Landtagswahl

MV eine Woche nach der Wahl: „Vielleicht wird was besser, vielleicht wird es auch scheiße“

Mecklenburg-Vorpommern hat gewählt und das Ergebnis verunsichert viele Menschen. Unsere Reporter haben sich eine Woche nach der Abstimmung im Land umgehört.

Am Bahnhof in Schwerin geht das Leben wie überall in Mecklenburg-Vorpommern nach der Landtagswahl weiter.

Am Bahnhof in Schwerin geht das Leben wie überall in Mecklenburg-Vorpommern nach der Landtagswahl weiter.

© Ronja Ackermann/Ostdeutsche Allgemeine

Ein aufregendes Wochenende liegt hinter den Menschen in Mecklenburg-Vorpommern: Die Bürger wählten ein neues Landesparlament. In Schwerin tummelten sich am 20. September 2026 Scharen von Journalisten aus dem In- und Ausland. Sie bekamen ihr Spektakel, denn tatsächlich scheiterte die CDU erstmals in einem Bundesland an der Fünf-Prozent-Hürde. Die AfD wurde zum ersten Mal im Nordosten stärkste Kraft, wenn auch nur knapp vor der SPD. Die es mit Ministerpräsidentin Manuela Schwesig an der Spitze innerhalb eines Jahres geschafft hat, 19 Prozentpunkte aufzuholen.

Am Dienstag sagt Angela Merkel bei einer Ausstellungseröffnung im Berliner Kanzleramt, Rot habe sie für ihr Porträt ausgespart – „das lasse ich der ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlerin übrig“.

In Schwerin sind am Dienstag die Journalisten wieder weg, die vergoldeten Dächer der Türmchen auf dem Schweriner Schloss funkeln im Sonnenlicht, Busse und Straßenbahnen rollen wie gewohnt. Auf dem Land brummen wie auch vor der Wahl die Rasenmäher, die Kraniche sammeln sich trompetend für ihren Zug nach Süden und die reifen Äpfel leuchten rot am Baum.

In Rostock nutzen viele Menschen diesen wunderschönen sonnendurchfluteten kalendarischen letzten Sommertag, um noch mal draußen einen Kaffee zu trinken oder ein Fischbrötchen zu essen. Wahrscheinlich wird in MV niemand mehr in ein Fischbrötchen beißen können, ohne an die verunglückte Wahlkampagne der CDU zu denken. Dem einen oder anderen mag es dann im Halse stecken bleiben – das haben die Wahlkämpfer zumindest geschafft.

Auch AfD-Fans mögen Fischbrötchen

Zwei Männer sitzen vor einer Fischbude am Rostocker Stadthafen  und unterhalten sich angeregt über die politische Lage im Land. Vor ihnen stehen Bier, Kaffee und ein Aschenbecher. Beide haben AfD gewählt. Warum? „Ganz logisch“, sagt einer von ihnen. „Hier ist doch alles im Arsch. Ich habe eine Firma, kann den ganzen Mist wie Benzin und Personal nicht mehr bezahlen. Die Steuern werden hochgeknallt. Das ganze Essen wird teurer.“

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Die Fischbrötchenbude am Rostocker Stadthafen

Die Fischbrötchenbude am Rostocker Stadthafen

© Ronja Ackermann/Ostdeutsche Allgemeine

Dabei macht er keinen Hehl daraus, dass er auch von der AfD nicht restlos überzeugt ist. „Da sind genauso Idioten dabei“, sagt er. „Aber die müssen mal eine Chance kriegen. Vielleicht wird was besser, vielleicht wird es auch scheiße.“ Für ihn sei entscheidend, dass sich überhaupt etwas ändere. „Die letzten 15 Jahre ging es doch nur bergab.“ Dass die CDU aus dem Landtag geflogen ist, findet er deshalb folgerichtig. „Die hat ihren Schlag gekriegt. Das war richtig so.“

Dass die AfD trotz ihres ersten Platzes voraussichtlich nicht mitregieren wird, ärgert beide. „Blockieren, blockieren, blockieren“, sagen sie über die anderen Parteien. „Das ist das Sinnbild einer Politik, die sich nur mit Abgrenzung beschäftigt anstatt mit den Problemen der Leute.“

Immer wieder kommen die beiden darauf zurück, wie ungerecht sie es finden, dass sie so hart arbeiten und andere Menschen in Deutschland hingegen anscheinend mühelos Sozialleistungen beziehen. „Ich zahle, ich zahle. Wir zahlen ohne Ende“, sagt der Selbstständige. „Und die machen sich ein Lotterleben mit ihrem Bürgergeld.“ Wenn das so weitergehe, könne er seine Firma auch schließen. Auf die Frage, was er dann machen wolle, antwortet er: „Bürgergeld und Schwarzarbeit. So wie der Staat das anscheinend möchte.“

Wahlbefragerin wird wegen ihrer Hautfarbe angefeindet

Einen Kilometer entfernt sitzt vor einem Café am Doberaner Platz Enno Virgens mit seiner Freundin Nadine Sakr. Der 25-Jährige kommt ursprünglich aus Schwerin, lebt mittlerweile aber in Rostock. Das Ergebnis der Landtagswahl habe ihn nicht überrascht, sagt er. „Es ist natürlich trotzdem kein schönes Ergebnis für mich, aber es war abzusehen, dass das in der Richtung ausgeht.“ Er selbst habe Die Linke gewählt.

