Verzicht auf Beratung kann teuer werden

Sebastian Wolff
5 Min

Der freundliche Herr auf dem Bildschirm wirkt vertrauenserweckend: "Guten Tag, sagen Sie mir doch erst einmal Ihren Namen, damit ich weiß, mit wem ich es zu tun habe". Die nette Begrüßung wird jedem zuteil, sobald er das Computerprogramm Wiso Sparbuch 2001 an seinem PC startet. Mit "sehr gut" bewertet die Stiftung Warentest diesen virtuellen Steuerberater - als einziges von acht getesteten Produkten. Vielleicht nicht zuletzt auch wegen des freundlichen Herrn, der als Wegweiser durch das gesamte Programm führt. So überrascht kaum, dass das Wiso-Produkt der Renner unter den Steuerprogrammen ist. Und die erleben seit einiger Zeit vor allem zu Jahresbeginn einen gewaltigen Boom. Denn bis zum 31. Mai müssen Lohn- und Gehaltsempfänger mit dem Finanzamt abrechnen, nur wer professionelle Hilfe hinzu zieht, darf sich länger Zeit lassen. Bequeme HandhabungDoch genau diese Hilfe wollen sich immer mehr Deutsche angesichts der hohen Zwangsabgaben, die Vater Staat ohnehin von ihnen abfordert, sparen: Während ein Steuerberater aus Fleisch und Blut je nach der Komplexität des Falles und der Zahl der Einkunftsarten von ein paar hundert Mark bis weit über 1 000 Mark jährlich zu Buche schlägt, gibt es die Computerprogramme, die ebenfalls eine sichere Navigation durch den Steuerdschungel versprechen, schon für deutlich weniger als 100 Mark. Zu den teuersten Angeboten zählt da mit knapp 80 Mark schon das Wiso-Produkt, doch wer das für jedes Steuerjahr neu erscheinende Update abonniert, zahlt dafür dann jeweils nur noch rund 55 Mark.Die zum Ausfüllen der Steuererklärung notwendigen Formulare können sich die Steuerzahler seit wenigen Tagen sogar auch kostenlos aus dem Internet herunterladen: Das Bundesfinanzministerium hat das dafür notwendige Programm ins Netz gestellt.Entscheidender Vorteil gegenüber der herkömmlichen Steuererklärung: Das lästige Eintragen der Angaben per Hand entfällt. Der Antrag nebst sämtlichen Zusatzformularen (für Arbeitslohn, Kapitalerträge oder Kinderfreibeträge) wird bequem am Bildschirm ausgefüllt. Der Steuerpflichtige reicht die Steuererklärung unterschrieben zusammen mit seinen Belegen beim Finanzamt ein. Das elektronische Steuererklärungsverfahren läuft unter dem Stichwort "Elster". Und der Andrang auf Elster ist rasant: 200 000 Formulare wurden bereits abgerufen. Bis Ende des Jahres soll es sogar möglich sein, die Erklärung mit einer elektronischen Unterschrift zu versehen und sie per E-Mail zu versenden.Doch ob die zweifellos bequeme Online-Steuererklärung - ob mit Hilfe von Steuerberatungsprogrammen oder ohne - auch wirklich dabei hilft, Steuern zu sparen, bezweifeln Experten: "Bei dem komplizierten deutschen Steuerrecht, ist ein Steuerberater meist unumgänglich", urteilt Hans-Joachim Vanscheidt, Leiter der Abteilung Steuerpolitik und Steuerrecht beim Bund der Steuerzahler. Zwar könnten die Programme in einfachen Fällen eine Hilfestellung liefern, doch sobald komplexere Fragen wie die Folgen einer Ehescheidung oder die Anrechnung eines Kinderfreibetrages auftauchten, seien die Programme in der Praxis meist überfordert. Hinzu komme ein weiteres, noch gravierenderes Problem: "Wer vorher schon Schwierigkeiten hatte, das Formular auszufüllen, wird diese Probleme auch am PC haben", warnt Vanscheidt. "Wir hätten uns im gleichen Atemzug auch eine wesentliche Vereinfachung gewünscht." Und auch an eine schnellere Bearbeitung der Online-Erklärung glaubt der Steuerzahler-Bund nicht - schon weil das ausgefüllte Formular am Schluss doch per Post verschickt werden müsse. Vanscheidts ernüchterndes Fazit: "Wir betrachten die elektronische Steuererklärung im Wesentlichen als Augenwischerei."Kein Wunder, dass sich Steuerberater und Lohnsteuerhilfevereine diesem Urteil anschließen. Schließlich müssen sie befürchten, dass ihnen durch die Welle der im Selbstverfahren am PC durchgeführten Steuererklärungen ein immer dickerer Batzen ihres Geschäfts wegbricht. "Die Computerprogramme können nur bestehende Sachverhalte berücksichtigen", argumentiert Axel Pestke, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Steuerberaterverbandes in Bonn. "Nur der Steuerberater ist dagegen in der Lage, konkrete Empfehlungen schon im Vorfeld auszusprechen." So könne ein Berater beispielsweise individuell abschätzen, ob und wann es sich für seinen Mandanten lohne, aus steuerlichen Gründen eine Immobilie zu erwerben. Das sei den Software-Programmen naturgemäß nicht möglich. In einfachen Fällen leisteten sie aber durchaus gute Dienste: "Hier nehmen sie den Beratern einen Teil des Geschäfts weg", räumt Pestke ein.Alternative Lohnsteuervereine Doch es gibt noch eine andere kostengünstige Alternative: Die Lohnsteuerhilfevereine. Seit Juli letzten Jahres dürfen sie auch Arbeitnehmer beraten, die Einnahmen aus Kapitalvermögen, Vermietung und Verpachtung oder aus privaten Veräußerungsgeschäften erzielt haben - sofern diese nicht höher als 18 000 Mark bei Ledigen und 36 000 Mark bei Verheirateten liegen. Die Jahresbeiträge liegen je nach Einkommen zwischen 80 Mark und 400 Mark - und damit weit unter den Summen, welche die Steuerberater für ihre Dienste in Rechnung stellen.Harald Hafer, Vorstandsmitglied im Bundesverband der Lohnsteuerhilfevereine rät jedem Steuerpflichtigen denn auch dringend, zumindest ihren Steuerbescheid einer dieser Beratungsstellen vorzulegen, "um das ganze nochmal abzuchecken". Computerprogramme wie das Wiso Sparbuch seien sehr gefährlich, weil trügerisch, meint Hafer. Der Grund: "Weil sie alles so genau erklärt und aufgelistet bekommen, meinen viele Anwender, sie könnten nichts mehr falsch machen." Ein winziger Fehler könne da schon tausende von Mark kosten. Das Steuer-Formular im Internet:www.elster.deBequem Steuerzahlen // PC-Steuerprogramme werden immer beliebter. Die Angebote kosten weniger als 100 Mark und helfen beim Ausfüllen der Steuererklärung.Experten glauben aber nicht, dass die Programme einen professionellen Steuerberater ersetzen können.

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