Virtuelle Realität

Depressionen behandeln, Straftäter resozialisieren

Doch die Technologie kann auch zur Manipulation von Menschen missbraucht werden.

Eva Wolfangel
8 Min
In der Virtuellen Realität wird Empathie neu erfunden.

In der Virtuellen Realität wird Empathie neu erfunden.

© picture alliance / dpa

Er empfindet die junge Frau als Bedrohung und richtet seine Waffe auf sie, doch etwas hindert ihn daran abzudrücken. In diesem Moment hält sie ihre Pistole an die eigene Stirn – und drückt ab. Zitternd lässt Sean Buckley seine Waffe sinken und schreit auf: „Das ist nicht fair!“ Erst jetzt wird ihm wieder bewusst, dass er eine Computerbrille trägt, die ihn in eine dreidimensionale künstliche Realität versetzt hat. Seine Pistole ist nicht echt, die tote Frau auch nicht. „Aber es fühlt sich so real an“, beschreibt Sean Buckley sein Erlebnis im Nachhinein, „ich bin durchgedreht.“ Der Redakteur des amerikanischen Technologieblogs Engadget ist vermutlich nicht zartbesaitet. Denn er schreibt regelmäßig über Computerspiele und ist es gewohnt, dort in der Rolle eines Killers zu sein. Aber die Selbsttötung hat ihn mitgenommen.

Die sogenannte Virtuelle Realität (VR), englisch Virtual Reality, macht Erfahrungen sehr viel authentischer, als sich die meisten vorstellen können. Und sie ist im Kommen – in den nächsten Jahren erwarten Experten den Durchbruch im Massenmarkt. Die neue Technologie verändert nicht nur Computerspiele, sondern auch das echte Leben.

Sexuelstraftäter im Körper kleinerer Frauen

Das erfuhren beispielsweise verurteilte Straftäter in Barcelona, die auf freiwilliger Basis an einem Experiment zur Resozialisierung teilnahmen. Die Männer, die wegen Gewalt gegen Frauen verurteilt worden waren, wurden mittels Virtual Reality in Körper deutlich kleinerer Frauen versetzt. Dann trat ihnen in einer Art Computerspiel ein großer, furchteinflößender Mann entgegen, der sie anschrie und ihnen drohte. Das sei eine sehr reale Erfahrung gewesen, schilderten die Probanden später den Versuchsleitern des EU-Forschungsprojekts Vere. Sie konnten sich wortwörtlich in andere hineinversetzen und spürten, was sie ihren Opfern angetan hatten. Inwiefern durch virtuelle Realität tatsächlich eine nachhaltige Resozialisierung möglich ist, kann damit noch nicht beurteilt werden. Die Studie ist nicht abgeschlossen.

Die Virtual Reality lässt Menschen in anderen Welten heimisch werden, gerade so, als wären sie jemand anderes. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich. Die spanischen Männer beispielsweise können eventuell erfolgreich resozialisiert werden. Gleichzeitig macht dieses Experiment deutlich, dass die neue Technologie Menschen manipulieren kann. Und sogar mehr als das – wenn die Erlebnisse in der VR so real sind, kann das Traumata auslösen oder gar zur Folter genutzt werden.

Andere Welten erleben - nur mit Hilfe einer speziellen Brille: Virtuelle Realität macht

Andere Welten erleben - nur mit Hilfe einer speziellen Brille: Virtuelle Realität macht's möglich. Auch die Porno-Industrie verspricht sich viel von der neuen Technologie.

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So machen manche Gamer derzeit Erfahrungen, die der Gesellschaft besser erspart bleiben sollten. In einer Demo für ein Sony-Headset konnte der Spieler die Pistole gar an die eigene Schläfe setzen und abdrücken. Doch erste Tester litten offenbar derart unter Stress nach ihrer virtuellen Selbsttötung, dass das Unternehmen das Feature schnell wieder entfernte. „Dieses Medium ist sehr mächtig, deshalb müssen wir vorsichtig mit dem sein, was wir anbieten“, sagte Sony-Chef Shuhei Yoshida.

Das sieht auch der Philosoph Michael Madary so. Er forscht momentan an der Universität Mainz über die ethischen Implikationen immersiver Technologien. Immersiv ist eine Ableitung des englischen Begriffs Immersion, der sich mit Eintauchen oder Vertiefen übersetzen lässt. In Bezug auf die VR heißt das: Der Nutzer ist gänzlich in einer anderen Welt. Madary berichtet von einem Spiel, bei dem er auf einem Seil zwischen den Zwillingstürmen in New York balanciert ist: „Ich hatte große Angst, es war gruselig. Das ist ein seltsames Gefühl. Du weißt zwar, ich stehe hier eigentlich im Labor, aber dein Körper sagt dir, du bist in Gefahr.“ Madary zeigte auch körperliche Reaktionen – sein Puls stieg, er begann zu schwitzen.

Viel Raum für Manipulation

Solche Erfahrungen stimmen ihn auch besorgt: „Wir wissen aus der Sozialpsychologie, dass die Umwelt einen starken Einfluss auf unser Verhalten hat. In der Virtuellen Realität kontrolliert jemand anderes unsere Umwelt. Das lässt viel Raum für Manipulation.“ Besonders bedenklich findet er, dass dieser Effekt anhält, wenn Nutzer die Virtuelle Realität wieder verlassen. Das kann einerseits für positive Anwendungen genutzt werden. So haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahren immer wieder das Potenzial der Technologie für das echte Leben gezeigt. Sie versetzten beispielsweise Menschen mit rassistischen Vorurteilen in die Körper von Farbigen, wodurch deren Ressentiments abnahmen. In einem Experiment wurden Menschen als Superman inkarniert. Dadurch waren sie freigiebiger und in Verhandlungen frecher. Aber es kann andererseits auch ins Negative kippen. Menschen, deren eigene virtuelle Darstellung größer war, agierten aggressiver als Besitzer eines kleineren sogenannten Avatars. Und wer in eine gealterte Version seines eigenen Körpers versetzt wurde, legte auf einmal mehr Geld für die Rente an. Er veränderte seine Handlungen im realen Leben.

