Landpartie

Verliebt in Tangermünde: Was die kleine Stadt im Osten so unwiderstehlich macht

Mit seiner imposanten Backsteingotik, einer idyllischen Umgebung und tollen Gastgebern überrascht Tangermünde seine Besucher. Was ist dran? Wir sind hingefahren.

Michael Juhran
5 Min
Geht

Geht's hübscher? Nein! Die Altstadt von Tangermünde ist ein Juwel.

© CHROMORANGE / Karl-Heinz Spremberg

Karl IV. plante, Tangermünde zu einer bedeutenden Residenzstadt auszubauen. Die landschaftliche Schönheit und die strategische Bedeutung der kleinen Hansestadt überzeugten den deutschen Kaiser und böhmischen König bei seinem ersten Besuch in Tangermünde im Jahr 1373 so nachhaltig, dass er umgehend den Ausbau zu einer Residenzstadt anordnete.

Bereits beim Kaiser beliebt

Aus kaiserlicher Sicht war es der ideale Ort, um den Handel mit den reichen Hansestädten an der Ostsee zu entfalten und die Schiffswege auf der Elbe zu sichern. Schnell gingen seine Pläne auf. Die Burganlage und die seit 1368 der Hanse angehörige Stadt erblühten mit prächtigen Bauten, und der Handel mit Getreide, Holz und Tuchen brachte Wohlstand.

Der mittelalterliche Charme einer großartigen Backsteinarchitektur nimmt noch heute die Besucher Tangermündes gefangen. Wenn die kolossale Stadtmauer mit ihren monumentalen Toren und Türmen im Schein der Abendsonne erleuchtet wird und bei deren Untergang ein warmes Rot ausstrahlt, kann man sich der viel zitierten Magie des Anblicks kaum entziehen.

Wahrlich verblüfft steht man auch vor dem mit bauhandwerklicher Finesse errichteten Rathaus samt seinem kunstvollen Prachtgiebel oder vor der für die Kleinstadt völlig überdimensionierten Kirche St. Stephan mit ihrem 87 Meter hohen Nordturm. Zwischen den Kunstschätzen der Backsteinarchitektur stehen liebevoll renovierte Fachwerkhäuser mit oft reichlich verzierten Haustüren und Pforten, die nach einem Stadtbrand im Jahr 1617 das architektonische Ensemble Tangermündes ergänzten. Märchenhaft wäre hier wohl die richtige Beschreibungsfloskel.

Mittelalteratmosphäre, wohin das Auge reicht: In Tangermünde scheint mancherorts die Zeit stehengeblieben zu sein.

Mittelalteratmosphäre, wohin das Auge reicht: In Tangermünde scheint mancherorts die Zeit stehengeblieben zu sein.

© Andreas Lander

Kreative Tangermünder wie Tiemo Schönwald machen sich das besondere Mittelalterflair der Stadt zunutze. Ein paar Minuten entfernt vom prächtigen Neustädter Tor lädt die Zecherei Nikolai in einem kirchlichen Ambiente zu mittelalterlichen Festgelagen mit deftigen Speisen ein, begleitet von – natürlich – frivolen Geschichten, Gedichten und Spielen.

Sackpfeife, Laute und Trommel spielen zum Tanz auf, die Mittelalteratmosphäre – so wünscht sich der moderne Mensch das wohl, was nicht heißen soll, dass sie hier nicht wirklich gelungen in Szene gesetzt wird. Und überhaupt: „Die Tangermünder feiern gern“, erfährt man von Gästeführerin Regine Schönberg. Monatlich treten Live-Bands im Elbgarten oder im Gewölbekeller auf.

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Während Rock, Blues, Pop und Soul für allgemeingefällige Atmosphäre sorgen, nimmt sich die angeschlossene Alte Brauerei mit Bravour der durstigen Kehlen an. Töpfer-, Kürbis- und Weihnachtsmärkte sowie ein stattliches mittelalterliches Burgfest mit Gauklern und kaiserlichem Gefolge fördern ein geselliges Miteinander der 11.000 Einwohner und ihrer Gäste. Sportlich geht es beim Elbdeichmarathon (leider erst kommendes Jahr wieder, dann im April) zu.

