Verlorenes Wasser

Renate Rauch
4 Min

Er ist außerordentlich beflissen, einen guten Eindruck zu machen. Mir tut das Leid mit der falschen Verdächtigung, sagt er. Ich war eineinhalb Jahre in Thailand. Ich bin verheiratet mit einer Thailänderin. Ich habe Arbeit als Lkw-Fahrer, in dieser Woche fange ich an. Es klingt wie: alles wird gut.Götz S. ist eigentlich Musiker, Trompeter, manchmal spielt er noch. Ins Gesicht des 58-Jährigen ist eine bewegte Vergangenheit eingezeichnet, hager und doch verquollen offenbart es, dass nicht alles glatt gelaufen ist. Die erwähnte Frau und die Arbeit erweisen sich als nicht ganz so konkret wie dargestellt. Die Thai-Frau ist noch in Bangkok, und auf die Frage, wann sie denn nach Berlin komme, sagt der Trompeter: Sobald ich das Flugticket zusammenhabe. Auch die Arbeit als Lkw-Fahrer, bei der er 1 100 Euro verdienen will, ist nicht so greifbar nahe, wie er glaubt. Der Chef wolle dieser Tage anrufen, sagt er, und es hört sich an, als ob der Termin schon verstrichen ist. Das Versprechen als Vertröstung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Die Frau in Bangkok wird vielleicht noch lange warten müssen, aber einen Eindruck hat der gute Wille des Trompeters auf das Gericht schon gemacht. Er will sein Leben ordnen, gut so.Im März war er im Gefängnis Plötzensee, er hatte eine Geldstrafe nicht bezahlen können, die saß er ab. Am Flughafen, bei der Einreise, war er festgenommen worden, mit Haftbefehl gesucht. Zwei Wochen lebte er auf freiem Fuß. Zum Verhandlungstermin erschien er pünktlich und freiwillig, das hält die Richterin der lobenden Erwähnung wert.Im Gegensatz zum Trompeter ist der Mann, der falsch verdächtigt wurde, zum ersten Mal im Gericht. Ein äußerst korrekt gekleideter Mensch von 47 Jahren. Seinen Beruf gibt er als Versicherungsvertreter an, selbstständig. In gebührendem Abstand zum Trompeter hatte er sich vor der Verhandlung im Gang aufgestellt. Der Trompeter saß in die äußerste Ecke der Wartebank gedrückt, als wollte er sich unsichtbar machen. Ich bin als Zeuge geladen, ich war noch nie vor Gericht, sagt der falsch Verdächtigte und lächelt schief wegen des Makels. Der Trompeter hatte ihn als Zuhälter denunziert. Der Trompeter fuhr einen Lkw und der Zeuge arbeitete damals bei einer Baufirma. Die beiden Männer kannten sich nicht. Der Trompeter brachte eine Ladung Material, und der andere stieg zu ihm in den Lkw, um ihm den Umweg zur Baustelle zu zeigen. Sie kamen ins Gespräch - über Frauen. Der eine hatte eine Vietnamesin. Sagt der andere, Mensch, ich hab auch eine Vietnamesin. Auf einmal war es dieselbe. Frau Bu aus dem Asylbewerberheim Verlorenes Wasser. Da kannte ich meine Frau aus Thailand noch nicht, sagt der Trompeter. Die Vietnamesin hatte er durch eine Anzeige in der Zeitung kennen gelernt. Die war einmal bei mir, in meiner Wohnung, sagt er. Die wollte mich heiraten. Dann war sie verschwunden. Dann traf ich den Herrn auf der Baustelle, da stellte sich heraus, dass der die kennt. Dass sie seine Freundin sein soll.Waren Sie eifersüchtig, dachten Sie, der spannt die Ihnen aus? fragt die Richterin.Ich hab gar nicht durchgesehen, was die Frau Bu da macht, sagt der Trompeter. Er bildete sich aber ein, der andere sei ein Zuhälter, habe Frau Bu zur Prostitution gezwungen. Er ging zur Polizei und zeigte ihn an. Sehen Sie sich den an, sieht der aus wie ein Zuhälter? Das ist doch ein sehr netter Mensch, sagt die Richterin.Ja, wo ich den Mann auf dem Lkw kennen gelernt habe, da war das dann auch unwahrscheinlich, sagt der Trompeter. Aber Sie haben ihn doch erst danach angezeigt .Da kannte ich meine Frau noch nicht, sagt der Trompeter ausweichend. Ich bin ja jetzt verheiratet mit einer Thailänderin, erklärt er dem Zeugen.Und Sie sind die Dame auch los? fragt die Richterin. Der Zeuge nickt. Ich möchte mich auch entschuldigen, sagt der Trompeter mit gesenktem Kopf. Und ich übernehme - große Geste - die Gerichtskosten.Er will sich bei Ihnen entschuldigen, sagt die Richterin.Der Versicherungsvertreter nimmt an. Der Trompeter muss 200 Euro Strafe zahlen. Was bei der Verlesung seines Vorstrafenregisters zum Vorschein kommt, ist sehr unschön. Sexueller Missbrauch eines Kindes, Nötigung. Lange Haftstrafe. Aber sein Leben kommt ja jetzt in die Bahn. Er ist ordentlich verheiratet. Er trägt die Tatsache dieser Hochzeit vor sich her wie einen Schutzschild. Er erwähnt sie immer wieder. Vielleicht einmal zu oft. Vielleicht ist die thailändische Frau nur eine Schimäre.

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