So richtig fassen kann es Inna Vollstädt noch nicht. Eben ist ein Fax gekommen, und die freundliche ältere Dame, Leiterin des Wachsfiguren-Kabinetts am Checkpoint Charlie, ist schwer getroffen. Denn ihr Vermieter, eine Immobilientochter der Württembergischen Hypobank, wirft sie raus aus dem vierten Stock im Eckhaus an der Friedrichstraße 45. In dem Schreiben heißt es: "Vor dem Hintergrund des nun bekannten Ausmaßes Ihrer Nutzung fordern wie Sie auf, die Ausstellung unverzüglich zu beenden." Man wünsche "keinen Publikumsverkehr" mehr. Inna Vollstädt setzt sich an ihren kleinen Kassiertisch im Flur, direkt neben eine täuschend echte Dostojewski-Figur. "Das war meine Existenz", sagt sie. "Wie soll ich jetzt Geld verdienen?"Genau einen Fehler hat die 63-Jährige gemacht. Einen Fehler, den man in dieser Tragweite womöglich nur in Berlin machen kann. Unter ihren 70 Wachsfiguren, allesamt entliehen aus dem renommierten Stroganow-Museum in Sankt Petersburg, ist auch ein wächserner Adolf Hitler - mit dem sie ebenso als Attraktion warb wie mit Napoleon, Franz Josef Strauß oder Erich Honecker. Seit der Eröffnung des Panoptikums im Januar stand der deutsche Diktator und Massenmord-Verantwortliche im gläsernen Erker über dem Checkpoint, vereint in einem Ensemble mit seinen alliierten Kriegsgegnern Stalin, Roosevelt und Churchill.Sonderlich gut besucht war die Ausstellung von Anfang an nicht, sagt Inna Vollstädt; an schlechten Tagen fanden nicht einmal zwei Dutzend Besucher den Weg hier hoch. Aber in der vergangenen Woche gab es plötzlich Aufregung um die Hitler-Figur. Am Dienstag schrieb die in Tel Aviv erscheinende zweitgrößte israelische Tageszeitung Maariv kritisch über die Wachspuppe ("Hitler wax doll displayed at Berlin museum"), es folgten Berichte Berliner Medien, die eifrig Bedenken von Kommunalpolitikern wie dem Vize-Bezirksbürgermeister Lorenz Postler (SPD) und dem Innenpolitik-Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus, Frank Henkel, zitierten. Inzwischen wollen auch Fernsehsender wie Sat1, RTL, BBC und CNN Interviews. Zuerst versuchte sich Inna Vollstädt, geboren in Sankt Petersburg und Vorsitzende des Russischen Künstlerverbands "Art el", noch zu verteidigen, doch dann kam die Kündigung. Zwar sagte am Freitag ein Sprecher der Württembergischen Hypobank in Stuttgart, die Kündigung habe mit dem Streit um die Wachs-Schau nichts zu tun - man hätte eben gern wieder eine Büronutzung. Er räumte aber zugleich ein, dass seine Firma mit dem Hitler-Thema "ungern in der Presse erscheinen" wolle.Inna Vollstädt ist nicht die Einzige, die die Aufregung nicht versteht. Auch Historikern und Holocaust-Forschern geht es so. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismus-Forschung an der TU Berlin, sagte der Berliner Zeitung, ein Wachsfiguren-Kabinett sei nun mal kein Geschichtsmuseum. "Das fällt eher in die Abteilung Volksbelustigung." Man dürfe eine solche Ausstellung nicht so ernst nehmen. "So etwas bedient ein eher schlichtes Unterhaltungsbedürfnis." Auch der Direktor des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums für Europäisch-Jüdische Studien, Julius H. Schoeps, fühlt sich eher belustigt denn belästigt von der Vorstellung, ein Wachs-Hitler stehe am Checkpoint Charlie. Sich darüber erregen, sei "Hokuspokus", sagte er: "Das muss man niedriger hängen." Die Berliner Jüdische Gemeinde, die angeblich schon eine "Abordnung" in die Friedrichstraße geschickt hatte, dementierte dies am Freitag, wollte sich aber ansonsten nicht äußern. Nur der Faschismus-Forscher Wolfgang Wippermann von der Freien Universität nannte die Puppe eine Geschmacklosigkeit, die auch gefährlich werden könne. "Hitler wird langsam zur Ikone für alles - wie ein Stück Alltagskultur."Inna Vollstädt hat den Ex-Diktator jetzt erstmal weggeräumt. Und zwar in eines der hinteren Zimmer - er steht nun gegenüber von Charlie Chaplin.Türsteher fürs Horror-Kabinett // Berlin: In Berlin haben Wachsfigurenkabinette eine lange Tradition. Eines der berühmtesten, gegründet 1873 von Louis Castan, war in der Kaiserpassage an der Friedrichstraße Ecke Behrenstraße zu sehen. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, heute steht dort das Hotel Westin Grand. Das 1972 gegründete Panoptikum im alten Kudamm-Eck musste 1997 schließen. Pläne zur Neueröffnung scheiterten bislang. London: Das berühmteste Wachsfigurenkabinett ist das von Madame Tussaud in London, zu besichtigen seit 1835. Wie viele Häuser zeigt auch Tussaud s ganz selbstverständlich eine Hitler-Figur - direkt am Eingang zum Chamber of Horrors, dem Horrorkabinett. Auch in der Amsterdam-Filiale von Tussaud s steht eine Hitler-Puppe.Hamburg: Das Hamburger Panoptikum nahe der Reeperbahn feiert in diesem Jahr sein 125. Jubiläum. In einer Gruppe stehen dort Hitler, Göring, Goebbels, Rommel, Eva Braun, Mussolini und Franco zusammen. Die Hitler-Puppe wurde bereits 1941 modelliert - durfte aber erst nach dem Krieg gezeigt werden.Foto: Keine Angst vorm braunen Mann: Mitarbeiterin Irina Rychkova richtet Hitler den Kragen.
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