Auch das US-Militär forscht derzeit an der neuen Technologie, sagt Madary – und das findet er bedenklich: „Wenn die Technologie dazu benutzt werden kann, Empathie zu steigern, kann sie auch dazu benutzt werden, sie zu verringern.“ Im Militärbereich kann das gefährlich werden. Um die Gesellschaft vor den negativen Anwendungen zu schützen, hat Madary gemeinsam mit dem Philosophen Thomas Metzinger kürzlich den ersten Ethikkodex für die Virtuelle Realität verfasst, der im Fachmagazin Frontiers in Robotics and Artificial Intelligence erschienen ist. Schließlich gibt es viele Fragen zu klären: Wenn Menschen in einem anderen Körper freigiebiger sind – ist ihr Geld dann real auch weg? Darf man Menschen beispielsweise mittels Werbung manipulieren, wenn sie sich gerade in einem Körper aufhalten, der sie empfänglicher dafür macht? Die Forscher empfehlen, die Nutzung von Avataren zu regulieren.

Virtuelle Realität zur Bekämpfung von Angststörungen

Darüber hinaus sollten Nutzer aufgeklärt werden, dass ein Aufenthalt in der Virtuellen Realität anhaltende soziale Halluzinationen auslösen kann und dass das Risiko, angesichts von Gewaltdarstellungen Traumata zu erleiden, mit der neuen Technologie wächst. Grenzen der realen Welt sollten auch Grenzen in der virtuellen bleiben, fordern die Forscher. Schließlich werden Nutzer die VR auch als Möglichkeit sehen, Grenzen straflos zu überschreiten.

Die Forscher verweisen darauf, dass sie keinerlei Problem darin sehen, wenn Straftäter freiwillig an Experimenten teilnehmen, die sie in die Opferrolle versetzten. „Aber es ist vorhersehbar, dass Regierungen ähnliche Techniken zwangsweise anwenden werden“, warnen sie. Und nicht zuletzt haben sie auch Forderungen an ihre Kollegen: Wissenschaftler sollten ihre Probanden wahrheitsgemäß darüber aufklären, dass sie nicht wissen können, welche Auswirkungen Experimente haben. Sollte man solche Experimente überhaupt durchführen, selbst, wenn den Probanden keine Unversehrtheit garantiert werden kann? Man könne nicht ganz darauf verzichten, so Madary, schließlich nutzt es der Menschheit zu erfahren, wie die Virtuelle Realität wirkt. Alle bekannten Risiken sollten den Probanden erläutert werden. Auch jenes, dass sie eventuell ihr Verhalten ändern, ohne es selbst zu merken.

Gerade im psychologischen Bereich erhoffen sich Experten große Fortschritte durch die Virtuelle Realität. Forscher des University College in London arbeiten daran, Depressionen mittels Virtueller Realität zu therapieren. In einem ersten, kleinen Experiment versetzten sie 15 Patienten mehrmals in ihren eigenen Körper in einer virtuellen Umgebung. Dann ließen sie die Probanden mit einem weinenden Kind zusammentreffen, das sie trösten sollten. Die Teilnehmer taten das erfolgreich, woraufhin die Forscher die Rollen tauschten. Die Probanden schlüpften in den Körper des Kindes und wurden getröstet. Laut Projektleiter Chris Brewin hätten die Patienten die Methode als „enorm machtvoll“ beschrieben. Neun der 15 Patienten beschrieben noch einen Monat später, dass sich ihre Depressionen gebessert hätten. „Das Ziel war, den Patienten beizubringen, weniger kritisch zu sich selbst zu sein und sich selbst besser trösten zu können.“ Die Forscher hoffen auf ein schnelles Fortschreiten der Technologie. Sie wollen weitere Versuche mit größeren Probandengruppen machen, die auch länger dauern.

Angesichts solcher Berichte beginnen erste Nutzer bereits mit Selbstversuchen. So beschreibt ein Nutzer des Chatrooms AltspaceVR – eine Plattform, auf der sich Nutzer in einer dreidimensionalen Welt treffen können –, dass er an seiner Angststörung arbeitet. In der echten Welt hat er Angst, wenn Menschen ihm zu nahe kommen. In der virtuellen Umgebung testet er, wie lange er die Nähe aushält – wohl wissend, dass er jederzeit aussteigen kann. „Wenn es zu viel wird, beame ich mich einfach weg.“

Allerdings sollten Forscher keine falschen Hoffnungen wecken, was die Möglichkeiten der neuen Technologie angeht, warnt Madary. Gerade im klinischen Bereich ist das heikel. Der italienische Neurowissenschaftler Salvatore Aglioti von der Universität Rom erinnert sich an einen gelähmten Probanden, der hoffte, sich durch VR in einen anderen Körper versetzen und diesen mittels Gedankenkraft über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle bewegen zu können. Bei anderen Probanden hatte das teilweise geklappt, bei ihm nicht. Nach dem Experiment wirkte er völlig entmutigt. „Zuvor war ich nur gelähmt“, sagte er zu dem Wissenschaftler, „jetzt bin ich richtig gelähmt.“

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