Hinzu kommt ein Fest im Gedenken an die wohl unschuldige Grete Minde, die man für den Stadtbrand verantwortlich machte, 1619 trotz unbewiesener Indizien verurteilte und auf dem Scheiterhaufen hinrichtete. Bekannt wurde ihre Geschichte auch durch Theodor Fontane, der sie in seiner Novelle „Grete Minde“ literarisch verarbeitet hat.

Jeder kennt jeden

„Eigentlich sind wir ganz froh, keine Hauptstadt geworden zu sein“, sinniert Regine Schönberg. „Hier kennt jeder jeden, man hilft sich und hat ein Naturparadies vor den Toren der Stadt.“

Läuft man durch das Zentrum, fällt diese enge Verbundenheit schnell auf. Wirklich jeder grüßt oder nimmt sich sogar Zeit für einen kurzen Plausch. Auch darauf sind die Tangermünder berechtigterweise stolz und haben sich nach dem zweiten Platz in einer Umfrage des Portals hotel.de nach der „l(i)ebenswertesten Klein- und Mittelstadt Deutschlands“ eine eigene Hymne gegeben, die von den Komponisten der Band Nobody Knows bezeichnenderweise den Titel „Nummer zwei“ erhielt.

Das historische Rathaus verblüfft mit bauhandwerklicher Finesse und seinem kunstvollen Prachtgiebel.

Das historische Rathaus verblüfft mit bauhandwerklicher Finesse und seinem kunstvollen Prachtgiebel.

© Michael Handelmann

Auch das traditionelle „Kuhschwanzbier“ ist seit dem Mittelalter wohl ein Zeichen des Zusammenhalts. Der Legende nach mussten die Bürger der Stadt damals ihr Brauwasser aus dem Fluss Tanger holen, den auch die Kühe gern zum Baden nutzten. Dennoch war das Gerstengebräu zu dieser Zeit meist reiner als Wasser und kam täglich auf den Tisch.

Als Kurfürst Johann Cicero im Jahr 1488 mit einer Biersteuer seine Finanzen sanieren wollte, begehrten die Altmärker auf. Mit einer übermächtigen Streitmacht unterwarf der Kurfürst die Aufständischen im „Bierkrieg“, nahm den Hansestädten der Altmark ihre Privilegien und wählte Berlin endgültig als Regierungssitz.

Heute verbinden findige Tangermünder die reiche Historie ihrer wirklich liebenswerten Stadt mit frischen, kreativen Ideen. So wird im ehemaligen Tanzsaal „Karl IV.“ auf der Burg zuweilen noch immer getanzt, aber man folgt mit Krimidinnern und Magierauftritten auch anderen Trends, um das Publikum auf die Burg zu bewegen.

Und neben dem über 800 Jahre alten Kapitelturm auf der Burg können Gäste des Schlosshotels in der Kaisertherme mit Saunen und Schwimmbecken relaxen, die geschickt in das mittelalterliche Ambiente eingepasst wurden. Auch das Kuhschwanzbier erfreut sich in den Gaststuben nahe der Kirche St. Stephan wenig überraschend noch immer großer Beliebtheit. Hier hat es allerdings mit der Feuerzangenbowle à la Heinz Rühmann eine Konkurrenz erhalten.


Informationen: Tourismusbüro Tangermünde, Inh. Regine Schönberg, Tel. 039322 22393, www.tangermuende.de

Unterkunft: Schlafstuben, www.exempel.de, Tel. 039322 7354000. Angeschlossen sind auch die mittelalterliche Zecherei St. Nikolai mit Speis und Trank, wie es zu seiner Zeit gang und gäbe war, sowie die Gaststuben, eine alte Schule, in der man gemütlich speisen und bei einem Bierchen die Schulbank drücken kann.

Schlosshotel mit Kaisertherme inkl. Saunen und Schwimmbecken, www.schloss-tangermuende.de, Tel. 039322 737451

Sehenswert: www.youtube.com/watch?v=Wwu6IF1Lw3s

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