Viele US-Zeitungen waren nach Obama-Wahl ausverkauft

200 Dollar für eine New York Times

Holger Schmale
3 Min

WASHINGTON. Man kann von einem Tagessieg sprechen: Einmal noch haben die krisengeschüttelten amerikanischen Zeitungen das Internet geschlagen. Am Tag nach der Präsidentenwahl war der Run auf gedruckte Nachrichten so groß, dass die Zeitungen in vielen Städten der USA schlicht ausverkauft waren. Leere Verkaufskästen säumten die Straßen schon früh morgens, in den Großstädten stritten sich Menschen an den Kiosken um die letzten verfügbaren Ausgaben, auf den Flughäfen fanden sich nur noch leergekaufte Regale in den Presseshops. Es gab zwei Gründe für diese Nachfrage: Viele Amerikaner wollten auf dem Weg zur Arbeit die große Story über die historische Präsidentenwahl und die Ergebnisse der verschiedenen sonstigen Abstimmungen im Überblick und im Detail nachlesen. Da gibt es auch heute noch keine richtige Alternative zur guten alten Zeitung.Das zweite war eher ein Sammler-Motiv: Viele wollten sich eine oder auch gleich ein Dutzend Ausgaben der Zeitung mit der historischen Schlagzeile "Obama wird Präsident" sichern. Kaum etwas ist so flüchtig wie eine Website im Internet. Eine gedruckte Zeitung lässt sich hingegen wunderbar aufbewahren und noch den Enkeln zeigen. Einige Zeitungen widmeten ihre gesamte Titelseite einem einzigen Foto von Obama. Der San Francisco Chronicle setzte in riesigen Lettern den Namen des Wahlsiegers darüber und ein Zitat aus seiner Rede in Chicago: "Change has come to America". Die Zeitung USA Today titelte: "America makes history". In manchen Städten warteten die Menschen am Mittwoch in langen Schlangen vor den Verlagshäusern, um sich doch noch eine Ausgabe der Washington Post, der New York Times oder der Chicago Tribune zu sichern.Vor dem Haus der Washington Post standen zeitweise 400 Menschen nach Zeitungen an. Die Verlag reagierte schnell. Zusätzlich zur ohnehin geplanten Aufstockung der Nach-Wahl-Ausgabe wurden eine weitere Viertelmillion Exemplare nachgedruckt. Die New York Times hatte ihre Auflagenzahl ebenfalls von vornherein um 35 Prozent erhöht und entschied sich zum Nachdruck weiterer 75 000 Zeitungen. Auch in Chicago, der Heimatstadt Barack Obamas, waren die 690 000 planmäßigen Exemplare der Tribune so schnell ausverkauft, dass der Verlag 120 000 Stück nachdrucken wollte. Die Zeitung Plain Dealer in Cleveland nutzte die Gunst der Stunde und offerierte besonders hochwertige Ausdrucke der ersten Seite zum Preis von 54,95 Dollar. Unter der Schlagzeile "Change Has Come" bedeckt eine Nahaufnahme von Obama drei Viertel der Zeitungsseite. Auf Ebay wurden bis zu 200 Dollar für ein Exemplar der New York Times geboten. "Das zeigt, dass die Zeitung einen einzigartigen Wert hat", sagte der Geschäftsführer der Washington Post, Steve Hills. "Es ist die Möglichkeit, ein Stück Geschichte in der Hand zu halten. Alle sagen, dass das Internet die gedruckte Zeitung ersetzen wird - aber eine Webseite auf der Festplatte zu speichern, ist nicht dasselbe, wie das Papier auf den Küchentisch zu legen."Dieser eine sensationelle Tag wird den Trend der sinkenden Auflagen, der Entlassungen und Einschränkungen bei vielen Zeitungen in den USA aber nicht aufhalten. Und er zeigt sogar die Schwäche der Verlagsmanager: Sie hätten die große Nachfrage nach ihrem Produkt am Tag nach einer historischen Wahlnacht erkennen und besser vorbereitet sein können.------------------------------Foto: Auch in Seattle waren die Zeitungen schnell ausverkauft.

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