Vilnius als Europäische Kulturhauptstadt - von den hochfliegenden Plänen wurde kaum etwas verwirklicht. Schuld ist nicht nur die Finanzkrise

Eine verpasste Gelegenheit

Matthias Kolb
7 Min

VILNIUS. Der Gründungsmythos der Stadt Vilnius zeugt nicht von Bescheidenheit. Als sich Großfürst Gediminas nach einer Jagd schlafen legte, träumte er von einem riesigen Wolf mit einem eisernen Panzer. Das Raubtier reckte den Kopf zum Mond und heulte so laut, dass der Herrscher erwachte. Er befragte seinen Oberpriester, der ihn anwies, an dieser Stelle eine Stadt zu bauen. Ihr Ruf werde so dröhnend sein wie das Heulen des Wolfes.Heute, etwa siebenhundert Jahre später, ist es mit dem dröhnenden Ruf von Vilnius nicht mehr weit her. Ursprünglich wollte Litauen im Jahr 2009 Europa sehr beeindrucken. Das Land blickt auf tausend Jahre seiner Geschichte zurück, und die Metropole Vilnius trägt in diesem Jubiläumsjahr den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt. Anlass genug, alles auf Hochglanz zu polieren. Doch es kam anders. Die Finanzkrise traf Litauen hart, und so reduzierte der Staat im Winter das Budget von Vilnius 2009 um fast die Hälfte. Nach außen drangen nur schlechte Nachrichten. Die Direktorin der Kulturhauptstadt trat zurück, die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Korruption, und seit die Fluglinie FlyLAL pleite ist, ist keine Hauptstadt Europas schwerer zu erreichen als Vilnius.Der Mann, der Vilnius 2009 nun abwickelt, heißt Rolandas Kvietkauskas. Er freut sich, dass sein Budget von elf Millionen Euro seit April nicht mehr gekürzt wurde - und ergänzt: "not yet" - noch nicht. Elf Millionen Euro, das ist ein Betrag, den die andere Kulturhauptstadt dieses Jahres, das österreichische Linz, nur für das Personal ausgibt. Kvietkauskas kämpft mit den Folgen von Schlamperei und Größenwahn. Anstatt einen Intendanten zu berufen, stritten Stadt und Kulturministerium um glamouröse Projekte. Das Alltagsgeschäft - Verträge aushandeln, Werbekampagne entwickeln - blieb liegen.Stattdessen fantasierte Bürgermeister Arturas Zuokas lieber von der Drehscheibe der Kulturen, die Vilnius sein würde. Vielleicht saß der Millionär in seinem gläsernen Wolkenkratzer doch etwas zu hoch über der Stadt. Er wurde bald abgewählt. Ursprünglich wollte Zuokas eine Guggenheim-Filiale nach Vilnius holen und mit der Eremitage kooperieren. Die Elite des Landes fühlte sich berauscht.Im Jahr 2007, als der Architekturwettbewerb ausgerufen wurde, wuchs die Wirtschaft um neun Prozent. Nunmehr, zwei Jahre später, erwartet man ein Minus von fünfzehn Prozent, und der Siegerentwurf der britischen Architektin Zaha Hadid verstaubt. Die Regierung hat jetzt andere Sorgen und kürzt sogar die Renten, um nicht wie Lettland beim Internationalen Währungsfonds betteln zu müssen.Kritiker raten den Besuchern, einfach das offizielle Programm zu ignorieren und allein durch die verwinkelten Gassen der Altstadt zu flanieren und ihren Weg durch die Höfe, Kirchen und Museen zu suchen. "Hier kündet jeder Stein von Geschichte, man kann ihr nicht entkommen", schrieb der polnische Nobelpreisträger Czeslaw Milosz, der in Vilnius aufwuchs.Es bleibt schleierhaft, weshalb die Geschichte der Kulturhauptstadt nicht anhand von Gebäuden wie der Universität oder dem Präsidentenpalast erzählt wird. Hier residierten 1812 nacheinander der Zar und Napoleon, später die russischen Militärgouverneure, und heute regiert dort mit Präsidentin Dalia Grybauskaite erstmals eine Frau. Es ist eine der vielen verpassten Gelegenheiten, für Vilnius zu werben. Noch bedenklicher muss es dem Besucher erscheinen, dass nicht versucht wurde, die Gesellschaft zu öffnen und für jene Toleranz zu werben, für die Vilnius einst berühmt gewesen ist.Neben Triest oder Czernowitz gibt es nur wenige Städte, in denen Kulturen und Religionen lange so friedlich nebeneinander existierten. Die Großfürsten regierten von hier aus ein Reich, das im 16. Jahrhundert von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte. 1569 wurde der Staatenbund Polen-Litauen gegründet, und Vilno blieb Regierungssitz. In Italien geborene Prinzessinnen heirateten in die einheimischen Fürstengeschlechter ein. Nachgereiste Italiener waren es dann auch, die die barocken Bauten schufen, von denen die Silhouette der Stadt bis heute geprägt wird. 1795 übernahm Russland die Kontrolle über Vilnius, bis im Ersten Weltkrieg die Deutschen kamen. 