Virtuos und respektlos

BERLINER FESTSPIELE Theatertreffen vom 5. bis 20. Mai unter dem Motto "Unter Freunden"

BLZ
4 Min

Unter dem Motto "Unter Freunden" versammelt sich zum Theatertreffen im Mai wieder die ganze Theaterfamilie in Berlin: Regisseure, Darsteller, Autoren, Journalisten und theaterbegeisterte Gäste aus dem In- und Ausland. Das Festivalzentrum ist wie jedes Jahr das Haus der Berliner Festspiele. Weitere Spielorte sind das Deutsche Theater, das Maxim Gorki Theater, die schaubühne am lehniner platz und die Sophiensæle.Eröffnet wird das Theatertreffen am 5. Mai mit Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart" vom Thalia Theater Hamburg in der Inszenierung von Nicolas Stemann. Das Frauenpaar aus Schillers "Maria Stuart" - Maria und Elisabeth - bildet die Folie, auf welche die Auseinandersetzung zwischen Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof projiziert wird: "Das Volk, zu dessen allerbesten Freunden wir uns aufgeschwungen haben, will uns nicht, versteht uns nicht, womöglich hat es bessere Freunde." In Stemanns Jelinek-Interpretation werden die Themen Macht und Machtlosigkeit im Kontext medialer Realität zur knalligen Farce, zur in boshafte Ironie getauchten Nummernrevue spätkapitalistischen Theaters.Auch Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Sartres Idealismus-Existentalismus-Drama "Die schmutzigen Hände" (ebenfalls vom Thalia Theater Hamburg) wird zur grotesken Slapstick-Komödie, die virtuosen Schauspieler werden zu Existenzclowns, die die gleiche Frau begehren und um Jessica, Hugos Frau, herumtänzeln. In beiden Stücken geht es um die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen. Beide werfen die Frage nach der Rechtfertigung von Gewaltanwendung auf und ob in bestimmten Situationen der Zweck die Mittel heiligt. Beide Inszenierungen sind virtuoses Theater und gehen angenehm respektlos mit den gesellschaftlichen Mythen der jüngsten Geschichte um.Mit Dimiter Gotscheff ("Der Tartuffe") und Jürgen Gosch ("Der Gott des Gemetzels") sind zwei Regisseure zum Theatertreffen eingeladen, die - trotz ihrer unterschiedlichen ästhetischen Handschrift - eines verbindet: Nach vielen Aufs und Abs in ihrem Theaterleben sind sie unbestreitbar im Theater-Olymp angekommen. Als Zweifler und Verstörer mit großer Liebe zu ihren Schauspielern waren sie wiederholt mit ihren Arbeiten beim Theatertreffen zu Gast. In diesem Jahr zu erleben: Dimiter Gotscheff mit seinem konsequent an Heiner Müller geschulten Scharfblick auf Molières "Tartuffe" und Jürgen Goschs pointierte Uraufführung von Yasmina Rezas neuestem Erfolgsschlager "Der Gott des Gemetzels" vom Schauspielhaus Zürich.Jungsein ist das Thema - auch und gerade bei den Klassikern -, was das großartige Schauspielertheater der Bühnen-"Stars" aus der Generation um die dreißig belegt. So Fritzi Haberlandt als hinreißend heutige Lotte in Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" (Maxim Gorki Theater Berlin), an ihrer Seite der schlaksige Hans Löw als Werther, auch in Kriegenburgs Sartre-Inszenierung als Hugo zu erleben. Sandra Hüller, im vergangenen Jahr u.a. mit dem Deutschen Filmpreis und dem Silbernen Bären für ihre Rolle im Film "Requiem" ausgezeichnet, steht als Dido, Königin von Karthago, auf der Bühne (Theater Basel), und die erst 28-jährige Constanze Becker, eine der "Spielwütigen" aus Andres Veiels Film, wurde von Michael Thalheimer ans Deutsche Theater Berlin geholt und gleich mit der tragenden Partie der Klytaimestra in Aischylos' "Die Orestie" besetzt.Neben den zehn ausgewählten Inszenierungen bietet das Theatertreffen wieder ein reiches Rahmenprogramm mit Preisverleihungen, Gesprächen, Konzerten der "Nachtmusik" und vielen (öffentlichen) Premierenpartys. Ein Höhepunkt gleich zu Beginn (Sonntag, 6. Mai, 12 Uhr) ist die Verleihung des Theaterpreises Berlin an Ulrich Matthes. Zwei öffentliche Diskussionen mit prominenten Teilnehmern zu den Themen "Freund- und Feindbilder zwischen Ästhetik und Realität" (Montag, 7. Mai 19.30 Uhr) und "Neue Freunde und Formen des Kulturaustausches" (Sonntag 13. Mai 17 Uhr) vertiefen das diesjährige Festival-Motto.NachwuchsbörseAuch in diesem Jahr bietet die Plattform tt talente mit Stückemarkt, Internationalem Forum und Festivalzeitung wieder 61 jüngeren Theatermachern die Chance zur professionellen Weiterentwicklung. Der Stückemarkt stellt fünf neue Stücke aus Europa vor: Zwei deutschsprachige und jeweils ein Stück aus der Türkei, Finnland und Großbritannien werden von namhaften Regisseuren eingerichtet und erstmalig in szenischen Lesungen im Haus der Berliner Festspiele präsentiert. Die Fortsetzung des im letzten Jahr so erfolgreich initiierten "Talentetreffens", einer ganztägigen Messe für Austausch und Vernetzung, unterstreicht die wichtige Funktion des Festivals bei der Talente-Förderung."Die Festivalzeitung - Das Blatt zum Theatertreffen" spiegelt das Theatertreffen aus der Sicht von sechs Nachwuchskritikern und einer Fotografin wider. Sie erscheint an den beiden Samstagen während des Festivals als Beilage der Berliner Zeitung und liegt an allen Spielorten aus.------------------------------THEATERTREFFENvom 5. bis 20. Mai 2007.Karten an der Kasse im Haus derBerliner Festspiele am 28. April von 10-18 Uhr (Nummernausgabe ab9 Uhr). Ab 30. April täglich 14-18 Uhr(Kasse am 1. Mai geschlossen).Karten auch online unterwww.theatertreffen-berlin.deVorverkauf für "Die Orestie" ab sofort auch am Deutschen Theater.Veranstalter:Berliner Festspiele -Ein Geschäftsbereich derKulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH, Schaperstraße 24, 10719 Berlin.Informationen unter Telefon: (030) 254 89-100, Fax -230www.berlinerfestspiele.de------------------------------Foto: "Ulrike Maria Stuart" eröffnet am 5. Mai das Theatertreffen.------------------------------Foto: "Der Tartuffe" in der Regie von Dimiter Gotscheff------------------------------Foto: "Drei Schwestern", Regie: Andreas Kriegenburg, Münchner Kammerspiele.------------------------------Foto: "Viel Lärm um nichts", Regie: Jan Bosse, Burgtheater Wien.

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