipzig, Januar 1660: Erste gedruckte Tageszeitung!) bewältigt ein großes Programm, aber die Kette der Namen, Zahlen und Ereignisse läuft dem Leser recht glatt durch die Finger. Eine blitzende, tigersprunghafte oder auch nur ordnende These kommt nicht in den Blick.Da wären etwa die regelmäßig in der sächsischen Geschichte, im Dreißigjährigen Krieg oder während der napoleonischen Kriege wiederkehrenden Phasen machtpolitischer Wankelmütigkeit dem Hause Habsburg, Frankreich oder Brandenburg-Preußen gegenüber: War die Rolle des unsicheren Kantonisten dem Verlust des machtpolitischen Gewichts auf der europäischen Bühne geschuldet, den Groß im späten 18. Jahrhundert ansetzt - oder könnte es sich auch umgekehrt verhalten haben?Das Scheitern an Bismarcks Reichspolitik bezeichnet Groß als "eine der schmerzlichsten Niederlagen" Sachsens im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts - und lobt die Neubegründung des Freistaats am 3. Oktober 1990 auf der Albrechtsburg Meißen als Besinnung auf die weniger ehrgeizige, bis ins Mittelalter zurückreichende föderalistische Tradition des Landes.Reiner Groß: Geschichte Sachsens. Edition Leipzig, Berlin 2001, 320 S. , farbige Tafelteile und zahlreiche s/w-Abb. , geb. mit Fadenheftung, 68 Mark

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