Vorsorge und Erste Hilfe, Radikalkur und Chemotherapie - wer Michael Hupfer von seiner Arbeit reden hört, könnte ihn für einen Arzt halten. Seine "Patienten" sind Seen. Am Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin beschäftigt sich der Forscher mit der Frage, wie man die Nährstoffbelastung dieser Gewässer in den Griff bekommen kann. "Meine Arbeit ist durchaus mit der von Humanmedizinern vergleichbar", sagt Hupfer. Denn auch erfolgreiche Gewässertherapeuten müssen zunächst eine ausführliche Diagnose stellen und dann aus einer Fülle möglicher Behandlungen die richtige auswählen.Genau da liegt offenbar der Knackpunkt. Denn es gibt zwar inzwischen mehr als fünfzig technische Verfahren zur Seentherapie. Doch selbst Fachleute sind sich oft nicht sicher, von welchen Voraussetzungen die Wirkung der verschiedenen Methoden abhängt. Entsprechend dürftig fallen die bisherigen Behandlungserfolge aus, kritisierten Experten kürzlich auf einem Workshop in Blossin bei Berlin. Hupfers Kollege Peter Kasprzak zum Beispiel hat deutschlandweit einige Dutzend Projekte geprüft. Bei drei Viertel davon hat sich seinen Angaben nach die Wasserqualität nur sehr kurzfristig oder gar nicht verbessert. Die Forscher am IGB wollen die magere Erfolgsquote steigern. In einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt entwickeln sie eine Art Führer durch den Dschungel der Behandlungsmethoden. "Ende des Jahres soll der Leitfaden vorliegen", sagt IGB-Direktor Christian Steinberg. Mit dieser Entscheidungshilfe werden Therapeuten das für den speziellen See aussichtsreichste Verfahren auswählen können. Der Leitfaden berücksichtigt chemische und biologische Faktoren, aber auch die Eigenschaften der Umgebung des Sees, die Größe der Zu- und Abflüsse sowie den Umfang der Belastung. Meist ähneln sich die Symptome bei überdüngten Seen. Deren erhöhte Nährstoff-Fracht macht sich im späten Frühjahr und Sommer bemerkbar, wenn Algen und Cyanobakterien massenhaft zu wuchern beginnen. Als dichte, unappetitliche Matten schwimmen sie im Wasser und verderben schon durch ihren bloßen Anblick den Badespaß. Manche Cyanobakterien produzieren Gifte, welche die Leber, das Nervensystem oder die Haut von Mensch und Tier angreifen. Diese Toxine können Durchfall, Erbrechen, Lähmungen oder langfristig Krebs hervorrufen und sogar zum Tod führen. Die Lebensgemeinschaft im Gewässer leidet aber noch aus ganz anderen Gründen unter der Massenentwicklung von Algen und Cyanobakterien. Denn irgendwann sterben die kleinen Organismen ab und sinken auf den Grund, wo ein Heer von Bakterien den "Biomüll" zersetzt. Diese See-interne Abfallbeseitigung aber verbraucht jede Menge Sauerstoff. Im Extremfall sterben dann Fische und andere Organismen an Sauerstoffmangel.Wenn tote Fische an der Oberfläche treiben, greifen die Seetherapeuten meist zu einer ihrer "Erste-Hilfe-Maßnahmen". Sie pumpen zum Beispiel Luft oder Sauerstoff in die Tiefe des Sees. "Diese künstliche Belüftung kann zwar kurzfristig die Symptome lindern, beseitigt aber nicht die Ursachen des Problems", sagt Hupfer. Die nämlich liegen im Einzugsgebiet des Gewässers, von dort gelangen zu viele Nährstoffe in den See. Kläranlagen und phosphatfreie Waschmittel haben die Belastung durch Abwässer zwar deutlich reduziert. Nach wie vor aber werden von den Äckern massenweise düngende Phosphorverbindungen in die Gewässer geschwemmt. Zahlreiche Studien dokumentieren die Folgen: In Brandenburg etwa sind vierzig Prozent der Seen stark überdüngt.Selbst wenn es gelingt, die gesamte Zufuhr zu stoppen, nimmt die Belastung nur langsam ab. Denn es dauert manchmal Jahre, bis die Zu- und Abflüsse eines Sees das gesamte Wasser ausgetauscht haben. Außerdem kann es in manchen Gewässern zu einer "internen" Düngung kommen: Die Sedimente speichern im Laufe der Jahre Nährstoffe, die sie bei Sauerstoffmangel wieder freisetzen. Um das zu verhindern, liegt es nahe, die Sedimente aus dem See zu entfernen. Dies ist allerdings sehr teuer. Und so richtig überzeugt haben die Ergebnisse bisher nicht. Am Müllroser See in Brandenburg etwa wurden rund fünfzehn Millionen Euro