„Ich hatte das Gefühl, dass sehr viele aus meinem Umfeld taktisch gewählt haben“, sagt Virgens. Auch er habe kurz überlegt, statt der Linken die SPD zu wählen. „Ich hatte dann aber einfach spontan nicht mehr das Gefühl, dass es jetzt noch groß nötig ist. Ich dachte, die SPD wird schon genug Stimmen kriegen.“ Bereuen will er seine Entscheidung trotzdem nicht. „Mit meiner Wahl bin ich eigentlich zufrieden.“

Nadine Sakr und Enno Virgens trinken am Doberaner Platz in Rostock einen Kaffee in der Sonne.

Nadine Sakr und Enno Virgens trinken am Doberaner Platz in Rostock einen Kaffee in der Sonne.

© Ronja Ackermann/Ostdeutsche Allgemeine

Von der nächsten Landesregierung erwartet er vor allem, dass sie wieder stärker auf die Menschen hört. „Gerade SPD und Grüne müssen wirklich begreifen, dass man mal ein bisschen mehr Politik für die Leute machen muss“, sagt er. „Und darauf hören muss, was die Leute wirklich beschäftigt und wie es denen geht.“

Seine Freundin Nadine Sakr hat den Wahltag aus einer anderen Perspektive erlebt. Die 24-Jährige studiert Medizin und hat am Sonntag für die Wahlprognose des ZDF Menschen vor einem Wahllokal befragt. Dabei sei sie auch angefeindet worden.

Wahlparty der SPD in der Orangerie des Schweriner Schlosses am 20. September um 18.30 Uhr mit Manuela Schwesig auf der Bühne, der die Genossen für ihren erfolgreichen Wahlkampf danken.

Wahlparty der SPD in der Orangerie des Schweriner Schlosses am 20. September um 18.30 Uhr mit Manuela Schwesig auf der Bühne, der die Genossen für ihren erfolgreichen Wahlkampf danken.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Weil sie nach einem festen Rhythmus nur jede dritte Person ansprechen durfte, beschwerte sich ein Mann darüber, nicht gefragt worden zu sein. „Dann meinte er zu mir: Genau deswegen wähle ich die AfD.“ Als Sakr nachfragte, bezog er sich offenbar auf ihr Aussehen: „Wegen Leuten wie Ihnen.“

Dass die AfD nun stärkste Kraft im Land ist, lasse sie nicht kalt. „Mir ist schon bewusst, dass ich nicht immer in diesem Bundesland bleiben werde“, sagt sie. Nach ihrem Medizinstudium wird sie Mecklenburg-Vorpommern vermutlich erst einmal verlassen.

Zufrieden mit Manuela Schwesig

Ein paar Meter weiter steigt ein 68-Jähriger, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, aus der Straßenbahn. Früher war er Lokführer. Auch ihn überrascht das Wahlergebnis nicht: „Die Politik, die in Deutschland gemacht wird, ist nicht mehr gut“, sagt er. Welche Partei er selbst gewählt hat, möchte er nicht verraten: „Deshalb bin ich nicht rechts oder sonst was.“

Die sogenannte Brandmauer gegen die AfD hält er dennoch für falsch. „Alle sollten miteinander reden.“ Dann werde man schon sehen, „dass sie mit der AfD nicht einig werden“. Eine AfD-geführte Regierung wünsche er sich allerdings nicht. Dass es dazu vermutlich nicht komme, sei „auch gut so“. Mit Manuela Schwesig ist er dagegen durchaus zufrieden. „Die Menschen in MV mögen sie. Das ist einfach so. Sie hat auch eine Ausstrahlung.“

Ballettdirektor wünscht sich Respekt der Vielfalt

Währenddessen wird im Theaterzelt am Küchengarten unweit des Schweriner Schlosses heftig an dem ersten Stück unter der Regie der neuen Schauspieldirektorin Joanna Lewicka geprobt. Es ist die antike Tragödie „Thyestes“ von Seneca, in der es um Machtgier, menschliche Abgründe, Rache und die Willkür der Herrschenden geht. An der spartenübergreifenden Produktion mit 35 Personen auf der Bühne sind nicht nur das Schauspiel, sondern auch Ballett und Staatskapelle beteiligt.

Das Stück hat am 25. September Premiere und eröffnet die neue Spielzeit des Mecklenburgischen Staatstheaters. Sie trägt das Motto „Was auf dem Spiel steht“, das sich ausdrücklich auch auf die Landtagswahl bezieht.

Der Ballettdirektor und Chefchoreograf des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin, Jonathan dos Santos, bei einer Probe.

Der Ballettdirektor und Chefchoreograf des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin, Jonathan dos Santos, bei einer Probe.