1918 wurde Litauen wieder unabhängig, doch Vilnius gehörte ab 1922 zu Polen. Die größte Minderheit indes sprach weder Polnisch noch Litauisch, sondern Jiddisch."Für Juden in aller Welt ist Vilné bis heute ein Begriff. "Vilné war jahrhundertelang ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit", sagt Dovid Katz. Er wurde in Brooklyn geboren, lehrte in Oxford und ist nun Professor für jiddische Sprachen an der Universität Vilnius. Der Gaon von Vilnius gilt als größter Talmud-Gelehrter des 18. Jahrhunderts. "Und das moderne Hebräisch wurde hier entwickelt", sagt Katz. Soeben hat er den letzten Teilnehmer seines Lesekreises verabschiedet. Keiner ist jünger als achtzig, die jüdische Gemeinde umfasst nur noch etwa 4 000 Mitglieder. 1941 lebten noch etwa 80 000 Juden in der Stadt.Nirgends hatten Juden eine geringere Überlebenschance. Nahezu alle der 240 000 Juden wurden von den Nazis und deren lokalen Helfershelfern ermordet. Für die Suche nach dem Jeruscholajim de Lite, dem litauischen Jerusalem, ist detektivisches Geschick nötig. Das Ghettomuseum, untergebracht in einem grünen Holzhaus, ist von der Pamenkalno-Straße nicht zu sehen, denn bis heute fehlt ein Hinweisschild. Ein Gedenkdiener aus Österreich führt die Besucher. Sie sind seine Klientel. Nur jeder siebte Gast des Museums kommt aus Litauen.Der junge Staat tut sich schwer mit diesem Erbe. "Litauer sind gut darin, über Minderheiten zu sprechen, wenn diese tot sind oder sich nicht zu Wort melden können", sagt Laimonas Briedis bitter. Er lehrt in Vancouver und hat ein anregendes Porträt über seine Heimatstadt geschrieben. In "City of Strangers", Stadt der Fremden, skizziert er, wie Fremde Vilnius beschrieben haben. Er zitiert neben Fjodor Dostojewski und Alfred Döblin auch mittelalterliche Chroniken und den Naturforscher und Dichter Georg Forster. Briedis sagt: "Die Litauer verstehen nicht, welche Rolle Vilnius für die Identität der Juden oder der Polen spielt." Dabei pilgern unzählige Polen zur Schwarzen Madonna oder folgen den Spuren ihres Nationaldichters Adam Mickiewicz, dessen Versepos "Pan Tadeusz" mit den Worten beginnt: "Litauen, du meine Heimat, du bist wie die Gesundheit. Nur wer diese verloren hat, weiß das Verlorene zu schätzen."Statt diese historischen Linien zu verfolgen, versuche man, die Stadt als rein litauisch darzustellen, etwa indem man den Palast der Großfürsten wieder aufbaute, um an vergangene Größe zu erinnern. Briedis sieht darin eine große Unsicherheit der Litauer: "Vilnius konnte nur litauisch werden, indem die vorherigen Bewohner entweder ermordet oder wie die Polen ins Exil getrieben wurden." Dies passe nicht zum Selbstbild der Opfernation, die unter Kriegen und stalinistischen Deportationen gelitten habe.Das fehlende Verständnis für die lebendige jüdische Tradition der Region, mit all ihren Verwerfungen, zeigt sich auch im Programm der Kulturhauptstadt 2009. Ende August findet ein Klezmerfestival statt, zudem wird eine Symphonie in Erinnerung an die Holocaust-Opfer uraufgeführt. Dovid Katz, ein rundlicher Mann mit Rauschebart, ärgert sich über diese Events, wie er es nennt, die das Problem des Antisemitismus übertünchen sollen. Er zieht Kopien aus seiner schwarzen Ledertasche: "Überall die alten Klischees!" Auf der Titelseite einer Zeitung ist der Kopf des Gemeindepräsidenten neben einem Rechenschieber zu sehen. Litauen verhandelt gerade über Entschädigungszahlungen für enteignete Juden. Die in Litauen oft gedruckte These, Juden regierten noch immer die Welt, wird von Gerichten lediglich als Meinungsäußerung gewertet. Die meisten Politiker und Intellektuellen, sagt Katz, bleiben ob solcher Diffamierungen stumm.So ist Litauen in der heutigen Zeit, fünf Jahre nach Aufnahme in die Europäische Union, immer noch ein Land voller Widersprüche.Der Dichter Tomas Venclova, der 1977 die Sowjetunion verlassen musste und nun in Yale lehrt, liest seine Heimatstadt Vilnius wie ein Palimpsest, also eine alte Handschrift, von der immer wieder eine Schicht abgetragen worden ist, um sie durch eine neue zu ersetzen.------------------------------"Hier kündet jeder Stein von Geschichte, man kann ihr nicht entkommen." Czeslaw Milosz, Nobelpreisträger"Litauer sind gut darin, über Minderheiten zu sprechen, wenn diese tot sind. " Laimonas Briedis, GeografieprofessorFoto: Die barocke Innenstadt von Vilnius wurde nach der Unabhängigkeit des Landes aufwendig restauriert.

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