investiert; der Nutzen ist unter Experten umstritten. Andere Therapieansätze funktionieren besser - allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Michael Hupfer: "Diese Einschränkungen aber werden in der Praxis zu wenig berücksichtigt." Eine künstliche Belüftung etwa kann nicht nur als Sofort-Hilfe wirken. Dauerhaft eingesetzt verhindert sie, dass das Sediment die gespeicherten Phosphorverbindungen freisetzt. Voraussetzung dafür sind allerdings die richtigen chemischen Bedingungen im Sediment - genug Eisen und nicht zu viel Sulfat. Bei anderen Methoden müssen die Sanierer dagegen darauf achten, dass ausreichend viel Wasser in den See fließt. "Das ist zum Beispiel wichtig, wenn man nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe ableiten will", sagt Hupfer. Schließlich soll die Kur nicht dazu führen, dass der Seespiegel fällt. Manche Therapien schlagen auch nur an, wenn der Nährstoffzustrom nicht zu hoch ist. Ein Beispiel ist die gezielte Veränderung der Nahrungskette - Experten sprechen heute lieber vom "Nahrungsnetz". Bei dieser "Biomanipulation" setzt man Raubfische wie Hecht oder Zander in den See. Diese dezimieren kleinere Fischarten wie Plötze oder Brasse, die sich vor allem von winzigen Tieren (Zooplankton) ernähren. Wasserflöhe und andere Zooplanktonarten vermehren sich daraufhin stark und weiden größere Bestände der störenden Algen ab. Die Biomanipulation funktioniert aber nur, wenn die Phosphorbelastung eine kritische Schwelle nicht übersteigt. Als Grenzwerte haben die IGB-Experten 0,6 bis 2 Gramm Phosphor pro Quadratmeter Seefläche und Jahr ermittelt. Hat man die Zufuhr auf solche Werte reduziert, setzt man die Raubfische aus. Alle diese Therapieansätze sind wissenschaftlich geprüft. "Dass sie so oft scheitern, liegt nicht daran, dass die Methode selbst schlecht ist", sagt Hupfer. Die Entscheidung für ein Verfahren werde oft mehr aus dem Bauch heraus getroffen. Voruntersuchungen des Einzugsgebietes und der Chemie und Biologie des Sees seien aber kein Luxus, betont der Experte: "Dadurch könnte man viel Geld für teure Fehlentscheidungen sparen." Bei einigen Verfahren allerdings dürfte auch die beste Voruntersuchung nichts nützen. Hupfer kann über die Versprechen mancher Anbieter nur den Kopf schütteln, die organische Schlämme mit "hochfrequenten elektromagnetischen Feldern" oder "transmateriellen Katalysatoren" abbauen wollen. Bei Fragen nach naturwissenschaftlichen Grundlagen solcher Verfahren verweisen solche Anbieter gern auf Patentverfahren oder Betriebsgeheimnisse. Hupfer: "Unter den vielen seriösen Gewässertherapeuten tummeln sich leider auch einige Scharlatane."Belüftung: Über Schläuche wird Luft in tiefe Schichten des Sees geblasen. Das Verfahren erhöht den Sauerstoffgehalt dort. Es funktioniert als "Erste Hilfe", weil es die Lebewesen im See vor dem Ersticken bewahrt. Es eignet sich aber auch zur längerfristigen Therapie, da es die Freisetzung von Schadstoffen aus dem Seeboden verhindert.Künstliche Kalzitfällung: Bei dieser Therapie greifen die Sanierer in das chemische Gleichgewicht des Sees ein und leiten so genannte Kalkmilch ins Wasser. Dies führt dazu, dass Phosphate und winzige Algen auf den Boden sinken und dort im Sediment abgelagert werden.Algenfilter: Die Firma "Umweltschutz Nord" in Ganderkesee bei Bremen hat das "Algasan-Verfahren" entwickelt. Dabei wird das Wasser in einen Bioreaktor geleitet und mithilfe von Sonnenlicht gereinigt. Nach der Filterung gelangt das saubere Wasser zurück in den See.Biomanipulation: Das Gefüge von Fressen und Gefressenwerden kann verändert werden, indem man gezielt Raubfische einsetzt. Diese dezimieren kleinere Fische, wodurch sich Algen vertilgende Lebewesen vermehren. Diese befreien das Gewässer dann von den Algen.Sediment-Austausch: Bei diesem sehr aufwändigen Verfahren wird der See trockengelegt und Sediment entfernt, das mit Giften oder Nährstoffen belastet ist. Danach kommt frisches Wasser in das Becken. Experten zweifeln jedoch an der Wirksamkeit der teuren Therapie.BERLINER ZEITUNG/DANIEL BRAUN
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