© Silke Winkler

Zwei Tage danach sagt Ballettdirektor Jonathan dos Santos: „Vielfalt ist keine Bedrohung, Vielfalt ist unsere Stärke – ohne Vielfalt würde unsere Compagnie in dieser Form nicht existieren. Unsere Tänzerinnen und Tänzer kommen aus Spanien, Italien, Frankreich, Portugal, Bulgarien, Rumänien, Südkorea, Brasilien, Paraguay, Ägypten, Tschechien, Japan und Deutschland. Sie verdienen es, für ihr Talent und ihre Persönlichkeit gesehen zu werden, und nicht nach ihrer Hautfarbe, ihrer Nationalität, ihrem Akzent oder ihrer Herkunft beurteilt zu werden. Diese Künstlerinnen und Künstler geben Schwerin so viel. Am Ende geht es nicht nur darum, woher jemand kommt, es geht darum, in welcher Gesellschaft wir miteinander leben wollen.“

Hans-Georg Wegner: „Kunst braucht Freiheit“

Generalintendant Hans-Georg Wegner setzt hinzu: „Ich wünsche mir, dass das Mecklenburgische Staatstheater auch in Zukunft ein Ort ist, an dem die Freude am Leben gefeiert werden kann, an dem Wertschätzung und Freiheit die Bühne für unsere Kunst sein kann.“ Im Theater würden Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen dieser Welt zusammenarbeiten.

Generalintendant und Geschäftsführer Hans-Georg Wegner fährt auf dem Fahrrad über den Platz vor dem Schweriner Staatstheater  zur Ausweichspielstätte im Theaterzelt im Küchengarten.

Generalintendant und Geschäftsführer Hans-Georg Wegner fährt auf dem Fahrrad über den Platz vor dem Schweriner Staatstheater  zur Ausweichspielstätte im Theaterzelt im Küchengarten.

© Silke Winkler

„Egal, woher wir kommen, wen wir lieben oder was wir glauben: Kultur lebt von der gegenseitigen Beeinflussung unterschiedlicher Perspektiven. Dadurch entsteht etwas Neues, mit dem wir uns als Gesellschaft identifizieren können. Damit unser Theater Kunst machen kann, braucht es Freiheit – und nicht Vorgaben durch eine Partei, was gefördert und was gespielt werden darf. Wir laden unser Publikum ein, aufeinander zuzugehen, Erlebnisse zu teilen, miteinander zu sprechen. Dafür ist unser Theater ein wunderbarer Ort!“

Sorge, dass Unzufriedenheit zu neuer Unfreiheit führt

Katharina Mahnke, Dramaturgin der Fritz-Reuter-Bühne, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiert, ergänzt: „Die Fritz-Reuter-Bühne blickt auf 100 Jahre plattdeutsche Theatertradition zurück, in denen faschistische Systeme und Diktaturen überwunden wurden. Mit Sorge beobachten wir die Wahlergebnisse in unserem Bundesland und hoffen, dass die gegenwärtige politische Unzufriedenheit uns nicht in eine erneute Unfreiheit führt.“

Katharina Mahnke, Dramaturgin der Fritz-Reuter-Bühne, die ausschließlich auf Plattdeutsch spielt.

Katharina Mahnke, Dramaturgin der Fritz-Reuter-Bühne, die ausschließlich auf Plattdeutsch spielt.

© Silke Winkler

Damit niederdeutsche Sprache und Tradition lebendig bleiben könnten, müssten Kunst und Kultur uneingeschränkt arbeiten dürfen. „Intoleranz erstickt Austausch. Wir wünschen uns, dass unser Ensemble auch künftig von queerfeindlichen oder diskriminierenden Anfeindungen verschont bleibt. Wir freuen uns auf respektvolle Begegnungen bei unseren Gastspielen in ganz MV.“

Das Schweriner Schloss ist der Sitz des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern.

Das Schweriner Schloss ist der Sitz des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Am Mittwoch, dem ersten Herbsttag, ist das Wetter nicht mehr ganz so schön, die Sonne lässt sich am Vormittag nur noch wenig blicken. Sandra Jürgens ist gerade auf dem Weg in die Innenstadt von Schwerin und läuft an der Kongresshalle vorbei. Die Angestellte und zweifache Mutter aus Grabow weiß noch nicht so recht, wie sie die Landtagswahl einordnen soll. Ein AfD-Fan ist sie jedenfalls nicht. Sie denkt kurz nach, geht ein Stück zur Seite, um einen älteren Mann auf dem Fußweg vorbeizulassen.

„Der Ausgang der Wahl lässt mich mit einem diffusen Gefühl zurück“, gibt die 37-Jährige zu. Sie habe das Ergebnis zwar ungefähr so erwartet und bis zuletzt gehofft, dass die Bemühungen für die Demokratie Wirkung zeigen. „Ich hoffe nun sehr, dass sich die demokratischen Parteien auf einen guten gemeinsamen Weg einigen. Trotzdem habe ich Angst vor der neuen Konstellation und ihren möglichen Auswirkungen. Mecklenburg-Vorpommern hat so viele tolle Menschen, Ideen und Initiativen, die sich für die Gemeinschaft und ein gutes Miteinander einsetzen. Das darf nicht verloren gehen!“

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